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Deutschland:Wenn der Staat die Arbeit verleidet

Ökonomen suchen nach Rezepten gegen die zunehmende Ungleichheit. Und setzen bei der Bildung und der Steuer an.

Es gab eine Zeit, da glaubten die Ökonomen, die Ungleichheit sei besiegt. Simon Kuznets zeigte Mitte des 20. Jahrhunderts: Erreicht die Wirtschaftsentwicklung die Massen, nähern sich Arme und Reiche an - ganz im Gegensatz zur These der Neoklassiker. Inzwischen aber scheint auch Kuznets' Optimismus widerlegt: Seit den 1980er-Jahren nimmt die Ungleichheit in den Industriestaaten wieder zu, wie Thomas Piketty unermüdlich thematisiert. Passend dazu widmete jetzt das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) den Auftakt seiner 20-Jahr-Feier Lösungsideen.

"Digitalisierung, Globalisierung, Demografie und Migration schaffen neue Konkurrenzsituationen", resümiert IZA-Chef Hilmar Schneider. "Es gibt mehr zu verlieren als in der Vergangenheit". Zuvor hatte zwar Christoph Schmidt, Vorsitzender der Wirtschaftsweisen, vor einer "Skandalisierung des Unspektakulären" gewarnt. Deutschland erlebe einen echten Jobboom. Die Nettoeinkommen seien von Anfang der 90er- bis Mitte der Nullerjahre ungleicher geworden und seitdem nicht mehr. Doch ist das schon ein Erfolg?

Um die Ungleichheit zu dämpfen, wirbt Schneider etwa für einen anderen Umgang mit Langzeitarbeitslosen. Sie hätten oft schwere Zurückweisungen erlebt und Angst vor dem Bewerbungsgespräch. "Da braucht es eine Rundumbetreuung, damit sie wieder Zutrauen zu sich selbst finden. Das ist teuer, aber eine soziale Gesellschaft sollte sich das leisten". Schneider stellt sich einen "investiven Sozialstaat" vor, der etwa 25- bis 35-Jährige nachqualifiziert, die kaum Ausbildung haben.

Der Bildungserfolg ist in Deutschland extrem von der Herkunft bestimmt, sagt Thomas Dohmen, Mikroökonom aus Bonn. "Deutschland schneidet da international schlecht ab". Während nur 30 Prozent der Kinder aus ärmeren Verhältnissen aufs Gymnasium gehen, sind es in Elternhäusern mit über 5000 Euro Monatseinkommen 90 Prozent. Unterschiede können zum Beispiel durch Programme wettgemacht werden, in dem Ehrenamtliche regelmäßig Kinder aus benachteiligten Familien besuchen, sie beraten, vorlesen oder Museen besuchen. Dies steigert soziale Fähigkeiten, reduziert die Jugendkriminalität und bringt mehr Kinder aufs Gymnasium. Wichtig ist, dass die Maßnahmen früh ansetzen, schon in der 2. Klasse, nicht erst, wenn die Entscheidung für einen Schultyp schon gefallen ist.

Andreas Peichl vom Münchner Ifo-Institut nimmt die bestehenden Versuche unter die Lupe, die Ungleichheit per Steuern und Transfers zu dämpfen. Er konstatiert, dass seit Mitte der Nullerjahre mit der Agenda 2010 und Steuerreformen weniger von oben nach unten umverteilt wird als vorher - "die Ungleichheit könnte andernfalls niedriger sein". Am meisten sorgt ihn, dass Geringverdienern Anreize genommen werden, mehr zu arbeiten, weil soziale Leistungen nicht aufeinander abgestimmt sind. Alleinerziehende verlieren durch den Wegfall von Leistungen ab 1700 Euro Bruttolohn mehr als 100 Prozent jedes Euros, den sie dazuverdienen. Ihr Nettoeinkommen sinkt.

Auch sonst gibt es seltsame Anreize. Singles mit mehr als 6000 Euro Einkommen im Monat behalten von jedem dazuverdienten Euro 56 Cent - genauso wie eine Familie mit zwei Kindern, die etwa den Durchschnittslohn von 3500 Euro verdient und vielleicht stärker der Förderung bedarf. Einer Familie mit mehr als 7500 Euro dagegen bleibe von jedem zusätzlichen Euro deutlich mehr. Gutverdiener, die von zusätzlichem Verdienst viel behalten, arbeiten deshalb Vollzeit. Wenigverdiener, die viel abgeben müssen, höchstens Teilzeit. "Das steigert die Ungleichheit", kritisiert der Forscher. Nirgends in der OECD dürfen Gutverdiener so viel von der Steuer absetzen wie in Deutschland. Deshalb fällt die Umverteilung geringer aus, als es zunächst den Anschein hat.

Peichl hat mit seinen Berechnungen, wie der Staat Wenigverdienern das Arbeiten verleidet, bereits einiges Echo ausgelöst. Beim IZA-Kongress in Berlin erzählt er, ihn habe daraufhin ein pensionierter Kollege vom Ifo-Institut beiseitegenommen und ihm sein Buch von 1987 gezeigt. Der Kollege beschrieb darin ganz ähnliche Probleme. Um die Ungleichheit zu bekämpfen, muss man also gar nicht immer laute neue Rezepte erfinden. Es würde schon helfen, wenn die Politik mal die alten ernsthaft umsetzt.

© SZ vom 29.06.2018
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