Süddeutsche Zeitung

Deutscher Mittelstand:Was macht eigentlich ... Andrea Pfundmeier?

Der Mittelstand gilt als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Aber womit verdienen die Familienunternehmer eigentlich ihr Geld? Wir stellen einige von ihnen vor. Ein Gespräch mit Andrea Pfundmeier über ihren Dienst Boxcryptor - und wann sie das letzte Mal ihr Passwort geändert hat.

Was machen Sie eigentlich?

Wir entwickeln eine Verschlüsselungssoftware für die Sicherung von Daten in der Cloud. Die Daten werden verschlüsselt, noch bevor sie den persönlichen Rechner verlassen.

Wie haben Sie Ihrer Oma erklärt, was eine Cloud ist?

Schwierig. Meinen Eltern habe ich erklärt, dass man Daten im Internet auf Servern speichern kann. Wenn ich, zum Beispiel, eine Email über GMX verschicke, wird diese auf den Servern dieses Anbieters gespeichert. Der neumodische Begriff für diese auf der Welt verteilten Rechner ist die Cloud.

Sie haben erst gar nicht versucht, Ihrer Oma zu erklären, was Sie machen?

Nein.

Hat sie nicht gefragt?

Doch. Sie bekommt dann eine nicht sehr detaillierte Erklärung ...

... irgendwas mit Internet ...

So in der Art.

Wer sind denn Ihre größten Konkurrenten?

Es gibt viele kleine Wettbewerber wie Cloudfogger aus Göppingen oder Safemonk aus den USA. Die sind ähnlich unterwegs wie wir, aber keine Bedrohung für uns.

Was ist mit Software-Konzernen wie Symantec, Sophos oder Kaspersky?

Die fürchten wir auch nicht. Diese Konzerne richten sich an Konzerne, wir eher an den Mittelstand, Selbständige, Kanzleien, die nicht gleich mehrere Tausend Euro für Datenschutz ausgeben wollen.

Wie viele müssen sie denn für Ihre Software Boxcryptor ausgeben?

Die Grundversion für private Nutzer ist kostenlos. Für Geschäftskunden kostet die Version mit allen Diensten 72 Euro pro Nutzer im Jahr.

Seit Anfang März sitzen Sie im Beirat Junge Digitale Wirtschaft von Bundeswirtschaftminister Sigmar Gabriel ...

... das war ganz lustig. Am Freitag vor dem ersten Treffen habe ich die E-Mail bekommen, dass ich in den Beirat berufen worden sei, am Mittwoch drauf war die erste Sitzung in Berlin. Herr Gabriel war auch dabei.

Sigmar Gabriel hat eher wenig Ahnung von IT

Versteht er was von IT?

Ich glaube nicht. Ich hoffe, wir können ihm das Thema näher bringen. Ich glaube, er ist jemand, der das Thema Daten und Datensicherheit eher als Bedrohung sieht.

Was hat die erste Sitzung des Beirats gebracht?

Wir haben uns kennengelernt und Gruppen gebildet. Ich sitze in der Gruppe Unternehmen und Gesellschaft. Wir überlegen uns, was wir tun können, um das Bild des Unternehmers in der Gesellschaft positiver zu prägen und mehr Leute zum Gründen zu bewegen.

Woher rührt denn Ihr Gründertrieb? Stammen Sie aus einem Familienunternehmen?

Nein, überhaupt nicht. Mein Vater arbeitet seit mehr als 30 Jahren für MAN und meine Mutter hat viele Jahre für Siemens gearbeitet. Als ich meinen Eltern eröffnet habe, dass ich eine Firma gründen will, war das Entsetzen groß.

Welche Einwände brachten Ihre Eltern vor?

Was willst Du machen, wenn Du mal Kinder hast. Richtig Geld verdient man doch nur in großen Firmen. Junge Firmen überleben nicht sehr lange.

Wollten Sie nicht so wie Ihre Eltern in einem Konzern landen?

Während meines Studiums habe ich durchaus damit geliebäugelt, später in die Beratung zu gehen oder für einen Konzern zu arbeiten. Ich habe ein halbes Jahr Praktikum bei SAP gemacht und dort auch meine Diplomarbeit geschrieben. Es erschien mir fast natürlich, später in einem Konzern zu arbeiten. Als ich dann dort war, habe ich gemerkt, dass das gar nicht das ist, was ich mir vorgestellt hatte.

Welche Vorstellungen hatten Sie denn?

Dass Ideen schnell umgesetzt werden können, dass flexibel auf Ideen reagiert werden kann. Das ist in großen Konzernen überhaupt nicht der Fall. Ob ich heute in die Firma gehe oder krank bin, ist völlig egal. Ein Konzern läuft trotzdem weiter. Das hat mich abgeschreckt. Auf einem Wochenendseminar über Gründen an der Uni Augsburg lernte ich dann Robert kennen. Da habe ich gemerkt, es gibt Alternativen. Robert hat die erste Version von Boxcryptor entwickelt.

Was tun Sie, um im Auftrag von Sigmar Gabriel andere Menschen zum Gründen zu bewegen?

Wir gehen an die Schulen. Die ersten von uns waren schon in Berlin unterwegs und haben erklärt, was ein Unternehmer macht, wie man Unternehmer wird und was man dafür können muss.

Was erzählen Sie in den Schulklassen?

Das Wichtigste und Schönste für mich am Unternehmertum ist, dass man eine eigene Vision entwickeln und verfolgen kann. Da muss man ganz viele Sachen machen, die keinen Spaß machen, Buchhaltung zum Beispiel, aber man weiß immer, es dient der großen Vision vom Unternehmen.

Das Bild der Schüler und Schülerinnen vom Unternehmer ist vielleicht ganz anders?

Ja. In Deutschland ist es sehr negativ. Die Schüler wissen gar nicht, was den Unternehmer ausmacht.

Was haben die Schüler sie denn gefragt?

Ob ich Porsche fahre und mir schicke Urlaube leiste. Ich erzähle dann, dass ich weniger verdiene als meine Mitarbeiter und keine Zeit habe, in Urlaub zu fahren. Die Schüler denken oft, ein Unternehmer muss Superkräfte haben und unglaublich intelligent sein. Ich versuche ihnen klar zu machen, dass ich ein ganz normaler Mensch bin. Als Robert und ich gegründet haben, war ich 23 Jahre alt, er 26. Ich wusste vieles nicht und bin in jede Menge Fettnäpfchen getreten.

Passwörter sind Einfallstüren für Datendiebe

Sie sind Wirtschaftsjuristin. Konnten Sie etwas von dem Wissen gebrauchen, dass Ihnen an der Uni vermittelt wurde?

Nein. Aber Gründen kann man auch nicht an der Uni lernen. Ich habe mir vieles selbst beigebracht. Als Gründer muss man Ahnung von allem haben: Finanzplanung, Arbeitsrecht, Steuern ...

Was war Ihr größter Fettnapf?

Ein paar Monate nach der Gründung wollte ein Dax-Konzern mehrere tausend Lizenzen kaufen. Ich sollte bis zum Abend ein Angebot schreiben. Nur wusste ich leider nicht, wie man Angebote schreibt.

Haben Sie den Auftrag bekommen?

Leider nein. Damals hätten wir einen solchen Auftrag aber auch noch nicht stemmen können.

Heute schon?

Prinzipiell ist die Software jetzt auch für Konzerne geeignet. Aber einen echten Mehrwert hat Boxcryptor eher für kleinere Mittelständler, die öffentliche Clouds nutzen, weil sie sich den eigenen Server nicht leisten können und wollen. So ein Konzern hat sicher meistens seine eigene Cloud.

Was macht Sie so unglaublich sicher, dass Boxcryptor nicht geknackt werden kann? Seit der NSA-Affäre und den Enthüllungen von Edward Snowden glaubt doch kein Mensch mehr, dass seine Daten nicht zu knacken wären!

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nie. Auch bei uns nicht. Aber es gibt bislang keinen mathematischen Beweis, dass unsere Software zu knacken ist, wenn das Passwort ausreichend sicher ist. Das versuchen wir den Leuten immer wieder klar zu machen: mindestens zwölf Zeichen, Sonderzeichen. Passwörter sind die Einfallstüren für Datendiebe.

Wie oft ändern Sie Ihr Passwort?

Das letzte Mal habe ich es nach dem Heartbleed-Skandal, der Sicherheitslücke in der Verschlüsselungssoftware OpenSSL, die eigentlich jeder nutzt, Anfang April geändert. Ich ändere meine Passwörter in der Regel alle sechs Monate.

Wie vorsichtig gehen Sie mit Ihren Daten um? Gibt es irgendein soziales Netzwerk, in dem Sie nicht Mitglied sind?

Nein. Aber auf Facebook, Linkedin oder Twitter entscheide ich selbst, welche Daten ich veröffentliche. Weitaus weniger Einfluss habe ich darauf, welche Daten zum Beispiel auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert sind. Heute finde ich es vielleicht nicht schlimm, dass ein Bandscheibenvorfall oder mögliche Allergien gespeichert sind. In zehn Jahren, wenn ich verbeamtet werden will, vielleicht schon. Oder die elektronische Steuerklärung. Ich weiß dort nicht, ob das Finanzamt Augsburg meine Daten ausreichend schützt und wer darauf zugreifen kann.

Haben Sie nicht gefragt?

Nein, noch nicht.

Bereuen Sie heute schon, etwas im Internet preis gegeben zu haben?

Eigentlich nicht. Ich habe schon immer aufgepasst. Aber ich bin vorsichtiger geworden.

Inwiefern?

Einen Krankenkassenvergleich im Internet mit Angaben zu Erkrankungen würde ich heute nicht mehr machen. Früher schon. Klingt paranoid oder?

Nein. Machen Sie Online-Banking?

Ja. Natürlich möchte ich nicht, dass die US-Regierung weiß, wann ich wohin Geld überwiesen habe. Aber allzu viel kann man mit Transaktionsdaten auch nicht anfangen.

Dann liegt Herr Gabriel mit seinem Gefühl der Bedrohung doch nicht so falsch?

Nicht ganz. Die größte Gefahr ist die Speicherung von Daten, die wir nicht beeinflussen können. Jeder der seine Grundrechte wahren will, muss seine Daten verschlüsseln. Das Netz vergisst nichts.

Auch Sie brauchen Virenschutz und Firewalls, die Boxcryptor nicht bietet. Meiden Sie Sicherheitssoftware US-amerikanischer Anbieter?

Benutzen wir nicht. US-Konzerne unterliegen den dortigen Behörden und bauen teilweise Backdoors in ihre Software ein. Aber alle kann man nicht vermeiden. Wir speichern unsere Daten auch in der Dropbox - natürlich aber verschlüsselt.

Was ist mit Programmen wie Microsoft Office?

Alles lässt sich nicht vermeiden.

Was würden Sie nie ins Netz stellen?

Sehr private Fotos und Videos.

Was ist sehr privat?

Nacktfotos. Meine politische Gesinnung würde ich auch nicht ins Netz stellen.

Hochzeitfotos sind OK?

Ja, Ich habe letzten August geheiratet. Ich habe auch viele Glückwünsche übers Netz bekommen.

Ultraschallfotos vom ersten Kind wären auch noch OK?

Aus heutiger Sicht eher nicht. Ich habe Freude, die machen das auf Facebook. Aber was weiß ich, was man im Überschwang der Hormone so alles tut.

Die Firma ist jetzt drei Jahre alt. Haben Sie das Schlimmste überstanden?

Nein. Jetzt müssen wir zeigen, ob wir das Wachstum schaffen, das wir uns vorgenommen haben.

Hängt es am Geld?

Mehr noch, ob wir die Mitarbeiter finden, die wir brauchen. Mein Ziel war es nie, eine Firma mit zehn Mitarbeitern zu führen bis ich Fünfzig bin. Ich wollte was Größeres. Die Frage ist, sitzen wir in drei Jahren noch immer mit 15 Leuten hier rum und entwickeln oder sind wir dann vielleicht schon 50 oder 100 Leute, die an etwas arbeiten, was größeren Einfluss auf die Welt hat.

Von welcher Größe träumen Sie?

100 Mitarbeiter. Wir haben jede Menge Umsatzpotenzial. Wir planen weitere Produkte für Cloud-Security. In eine zweistellige Millionenhöhe kann der Umsatz innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre schon steigen.

Ehrlich! Träumen Sie nicht in der Größenordnung von Facebook oder Twitter?

Nein, so groß will ich es nicht haben.

Kapital ist kein Problem?

Geld ist schon ein kritischer Faktor. Die erste Finanzierungsrunde 2012 hat rund 400 000 Euro gebracht. Wir haben noch Geld auf dem Konto. Und ab dem Sommer rechnen wir mit Gewinn.

War es leicht, Investoren zu finden?

Ja, witzigerweise. Im ersten Jahr hatten wir das Exist-Gründerstipendium. Uns war immer klar, dass wir Investoren brauchen. Ich habe dann halbes Jahr gesucht. Schon recht bald haben uns drei Leute mittleren Alters aus Karlsruhe angerufen, die Fragen zum Produkt hatten ...

Wie alt waren die?

Um die 40. Die fanden uns toll. Die hatten gerade ein kleines Vermögen gemacht, weil sie ihre Firma, die Astaro AG, an Sophos verkauft hatten. Die wollten das Geld über ihre Gesellschaft Agile Partners reinvestieren. Das ging mir ein bisschen zu schnell und zu einfach, und ich habe weiter gesucht. Nach einem halben Jahr hatten wir dann sieben Beteiligungsangebote und ein Übernahmeangebot aus den USA. Das Interesse war wirklich groß. Wir hatten auch Glück, ein paar Monate vor dem Start unserer Firma gab es eine Sicherheitslücke bei Dropbox. Damit war unser Produkt superaktuell.

Wie hoch war das Übernahmeangebot?

Ein siebenstelliger Betrag ...

... für eigentlich ein Nichts!

Ja, wir waren zu zweit, hatten die Software gerade entwickelt und noch nicht viel investiert. Aber man gründet keine Firma, um sie gleich wieder zu verkaufen. Wir wollten bestimmen, wo es lang geht. Am Ende haben wir uns dann doch für Agile Partners entschieden. Die lassen uns viele Freiheiten.

Hatten Sie während der Suche manchmal das Gefühl, dass die potenziellen Investoren skeptischer sind, weil sie mit einer Frau verhandeln?

Nie. Wir haben das für uns genutzt. Um die Technik kümmert sich Robert. Ich um alles andere. Unser Ziel war es immer, auch technisch weniger versierte Menschen anzusprechen. Unsere Software sollen auch Nicht-Informatiker verstehen. Da ist es ganz gut, wenn ein Nicht-Informatiker sie erklärt.

Träumen Sie davon, reich zu werden?

Nicht im finanziellen Sinne. Ich wünsche mir, dass die Firma ein Erfolg wird. Wenn ich reich hätte werden wollen, hätte ich es als Wirtschaftsjuristin einfacher haben können.

Bedeutet Ihnen denn Geld nichts?

Doch. Ohne Geld läuft die Firma nicht. Mir ist aber wichtiger, dass ich mich wohlfühle. Natürlich arbeite ich hier mehr als der durchschnittliche Arbeitnehmer. Ich arbeite abends, am Wochenende und im Urlaub - aber mit einem Produkt, das wir uns ausgedacht haben, mit einem Team, das ich zusammengestellt habe. Wenn das Produkt gut ist, läuft die Firma. Der Reichtum kommt von alleine.

Zahlen Sie sich ein Gehalt?

Ja, aber Robert und ich verdienen am wenigsten. Softwareentwickler sind teuer.

Wie viel zahlen Sie sich?

Deutlich unter 50 000 Euro.

Wenn Google morgen käme und Ihnen ein tolles Angebot macht für die Firma, könnten Sie widerstehen?

Ich habe gerade gelesen, dass Google bis zu 30 Milliarden Dollar für Zukäufe plant.

Wenn Google Ihnen "nur" 100 Millionen Dollar bieten würde und einen tollen Führungsjob im Silicon Valley, da, wo man eigentlich ein Unternehmen wie das Ihre vermutet, und nicht auf einem von Siemens teilweise aufgegebenen Standort in Augsburg, könnten Sie dann wirklich Nein sagen?

Das kommt darauf an. Natürlich wäre es schon ein Erfolg, wenn ein Big Player wie Google an einer Firma wie Secomba Interesse zeigt. Ich würde abwägen, was die beste Lösung für die Firma ist. Ich kann einen Verkauf nicht kategorisch ausschließlich.

Selbst wenn der Käufer Google wäre, eine, wenn nicht die größte Datenkrake?

Für die Firma wäre es ein Erfolg, für unsere Nutzer ganz sicher nicht, die haben uns ja ausgesucht, weil wir unabhängig sind. Aber: Es wäre schon verlockend. Anderseits: Wir waren heute Mittag ganz spontan im Biergarten, weil die Sonne schien. Und wer will, kann heute früher nach Hause gehen und das schöne Wetter noch nutzen. Am Wochenende soll es ja wieder schlechter werden. Und ich kann meinen Hund Caipi mit ins Büro nehmen. Solche Freiheiten haben auch einen Wert.

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