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Deutscher Mittelstand:Was macht eigentlich ... Nils Holger Moormann?

Die Biertischgarnitur Kampenwand. Verkauft sich nicht wahnsinnig gut, aber an Möbelstücken wie diesen hängt das Herz von Nils Holger Moormann.

(Foto: Moormann)

Womit verdienen Familienunternehmer ihr Geld? Wir stellen einige von ihnen vor. Ein Gespräch mit dem Möbelmacher Nils Holger Moormann über Buchposer, charmanten Kapitalismus und darüber, wie es ist, sich mit Ikea um einen Tischbock zu streiten.

Was machen Sie eigentlich?

Wir erstellen eine Möbelkollektion. Wir bauen die Möbel aber nicht selbst.

Sie haben gar keine Produktion?

Gott sei Dank nicht. Das ist ja der Trick. Ich hatte, als ich anfing, kein Geld, da war mir das Risiko einer eigenen Produktion einfach zu groß. Dann brauchen Sie Maschinen, Produktionshallen, das sind erhebliche Investitionen. Außerdem war mir die Gefahr, betriebsblind zu werden, zu groß.

Wie meinen Sie das?

Wenn man sich einen Maschinenpark leistet, ist man ständig bemüht, ihn auszulasten mit dem, was mit den vorhandenen Maschinen machbar ist. Dann denken sie nicht mehr frei. Wenn ein Designer für uns einen Entwurf in Massivholz macht, dann finden wir ein Partnerunternehmen, das den Entwurf umsetzen kann. Wenn das Möbelstück aus Aluminium sein soll, finden wir einen, der das kann. Wir suchen uns immer den Besten. Ich bin ein Freigeist, Freiheit ist das Wichtigste für mich. Wenn mir jemand sagt, was ich tun soll, drehe ich durch.

Wie kommen Sie an die Designer?

Wir werden teilweise unaufgefordert mit Entwürfen zugeschmissen, weil es heute sehr viele Designer gibt und kaum kleine Firmen, die so was machen wollen.

Wer stellt beispielsweise das Biertischmöbel "Kampenwand" für Sie her?

Die Kampenwand ist eine Kombi. Das Gestell fertigt ein Kunstschmied hier aus Aschau, die Vollholzbearbeitung macht ein anderer Betrieb. Ich möchte nur regional fertigen. Nicht da, wo es am billigsten geht. Das habe ich auch schon vor 30 Jahren entschieden. Die Handwerker, die für uns arbeiten, sind eine verlängerte Werkbank. Im Notfall setzte ich mich aufs Fahrrad und fahre hin. Mit den Jahren haben wir ein Netzwerk aufgebaut mit Spezialisten auf verschiedenen Gebieten.

Die Firma

Nils Holger Moormann GmbH

  • Sitz: Aschau
  • Gründung: 1982
  • Umsatz: keine Angabe
  • Beschäftigte: rund 30
  • Geschäftsführender Gesellschafter: Nils Holger Moormann: 61

Haben die Handwerker denn immer Zeit, wenn Moormann gerade eine Lieferung braucht?

Die Stückzahlen der Biertischgarnitur sind nicht so wahnsinnig hoch.

Sie verkauft sich nicht so gut?

Was heißt schon gut. Wir machen schon Serienfertigung. Aber die Kampenwand ist kein kommerzieller Hit. Es gibt eben Stücke, die verkaufen sich wahnsinnig gut, und Stücke, an denen mein Herz hängt. An der Kampenwand hängt mein Herz, obwohl sie kein Verkaufsschlager nicht.

Warum?

Sie hat eine Entstehungsgeschichte. Wir haben hier seit gut sechs Jahren ein Gästehaus. Für den Außenbereich haben wir im Handel nichts gefunden. Die klassischen Gartenmöbel sind entweder very british, im Kolonialstil oder sehr stylisch. Das passte alles nicht zu dem alten Bauernhaus, das wir zur Herberge umgebaut haben. Wir mussten ein eigenes Möbel entwerfen. Die Kampenwand mag ich wirklich sehr gern, weil auch eine Innovation drin steckt. Ich möchte nicht die 15. Variante eines Themas machen, weil die sich möglicherweise gut verkauft. Das geht gar nicht.

Nehmen Sie nie ein Stück aus dem Programm?

Doch. Das ist das Schlimmste. Manchmal verguckte ich mich auch in die falsche Braut. Ich finde etwas ganz toll und im Laufe der Entwicklung stelle ich fest, das ist nicht der Bringer. Wir haben mal eine Bibliotheksleiter gebaut. Die Nullserie war schon fertig. Aber das Ding passte gar nicht zu unseren Regalen. Die sind ja nichts für Buchposer, sondern für Leute, die wirklich lesen. Die können mit einer Rollleiter, die extrem viel Raum braucht, nichts anfangen. Sonst fliegen Möbel raus, wenn die Liebe weg ist oder der Markt sie auf Teufel kommt raus nicht haben will.

Wie hoch müssen die Stückzahlen sein?

Wir brauchen schon 100, damit sich ein Möbel rechnet. Wenn sie nur zehn im Jahr verkaufen, wird es schwierig. Aber solche Produkte haben wir auch.

Welches Möbel denn?

Vielleicht nicht zehn. Aber wir haben ein gespanntes Regal aus den 80er Jahren. Das lief nur am Anfang wirklich gut. Für mich ist das aber eine Design-Ikone, die werde ich nicht aus dem Programm nehmen.

Welche Möbel verkaufen sich gut?

Regale, weil sie variabel sind und zeitlos sind. Aber manchmal haben wir auch mit Einzelmöbeln unglaubliches Glück, ohne dass wir das geahnt haben. Wir haben ein ganz einfaches Bett, das nur gesteckt wird ohne Schrauben, das verkauft sich gut. Der Lesesessel mit Gummirad, Leselampe und Regalen für Taschenbücher läuft auch gut. Dabei sollte das nur ein Joke sein. Den habe ich mir selbst für eine Messe in Mailand ausgedacht. Die Möbel wollte damals keiner, aber diesen Bookinist schon. Auf den bin ich nicht so stolz. Der ist mir fast zu oberflächlich.

Was ist für Sie eine unglaubliche Stückzahl?

Tausend Stück im Jahr sind schon richtig gut. Das ist relevanter Umsatz. Wir brauchen dieses Brot- und Butter-Geschäft auch, um Kulturträger mitzutragen - Möbel, die mir wichtig sind und für gutes Desgin stehen, aber sich nicht so gut verkaufen.

Ikea verkauft vermutlich allein in Deutschland Tausend Betten an einem Tag. Wann waren Sie das letzte Mal dort?

Vor fünf Jahren. Ich habe ein paar Bilderrahmen gekauft. Ich finde Ikea schon faszinierend. Die treiben uns auch ganz gehörig Kunden zu. Für viele Menschen ist Ikea das erste Mal, dass sie sich mit Gestaltung und Design beschäftigen. Die Sachen sind ja auch nicht alle falsch.

Und bisweilen nachgemacht. Die Schweden haben Ihnen ziemlich Ärger gemacht! Warum kaufen Sie überhaupt dort ein?

Das ist 15 Jahre her. Die hatten einen Tischbock von uns kopiert. Unserer hieß Taurus, Ikea nannte die Kopie Sture, beides blöde Namen. Wir haben eine einstweilige Verfügung erwirkt. Gegen die hat dann Ikea geklagt. Der Streit ging bis zum Bundesgerichtshof, der die Revision abgewiesen hat. Ikea musste die Tischböcke aus dem Programm nehmen. Wir haben den Streit mit Humor genommen.

Was ist so lustig daran, sich als Winzling mit einem Konzern wie Ikea anzulegen?

Ohne Humor geht gar nichts. Wir haben dann von einem Illustrator so eine Art Pixi-Buch zeichnen lassen mit einem Elch, der sich durch alle Instanzen klagt. Das haben wir an unsere Händler verteilt. Wir bekamen viele Briefe von Leuten, die uns ermutigt oder Plüsch-Elchgeweihe geschickt haben. Deshalb hängen hier im Hause so viele. Gegen das Buch hat Ikea eine Abmahnung erwirkt, weil die irgendwo ihren Namen erkannt haben. Da habe ich mich gestreckt und das Büchlein nicht weiterversand. Kurze Zeit später haben wir aber ein neues Buch gemacht, in dem der Elch durch Balken zensiert ist.

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