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Deutschland:Armutsrisiko steigt auf höchsten Stand seit der Wiedervereinigung

Genug ist da: Verteilung von Obst in München, das sonst weggeworfen worden wäre.

(Foto: Catherina Hess)

Betroffen sind vor allem viele Flüchtlinge.

Die Wirtschaft in Deutschland läuft gut, immer mehr Menschen haben einen Job - trotzdem ist 2015 die Zahl der Menschen gestiegen, die von finanzieller Armut bedroht sind. Das liegt aber ausschließlich an der Zuwanderung beziehungsweise der schlechten Lage der Flüchtlinge. Dies geht aus neuen Daten des Statistischen Bundesamtes hervor, die Eric Seils vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ausgewertet hat. Die gestiegene Zahl von Schutzsuchenden in Deutschland hat demnach nicht dazu geführt, dass sich die wirtschaftliche Situation der einheimischen Bevölkerung verschlechtert hat.

Als armutsgefährdet gelten nach der in der EU gängigen wissenschaftlichen Definition Personen in Haushalten, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland beträgt. 2014 lag diese Einkommensschwelle für einen Single-Haushalt bei netto 917 Euro, für ein Paar mit zwei kleinen Kindern bei netto 1926 Euro. Die neuen Zahlen für 2015 wird das Statistische Bundesamt am Donnerstag veröffentlichen.

Der Forscher sagt: Einwanderung führt nicht zu einer Verarmung der einheimischen Bevölkerung

Bekannt ist aber schon, dass das Armutsrisiko im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2014 von 15,4 auf 15,7 Prozent gestiegen ist. Das ist der höchste Stand seit der Wiedervereinigung. 1991 lag die Quote noch bei 10,5 Prozent. Seit 2006 ist sie, nicht immer stetig, gewachsen. WSI-Forscher Seils hat sich nun die Daten genau angeschaut. Das Ergebnis: Der Anstieg im vergangenen Jahr beruht ausschließlich auf der deutlichen Zunahme beim Anteil der armutsgefährdeten Menschen, die zugewandert sind oder aus solchen Familien stammen. Bei Bürgern ohne Migrationshintergrund liegt der Anteil derjenigen, die von monetärer Armut bedroht sind, hingegen bei unverändert 12,5 Prozent.

"Die Daten widersprechen der Vorstellung, dass die Einwanderung zu einer Verarmung der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund beitragen würde", sagt der Sozialforscher. "Es ist vielmehr so, dass die Neuzuwanderer aus den vergangenen beiden Jahren zeitverzögert in der Statistik auftauchen." Da sie meist ein sehr niedriges Einkommen haben, schlage sich dies in der Quote für das Armutsrisiko nieder. So sind gerade die Bevölkerungsgruppen, die neu in die Bundesrepublik gekommen sind, besonders gefährdet: Von jenen, die vor weniger als fünf Jahren eingewandert sind, leben 41,9 Prozent unter der Armutsgrenze. Vor allem Bürger aus Herkunftsländern der gegenwärtigen Einwanderungswelle weisen extrem hohe Werte auf. Dies gilt etwa für syrische (78,1 Prozent), irakische (65,0 Prozent), pakistanische (59,3 Prozent) und afghanische (58,1 Prozent) Einwanderer. Seils warnt aber davor, diese Zahlen zu dramatisieren. Ein Vergleich mit vorangegangenen Einwanderergruppen zeige, dass das Risiko, in dieser finanziell heiklen Situation zu bleiben, mit zunehmender Aufenthaltsdauer sinkt.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hatte bereits Ende 2015 prognostiziert, dass mit den Flüchtlingen die Quote für die Armutsgefährdung zunehmen wird. Schließlich hätten es diese Menschen "zunächst schwer, aus eigener Kraft ein Einkommen zu erwirtschaften. Bevor Flüchtlinge in Deutschland arbeiten dürfen, müssen sie in der Regel ihr Asylverfahren durchlaufen und eine Aufenthaltsberechtigung bekommen, also einen Aufenthaltstitel". Deshalb werde die große Mehrheit der Flüchtlinge zunächst von staatlichen Sozialleistungen leben und könne die Armutsschwelle von 60 Prozent des mittleren Einkommens nicht überspringen. Gelinge es aber, auch nur einem Teil der Flüchtlinge zu einem Job zu verhelfen, falle der Zuwachs der Quote wieder geringer aus.

Viele Zuwanderer sind auch nach 25 Jahren finanziell nicht gut gestellt

Auch WSI-Forscher Seils rät zu "Augenmaß bei der Bewertung der neuen Zahlen". Es komme nun darauf an, die Zuwanderer möglichst schnell ausreichend zu qualifizieren, damit sie ihren Unterhalt aus eigener Kraft bestreiten und sich in die Gesellschaft integrieren können. Allerdings sei dies in der Vergangenheit nicht immer gelungen. So lebe von den Migranten, die vor mehr als einem Vierteljahrhundert nach Deutschland gekommen sind, noch immer mehr als ein Fünftel unterhalb der Armutsgrenze. "Dieser hohe Wert macht, ebenso wie der Umstand, dass in einer Zeit mit geringer Arbeitslosigkeit die Armutsquote insgesamt nicht sinkt, deutlich, dass Maßnahmen gegen Armut und Ungleichheit weit oben auf der Tagesordnung stehen sollten", sagt Seils.