Eigentlich ist es ja fast ein Wunder: Dass man mit einer Technik, die zu nichts anderem erfunden und ausgebaut wurde, als zu telefonieren, auch im Internetzeitalter noch über die Runden kommt. Dass aber die alten Kupferkabel, über die die Mehrzahl der Haushalte in Deutschland noch immer Zugang zum Internet erhalten, ersetzt werden müssen, und zwar nicht zu spät, ist auch klar. Die Frage ist, wie das denn konkret gehen soll.
Die Lage ist nämlich reichlich komplex. Da gibt es den großen Ex-Monopolisten Deutsche Telekom, der direkt und indirekt zu 30 Prozent dem Staat gehört, und auf der anderen Seite eine Vielzahl an Wettbewerbern – von kleinen Stadtwerken bis zu großen Konzernen. Die Interessen liegen da weit auseinander. Dem versucht nun die Bundesnetzagentur mit einem Konzept zur Regulierung Rechnung zu tragen, Motto: Deutschland brauche „ein zukunftsorientiertes Internet-Upgrade“, also Glasfaser.
Das Papier, das am Montag veröffentlicht wurde, greift die Diskussion auf, die sich um das Thema entwickelt hat. Und stellt dabei fest, dass es mit den bisherigen Regeln des Telekommunikationsgesetzes nicht weitergeht. Darin wird etwa der Deutschen Telekom bisher das alleinige Recht zugestanden, die Umstellung eines bestimmten Gebietes von Kupferkabeln auf Glasfaser anzustoßen.
Bliebe das so, könnte die Telekom die Umstellung nur dort beantragen, wo sie selbst bereits Glasfaser ausgebaut hat und andererseits dort auf die Bremse treten, wo Wettbewerber wie etwa die Deutsche Glasfaser oder andere die teure Investition getätigt haben. Für die Wettbewerber wäre das wirtschaftlich schwierig und der Ausbau von Glasfaser insgesamt würde sich verzögern.
Deshalb schlägt die Bundesnetzagentur vor, dass künftig auch Wettbewerber oder auch die Behörde selbst die Umstellung beantragen können sollen. Dafür sollen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Zum einen müssten 80 Prozent eines Gebietes bereits mit Glasfaser versorgt sein, und zwar mit einer Leitung bis ins Haus. Zum anderen schlägt die Bundesnetzagentur auch vor, dass es eine Pflicht für Open Access geben soll, also dass ein Unternehmen ein anderes gegen Gebühr auf sein eigenes Glasfasernetz lässt. Glasfaser-Firma X müsste seine Leitungen dann auch dem Anbieter Y zur Verfügung stellen, mit dem Ziel, dass die Kunden zwischen mehreren Anbietern wählen können.
Dass es Deutschland langfristig schadet, wenn der Ausbau der zukunftsfähigen Glasfasernetze nicht vorankommt, zeigt eine Studie des Beratungsunternehmens Kearney. In der neuen geopolitischen Lage, in der sich Deutschland und Europa zusehends auf sich allein gestellt sehen, sei „eine leistungsfähige digitale Infrastruktur unabdingbar und die Grundvoraussetzung für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts“, sagt Christoph Neunkirchen, Partner bei der Beratungsfirma.
Die Umstellung wird dauern
Zwar ist in den vergangenen Jahren viel Geld in den Ausbau von Glasfaserleitungen geflossen, Kapitalgeber witterten im digital rückständigen Deutschland eine Chance, gut zu verdienen. Doch die Sache war erheblich komplexer als gedacht. Größtes Problem: In Deutschland wurden anders als etwa in Spanien die Kupferleitungen so weit ertüchtigt, dass sie mit ihrer maximalen Bandbreite von 250 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) den meisten Nutzern reichen.
Außerdem gibt es auch noch Internet über Fernsehkabel mit theoretisch bis zu 1000 Mbit/s. Während in Spanien das Netz vielfach so schlecht war, dass die Menschen gerne zu Glasfaser wechselten, ist man in Deutschland eher zögerlich. Im European Telecom Health Index von Kearney rangiert Deutschland bei der digitalen Leistungsfähigkeit nur auf Platz 15 von 20, also im untersten Drittel.
Die Bundesnetzagentur erwartet allerdings, dass die Umstellung noch mindestens zehn Jahre dauern werde. Demnächst wird der Digital Networks Act der EU erwartet, auch das Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung möchte den Glasfaserausbau voranbringen. Bis dato läuft der Ausbau eher schleppend, vor allem aber greifen die Kunden, die es könnten, nicht so zu wie erhofft.
