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Deutsches Selfmade-Team in London:Die Bratwurst-Macher

Ein Ex-Bankier und eine frühere Tagesschau-Sprecherin gründen mitten in London einen deutschen Schnellimbiss. Die Bürger der Hochpreismetropole scheinen auf das Angebot gewartet zu haben.

Andreas Oldag

Dass seine Frau sich abends zu Hause mal über Bratwurstdunst beschwert habe, räumt Valentin von Amsberg ein. ,,Der Dunst klebt in den Haaren. Die Kleider stinken. Das lässt sich nicht vermeiden'', sagt er.

Es ist gewissermaßen der Berufsduft der Fast-Food-Branche. Trotz der Nebenwirkungen ist Amsberg davon überzeugt, dass er die richtige Karriere eingeschlagen hat.

Zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Ina Zimmermann von Siefart hat er die Bratwurstküche ,,Kurz & Lang'' im Londoner Zentrum gegründet. Dort verkaufen die beiden Gastronomen, was sich der Wurst-Kenner wünscht - von der knackigen Thüringer bis zur würzigen Krakauer. Dazu gibt es goldbraune Bratkartoffeln und saftiges Sauerkraut, Ketchup und Senf.

Weder korpulent noch rosa gefärbte Gesichtshaut

Das Duo vom Grill repräsentiert nicht unbedingt den Phänotypen des klassischen Imbissbuden-Besitzers: Sie sind weder korpulent noch haben sie die schweinchenrosa gefärbte Gesichtshaut, die immer ein wenig an die Grundmaterialien ihres Geschäfts erinnert.

Das mag daher rühren, dass Amsberg und Zimmermann bereits andere Karrieren hinter sich haben. Sie sind neu in der Branche.

Der gebürtige Berliner Amsberg hat Volkswirtschaft studiert. Er fing dann bei der Citibank in Frankfurt an, wechselte später zu American Express und kam nach London. Dort leitete er die Versicherungsabteilung des Kreditkartenunternehmens.

Gier nach dem ganz großen Geld hielt sich in Grenzen

Er passte damit ins Bild jener smarten, hungrigen Banker, die in der Finanzmetropole mit Millionen jonglieren. Doch die Gier nach dem ganz großen Geld und die dazugehörigen Statussymbole wie Porsche oder Ferrari hielt sich bei Amsberg in Grenzen.

Viel größer war der Hunger des 36-Jährigen, aus den eingefahrenen Firmenhierarchien auszubrechen und etwas Eigenes aufzubauen. ,,Ich hatte keine Lust mehr auf Abhängigkeiten'', sagt Amsberg. Und ich hatte die große Politik in Unternehmen satt.''

Seine Geschäftspartnerin Zimmermann hatte zwar andere Motive, aber den gleichen Drang, aus den eingefahrenen Bahnen auszubrechen. Die ehemalige Tagesschau-Sprecherin kam zusammen mit ihrem Ehemann nach London.

Doch so richtig aufregend fand sie ihr Leben nicht. ,,Es war mir zu wenig, nur die Familienmutter zu spielen und auf meine Kinder aufzupassen'', sagt die blonde 41-Jährige.

Zeiten kulinarischer Tristesse sind vorüber

Und London schien auf die Geschäftsidee der beiden Unternehmensgründer nur gewartet zu haben. Die Stadt an der Themse hat zwar jene dunklen Zeiten kulinarischer Tristesse, in denen man sich vorzugsweise von farblich undefinierbaren Baked Beans oder wabbeligen Fish & Chips ernährte, längst hinter sich gelassen.

Nach den Rezepten englischer Starköche wie Jamie Oliver bereiten mittlerweile sogar die Franzosen ihre Menüs. Zwischen den ansonsten in Londons Straßen dominierenden, preiswerten China- und Indien-Restaurants entdeckten Amsberg und Zimmermann eine Marktlücke: hochqualitatives Fastfood ,,Made in Germany''.

Bei der Umsetzung ihrer Idee gingen die beiden strategisch vor. Zunächst suchten sie den richtigen Standort. ,,Wir haben die Stadtteile regelrecht abgeklappert. Sogar nachts sind wir mal losgefahren, um zu gucken, wo potentiell die meisten Kunden auf der Straße sind'', erzählt Amsberg.

Mitten im Szeneviertel

Die Wahl fiel schließlich auf ein Ladenlokal an der St. Johns Street - mitten im aufstrebenden Szeneviertel Smithfield Market nahe der U-Bahnstation Farringdon.

Mittags laufen zum schnellen Lunch Banker und Broker aus Londons Finanzviertel zu Kurz & Lang herüber. Nachts kommt die hungrige Kundschaft unter anderem aus Londons angesagtem Club ,,Fabric''. Zwischen House-Rhythmen gönnen sich viele Partygänger Bratwurst mit Senf oder trinken auf die Schnelle ein kühles deutsches Bier.

Amsberg und Zimmermann haben sich mit ihrer Investition bewusst aufs Nötigste beschränkt. London ist ein teures Pflaster für Jungunternehmer. Die Gewerbemieten gehören mit zu den höchsten in Europa.

Überschaubares Risiko

Andererseits machen Behörden wenig Ärger mit Öffnungszeiten oder anderen bürokratischen Vorschriften - insofern war das Risiko überschaubar. Und die Wurstbrater waren von ihrem Konzept überzeugt.

,,Wir wollen den Gästen etwas Authentisches bieten. Von vornherein haben wir gesagt, es muss beste Qualität sein'', sagt Amsberg. Die Bratwurst pur kostet 3,80 Pfund (etwa 5,60 Euro). Das ist in der Hochpreismetropole, in der ein Cappuccino schon drei Pfund kostet, fast ein Schnäppchen.

Gespart wurde an der Einrichtung: Der Tresen steht in einem gerade 35 Quadratmeter großen Raum. Alles ist hell und freundlich. Ein paar Barhocker vervollständigen das Imbisslokal. Das Plus: Alles ist hell und freundlich - anders als viele britische Fish & Chips-Kaschemmen.

,,Wir kaufen Würste und Zutaten in Deutschland ein. Dadurch haben wir natürlich höhere Kosten. Aber unsere Kunden schätzen deutsche Ware'', sagt Zimmermann.

Täglich 100 bis 200 Portionen

Das Rezept der beiden Restaurantbesitzer scheint gut anzukommen: Obwohl Kurz & Lang erst seit knapp einem Jahr geöffnet hat, gehen täglich 100 bis 200 Portionen über den Tresen. Es gibt sogar Kunden, die extra mit der U-Bahn anreisen.

Zehn Mitarbeiter haben Amsberg und Zimmermann mittlerweile. Schon denken die beiden Geschäftsleute darüber nach, weitere Filialen zu öffnen. ,,Kurz & Lang soll eine Marke werden, die nicht nur in London bekannt ist'', wünscht sich Amsberg.

Kein Wunder, dass seine ehemaligen Kollegen neidisch auf den Aussteiger sind. ,,Die kommen häufig in mein Geschäft und staunen, was wir geschafft haben'', sagt der Ex-Banker.

© SZ vom 19.05.07
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