bedeckt München
vgwortpixel

Deutschlands Innovationsangst:Partizipation ist immer leichter - aber niemand macht mit

Stattdessen sind wir eine überversicherte, risikoaverse Verweigerungsgesellschaft. Die Verantwortung für die nachkommenden Generationen übernehmen wir, da unser Hauptinteresse der eigenen Besitzstandswahrung und Unveränderlichkeit der Lebensverhältnisse dient, was mit "Nachhaltigkeit" und "Entschleunigung" oder auch mit "Partizipation" (Stuttgart 21 lässt grüßen) bemäntelt wird, längst nicht mehr. Auf bemerkenswerte Weise wird das durch eine soeben veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung illustriert.

Demnach begrüßen die Bürger in ganz Deutschland die sich verbreitenden Möglichkeiten zu mehr Bürgerbeteiligung, denn diese stärke die repräsentative Demokratie. Ist das so? Tatsächlich sieht die Realität anders aus. Zwar gibt es immer mehr Möglichkeiten der Partizipation und des Gehörtwerdens angesichts umstrittener Infrastrukturprojekte, was auch richtig so ist und eine Konsequenz aus dem Stuttgart-21-Desaster; aber tatsächlich werden diese Möglichkeiten gar nicht wahrgenommen. Erst im Mai kam eine repräsentative Forsa-Umfrage zum Ergebnis, dass sich die Bundesbürger entgegen der überall anzutreffenden Beteiligungseuphorie nur "mäßig bei Planungsvorhaben" einbringen. Bürgerbeteiligung darf vorerst als Lippenbekenntnis gelten. Nicht anders war das, als zuletzt in Sachsen gewählt wurde und die Wahlbeteiligung unter 50 Prozent absackte. Mit der Folge: Eine Minderheit sagt jetzt der Mehrheit, wo es langgeht.

Wir leben in einer Ära, in der alles zum Museum werden soll - und der Mut zum Neuen fehlt

Den debattenträchtigen Erregungsritualen zufolge (Flughafen, Startbahnen, S-Bahn-Tunnel, Hochhäuser, Schulreformen . . .) könnte man das Gefühl haben, es gäbe gar keine Politikverdrossenheit. Tatsächlich hat sie sich nur getarnt. Und Politikverdrossenheit, oft gepaart mit Fortschrittskritik und Anti-Ökonomie-Gezeter, führt nicht dorthin, wo die Innovationsweltmeister wohnen.

Die Gesellschaft kann sich immer schwerer über Neuerungen verständigen, die meist evolutorische Notwendigkeiten darstellen, da es auch in Gesellschaften (wie in der Natur selbst) nun mal keinen Stillstand geben kann. Der Neuerungssucht, die es selbstverständlich auch gibt, steht ein Festhalten am Gewohnten gegenüber. Zunehmend diametral, zunehmend unfähig zum Konsens, in dem der wahre Kern der Demokratie als erneuerungstaugliche Gesellschaftsform liegt.

Die Gründe für dieses Festhalten, für die als bedrohlich empfundene Veränderung, die mit allen Mitteln bekämpft wird, sind vielfältig. Angst gehört dazu. Auch Hysterie. Dazu die durchaus fragwürdige Bilanz einer allzu technikverliebten Moderne, die unser Leben nicht nur verbessert, sondern auch verschlechtert hat. Dazu das Unbehagen an einer Wirtschaftsform, die selbst mal dringend erneuert werden müsste. Es ist aber auch modisch, im Neuen das Böse zu erblicken. Früher bestand der Mainstream aus Optimisten, die glaubten, man werde das alles schon irgendwie wuppen: Atomkraft, Ressourcenverbrauch, Beschleunigung . . .

Heute besteht der Mainstream aus Pessimisten und Nörglern, aus Apokalyptikern und Endzeitpropheten, die das nahe Ende verkünden. Das mag nicht zuletzt auch mit der überalterten Gesellschaft zu tun haben, denn auch alte Gesellschaften tun sich schwer mit Innovationen. Wie George Bernard Shaw einst schrieb: "Alte Männer" (wie auch Frauen) "sind gefährlich. Ihnen ist die Zukunft egal." Und Innovationsweltmeister wollen sie erst recht nicht mehr werden.