bedeckt München
vgwortpixel

Deutschlands Innovationsangst:Deutschland ein Hort der Zukunftsverweigerung

Illustration: Lisa Bucher

Auf diesem Terrain sollen Unternehmen, Wissenschaftler und andere Beteiligte gefördert werden. Wirtschaft und Wissenschaft, Theorie und Praxis sollen besser kommunizieren und interagieren. Das ist alles nicht ganz neu (also auch selbst nicht besonders innovativ) - und doch wäre das Ziel richtig beschrieben, würde nicht etwas Entscheidendes auf dem Weg zum etwas dusseligen Titel eines "Innovationsweltmeisters" fehlen. Nämlich die Einsicht eines Landes und seiner Bevölkerung in die Notwendigkeit technischer, gesellschaftlicher, letztlich kultureller Innovationen. Die Lust am Fortschritt, die Freude am Morgen, die Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt: Nichts davon ist in Deutschland, in diesem Oberjammergau der Bedenkenhaftigkeit, zu spüren.

Deutschland, einst tatsächlich eines der modernsten und findigsten Länder der Welt, lässt sich schon seit Jahren als überalterter und saturierter, ja querulatorischer Hort der Fortschrittsfeindlichkeit und Zukunftsverweigerung beschreiben. Dieses Land als Innovationsweltmeister zu annoncieren, dazu gehört jener Mut, der dem Wahnsinn gleicht und der an der Spree in masterplanverliebten Ministerien gedeiht. Mit den Fakten hat das nichts zu tun.

Der Global Innovation Index untersucht Jahr für Jahr anhand von 84 Kriterien die Rahmenbedingungen und die effektiv erzielten Innovationsleistungen unterschiedlicher Länder. Das Ergebnis für 2014: Deutschland liegt weit hinter der Schweiz (Platz 1) und auch hinter Ländern wie Großbritannien, Schweden, Niederlande, Dänemark oder Irland auf Platz 13. Also in der Nähe des bekannten Hightech-Hotspots Neuseeland. Noch im Jahr 2009 belegte Deutschland den zweiten Platz. Es rutscht ab, verliert den Anschluss.

Herdprämienmäßig liegen wir dagegen weit vorn

Das gilt auch für das Ranking im World Competitiveness Report, den das Weltwirtschaftsforum diese Woche veröffentlicht hat. Hier, wo die Wettbewerbsfähigkeit von 144 Nationen gemessen wird, belegt Deutschland in der besonders wirkmächtigen Disziplin, in der es um die Dynamik von Firmengründungen geht, einen sensationellen 106. Platz. Im Bereich Staatsschulden: Rang 118. Mütterrententechnisch und herdprämienmäßig liegen wir dafür uneinholbar vorne. Auch in jener globalen Konkurrenz, in der es um die jahrzehntelange Ausdauer und energieabsorbierende Inbrunst geht, mit der über die Tieferlegung von Bahnhöfen oder die Erhebung einer Maut gestritten wird, dürften wir unerreicht sein. Da macht uns, auf Jahre und Jahrzehnte, keiner was vor.

Natürlich, Deutschland gilt insgesamt immer noch als ein durchaus wettbewerbsfähiges Land (Platz 5) im Reich der Volkswirtschaften, als ein Land, in dem - siehe Platz 13 im Global Innovation Index - auch Innovationen Platz haben. Immer noch. Nur: Deutschland bleibt unter seinen Möglichkeiten. Und - das ist das Alarmierende - es handelt sich um eine Tendenz mit Sogwirkung. Zudem liegt das nicht nur an den Rahmenbedingungen, denen man mit Masterplänen aufhelfen kann, sondern es liegt an einer atmosphärischen Verstimmung, die niemand kontrollieren kann. Es geht um eine geistige Grundhaltung.

Drei Thesen

Früher: Glaubte die Mehrheit, man werde alles schon irgendwie wuppen

Heute: Besteht der Mainstream aus Pessimisten, Nörglern und Endzeitpropheten

Morgen: Haben wir unsere Zukunft verspielt - und die unserer Kinder auch

Im Gegensatz zu früheren Zeiten ist Deutschland die gesamtgesellschaftliche Fähigkeit abhandengekommen, in die Zukunft zu denken. Der überparteilichen Fraktion pseudoengagierter, im Grunde anti-, nämlich stimmungsdemokratischer, habituell erregungsbereiter Empörlinge, denen es meist um das Verhindern und leider nur selten um das Gestalten geht, mehr auch um Partikularinteressen als um das Gemeinwohl, und die überall korrupte Unternehmer, käufliche Medien, neoliberalen Irrsinn und politische Inkompetenz wittern, fehlt es an einer entscheidenden Ressource: am Mut. An Aufgeschlossenheit. An Verantwortlichkeit.