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Deutschland wird zum Stromimporteur:Atomstrom aus der Nachbarschaft

Deutschland schaltet ab: Wegen des Moratoriums wird in Süddeutschland der Strom knapper. Zunehmend wird Strom aus dem Ausland importiert - vor allem die Atom-Nation Frankreich beliefert jetzt Deutschland.

Seit das Atommoratorium gilt, produziert Deutschland weniger Strom. Um das auszugleichen, muss mehr Strom aus dem Ausland importiert werden - und der kommt ausgerechnet aus Frankreich. Dabei werden dort fast 80 Prozent der Energie aus Kernkraft gewonnen.

A woman looks at cooling towers of France's Electricite de France nuclear power station in Saint Laurent, Central France

Ein Atomkraftwerk in Saint-Laurent: Frankreich bezieht den Großteil seiner Energie aus der Kernkraft. 58 Reaktoren stehen im Land.

(Foto: REUTERS)

Während Anfang März meist noch etwa ein Gigawatt Strom aus dem Nachbarland importiert wurde, sind seit dem Moratorium oft um die drei Gigawatt über die Grenze geschickt worden. Der Verband der Europäischen Netzbetreiber stellt diese Daten in einer interaktiven Grafik zu Verfügung. (Um die Zahlen zu sehen, ist eine kostenlose Registrierung erforderlich.)

Auch aus Tschechien wird mehr Strom importiert. Unser östlicher Nachbar produziert rund ein Viertel seiner Energie mit Atomkraftwerken. Die Import-Export-Zahlen schwanken stündlich. An einem überwiegend sonnigen Tag wie Sonntag, an dem außerdem weniger Energie verbraucht wird, war Deutschland beispielsweise wieder Nettostromexporteur.

So war es lange: Eigentlich produziert Deutschland mehr als genug Strom. Einer Kapazität von 120 Gigawatt steht eine Maximalnachfrage von 80 Gigawatt zur Mittagszeit gegenüber. Zum Vergleich: Die sieben ältesten deutschen Atommeiler haben eine Leistung von etwa sieben Gigawatt. Doch ist auf Sonne und Wind kein Verlass. Wenn diese erneuerbaren Energiequellen gerade keinen Strom liefern, müssen sie kurzfristig ausgeglichen werden. Dazu kommt, dass Windenergie vor allem in Norddeutschland produziert wird - und es fehlt an Hochspannungsleitungen sie nach Süddeutschland zu transportieren. Doch genau hier stehen die Atomkraftwerke, die gerade stillstehen und vielleicht nie wieder hochfahren. Deswegen springen die Nachbarn Süddeutschlands ein, Tschechien und Frankreich. In nördliche Anrainerstaaten wird weiter Strom aus Deutschland geliefert, beispielsweise in die Niederlande, jedoch oft weniger als vor dem Moratorium.

Der Knackpunkt bei der Energiewende ist die Netzstabilität. "Das Netz wurde in der Vergangenheit viel zu wenig ausgebaut", sagt Claudia Kemfert, Energieökonomin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, zu sueddeutsche.de. "Lange Genehmigungsverfahren können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten." Doch Umweltschützer protestieren gegen Stauseen, die überschüssige Energie dann speichern könnten, wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Bürgerinitiativen demonstrieren gegen Hochspannungsleitungen.

RWE-Manager warnt vor Stromknappheit, Greenpeace dementiert

Der RWE-Manager Fritz Vahrenholdt spricht in einem Interview mit der Welt davon, dass Planungs- und Bauzeit der Leitungen bisher zwölf Jahre und länger gedauert hätten. Pumpspeicherwerke zu realisieren, bräuchte ähnlich lange. Aktuell wird ein Atomausstieg in deutlich kürzerer Zeit diskutiert. "Wenn wir alle Kernkraftwerke im Süden Deutschlands abschalten, müssten vielleicht sogar ganze Städte abgeschaltet werden, um einen Blackout zu vermeiden", sagte Vahrenholdt, der früher SPD-Umweltsenator in Hamburg war.

Nach Berechnungen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft stiegen die Preise im Strom-Großhandel seit Beginn des Moratoriums im Schnitt um rund zwölf Prozent. Inwiefern das einen Preisanstieg für die Privatkunden bedeutet, kann der Verband noch nicht abschätzen.

Greenpeace kritisiert diese Äußerungen als "billige Panikmache". Die Konzerne und ihre Lobby versuchten nun, angesichts drohender Gewinneinbußen Ängste in der Bevölkerung zu schüren, sagt ein Sprecher Spiegel-Online. Die gestiegenen Importe erklärt er durch das Marktverhalten, sich immer mit dem günstigsten Strom zu versorgen - das könne eben auch französischer Atomstrom sein.