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Deutscher Mittelstand:Was macht eigentlich ... Marcus Heinrich?

Der Mittelstand gilt als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Aber womit verdienen die Familienunternehmer eigentlich ihr Geld? Wir stellen einige von ihnen vor. Ein Gespräch mit Marcus Heinrich über Abfall und seltene Erden.

Was machen Sie eigentlich?

Wir bauen Anlagen zur Sortierung von Mineralien, Metallen und Abfällen.

Wie viele Maschinen stellen Sie im Jahr her?

Etwa 500.

Was kosten die?

Die einfachen Maschinen mit Magneten, um Metalle auszusortieren, fangen bei 10 000 Euro an. Die anspruchsvollen mit Röntgensortiersystemen, bei denen die Werkstoffe durchleuchtet werden, kosten bis zu einer halben Million Euro.

Wo werden die Maschinen eingesetzt?

Im Bergbau, in der Schrottverwertung und im Recycling. Früher haben wir mehr als die Hälfte unseres Geschäfts mit Anlagen zur Sortierung von Schrott gemacht. Es hängt auch ein wenig von der Region ab. Bergbaumaschinen verkaufen wir vor allem in Australien, Südamerika und Südafrika, da haben wir auch eigene Tochterunternehmen, weil die Abnehmer großen Wert auf zeitnahen Service legen. In Westeuropa spielt Abfallrecycling eine große Rolle. Amerika ist sehr schrottlastig.

Wie muss ich das verstehen?

Viele Autos werden nicht in Europa verschrottet, sondern gehen nach Nordafrika oder Osteuropa.

Ist es leichter einen Opel Corsa zu verschrotten als ein SUV?

Nein.

Ist es einfacher eine Bergbaumaschine zu verkaufen oder eine Abfallsortieranlage?

Es ist beides nicht einfach. Im Bergbau verhandeln wir mit Konzernen, die sehr langfristige Investitionspläne haben. Das Geschäft mit Müll hängt stark ab von den politischen Vorgaben in Europa und in der Europäischen Union. Das macht es auch nicht einfacher. Was muss sortiert werden? Wie sind die angepeilten Recyclingquoten? Am einfachsten ist das Geschäft mit Schrotthändlern. Das sind meistens Firmen im Privatbesitz mit kurzen Entscheidungswegen - die sind zuverlässig und solide.

Die Firma

Steinert Elektromagnetbau GmbH

  • Sitz: Köln
  • Gegründet: 1889 durch Ferdinand Steinert
  • Umsatz: 100 Millionen Euro
  • Beschäftigte: 300
  • Gesellschafter: Familie Buchholz
  • Geschäftsführer: Marcus Heinrich

Sind der Umgang mit Müll und die Recyclingquoten vom Wohlstand einer Nation abhängig?

Ich meine schon. In Osteuropa, Afrika oder Südamerika landet der Abfall einfach irgendwo in der Landschaft auf wilden Deponien. Da gärt er dann unkontrolliert vor sich hin. Wie hoch die Quote ist, hängt aber auch von den Stoffen ab. Bei Verpackungen liegt die Recyclingquote fast bei 100 Prozent, bei Restmüll, also allem was in der schwarzen Tonne landet, ist sie deutlich geringer, weil sich das Geschäft kaum profitabel betreiben lässt.

Wenn Sie sich die Weltkarte ansehen, wer sind die eifrigsten Abfallsortierer?

Die Deutschen sind da schon ganz weit vorne mit dabei.

Macht es Sie nicht manchmal unruhig, dass Ihr Geschäft in hohem Maße vom politischen Willen abhängt? Abhängigkeiten von der Politik mögen Unternehmer doch eigentlich gar nicht.

Es macht mich unruhig. Andererseits treibt die Politik die Dinge ja auch voran. Es darf nur nichts kosten.

Wie lange machen Sie den Job jetzt schon?

Seit Sommer 2010.

Hat sich denn Ihr privates Sortierverhalten verändert?

Nein. Wir haben schon immer sortiert, was vorgeschrieben ist. Papier, Glas, Verpackungen, Restmüll. Meine Familie und ich haben sechs Jahre lang in Australien gelebt, weil ich dort die Steinert-Tochter aufgebaut habe. Da gab es nur drei Tonnen: eine schwarze für den Restmüll, eine grüne für organische Abfälle und eine gelbe für alle Verpackung: Kunststoffe, Glas, Metallverpackungen.

Das heißt, der deutsche Verbraucher wird stärker "gequält" als unbedingt nötig?

Ja. Verpackungen aller Art lassen sich ganz gut sortieren. Für die Sortierung spielt eigentlich auch keine Rolle, ob eine Verpackung den grünen Punkt trägt oder nicht.

Da geht es dann ums Geschäft, weil die einen vorab Lizenzgebühren für die Verwertung gezahlt haben und sich um die Entsorgung nicht mehr kümmern müssen und die anderen nicht!

Ja. Im Grunde ist das so.

Gibt es denn einen Stoff, der sich heute noch nicht oder nur schwer recyceln lässt?

Das Recycling von Verbundstoffen ist schwierig.

Ein Beispiel?

Ein Tetra Pak zum Beispiel, der besteht aus einem Karton, also Pappe, einer Aluminiumfolie innen und dann noch einer Kunststoffbeschichtung. Das lässt sich nur schwer trennen.

Aber die Tendenz geht doch, wenn man sich zum Beispiel Elektrogeräte wie Smartphones ansieht, stärker hin zu Verbundstoffen?

Ja, das ist leider so.

Es ist doch ziemlich verlogen von einigen Herstellern, dass sie auf der einen Seite über Rohstoffknappheit, insbesondere von seltenen Erden, klagen und auf der anderen Seite Produkte herstellen, die sich kaum oder zumindest nur mit hohen Kosten in ihre einzelnen Fraktionen zerlegen lassen?

Das kann man so sehen. Nicht alle seltenen Erden sind so knapp, wie manche suggerieren.

Eine ziemlich steile These. Stehen Sie damit nicht ziemlich allein?

Mag sein. Aber die seltenen Erden tragen den Namen zu Unrecht. Das zeigt doch die Preisentwicklung.

Ein Beispiel, bitte?

Neodym, zum Beispiel. Das brauchen wir, um starke Permanentmagnete herzustellen. Fast die gesamte Weltproduktion stammt aus China. Anfang 2010 lag der Preis bei rund 24 Euro pro Kilo. 2012 hatte sich der Preis mehr als verzehnfacht. Da hieß es, so billig bekommen wir Neodym nie wieder. Heute liegt der Preis wieder auf einem ähnlichen Niveau wie 2010. Seltene Erden sind häufig gar nicht so selten, sie wurden hier gewollt verknappt.

Gibt es denn Stoffe, die sich automatisiert gar nicht aus dem Restmüll sortieren lassen?

Ja, schwarzer Kunststoff. Blumentöpfe, zum Beispiel. Die lassen sich durch kein optisches Verfahren trennen, weil Schwarz keine Farbe ist.

Kennen die Hersteller das Problem denn nicht?

Jeder kennt das Problem, aber die Anbieter argumentieren immer damit, dass der Kunde braune Töpfe nicht so gerne mag wie schwarze.

Wie hoch ist die Recyclingquote bei Restmüll?

Sie liegt etwa bei 50 Prozent. Als Abfallbehandlung gilt in Deutschland aber auch die thermische Verwertung in Müllverbrennungsanlagen. Ohne die sähe die Bilanz ganz anders aus. Den meisten Verbrauchern ist gar nicht bewusst, dass gut ein Drittel ihrer Abfälle dann doch nur verheizt wird.

Was könnte man den besser machen, um zu besseren Quoten zu kommen?

Feuchte Abfälle, wie zum Beispiel Windeln, könnten aussortiert und dann biologisch verwertet werden. Die verbleibenden 'trockenen' Abfälle könnten dann vollständig recycelt in den Stoffkreislauf zurückgeführt und müssten nicht mehr verbrannt werden.

Woran scheitert es?

Es gibt zu viele Müllverbrennungsanlagen, die noch nicht abgeschrieben sind. Würde weniger Abfall verbrannt, wäre die eine oder andere sicher überflüssig.

© SZ.de
Steinert Elektromagnetbau GmbH

Marcus Heinrich ist Geschäftsführer der Steinert Elektromagnetbau GmbH

(Foto: Karsten Lindemann)
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