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Deutsche Post:Volksaktie im Wandel

Börsengang der Post im November 2000: Flaggen symbolisierten die Internationalisierung, die gelben Bullen den erhofften Kursanstieg.

(Foto: Hans-Günther Oed/imago)

20 Jahre nach dem Gang an die Börse steht die Post gut da. Doch nicht alle einstigen Versprechen wurden wahr.

Von Benedikt Müller-Arnold, Köln

Der Auftakt war enttäuschend. Als Deutschland vor 20 Jahren erste Aktien seiner Post an die Börse brachte, fanden Anleger den Ausgabepreis von 21 Euro zu hoch. Die Banken, die den Börsengang begleiteten, stützten den Kurs anfangs mit Käufen. "Für die junge Aktienkultur in Deutschland ist es aber immens wichtig, dass vermeintliche Volksaktien wie eben das Papier der ehemaligen Bundespost nicht floppen", kommentierte die SZ dereinst. Doch der Kurs sank, zwei Jahre lang.

Bis heute gingen längst nicht alle Hoffnungen von damals in Erfüllung - aber auch nicht alle Sorgen. Eine Post-Aktie kostet mittlerweile gut 39 Euro; rechnet man die Dividenden ein, die der Konzern Jahr für Jahr zahlt, haben Langfristanleger einen guten Schnitt gemacht. Mit 550 000 Beschäftigten weltweit ist die Post heute der größte Logistikkonzern überhaupt.

Schon zum Börsengang kündigte der damalige Chef Klaus Zumwinkel an, die Post werde international wachsen. Sie übernahm den US-Logistiker DHL, den britischen Konkurrenten Exel und später UK Mail. Im Gegenzug trennte sich der Konzern von seiner Postbank - gerade noch rechtzeitig vor der Finanzkrise 2009.

Das alte Kerngeschäft mit Briefen in Deutschland machte zuletzt noch zwölf Prozent der Umsätze aus; vor allem die Zahl der Werbebriefe geht in der Corona-Krise noch jäher zurück als in Vorjahren. Andererseits bestellen die Menschen noch mehr im Internet. "Dieses Jahr rechnen wir mit einem Paketboom, wie wir ihn noch nicht gesehen haben", sagt der aktuelle Post-Chef Frank Appel. Sein Konzern wächst zudem im Geschäft mit internationalen Express- und Frachtsendungen sowie der Lagerlogistik für andere Firmen.

All das spiegelt sich in der Belegschaft wider: Der klassische, gerne gewerkschaftlich organisierte Postbote verliert relativ an Bedeutung; stattdessen beschäftigt der Konzern weltweit mehr und mehr Paketboten, Expresskuriere und Lageristen.

Doch so arg die Post und ihre Konkurrenz um eine möglichst billige Paketzustellung wetteifern, mit allen bösen Effekten auf die Arbeitsbedingungen in der Branche: Den hiesigen Briefmarkt dominiert der einstige Staatskonzern noch immer mit einem Anteil von etwa 85 Prozent, wie die Bundesnetzagentur berichtet. Und obwohl zum Börsengang der damalige Bundesfinanzminister Hans Eichel ankündigte, dass Deutschland die Post auf längere Sicht komplett privatisieren werde, gehören der staatlichen KfW noch immer gut 20 Prozent der Aktien. Politische Eingriffe wiederum, die dem Konzern zuletzt stattliche Portoerhöhungen erlaubten, sieht das Bundesverwaltungsgericht neuerdings als rechtswidrig an. Zwei Jahrzehnte nach dem Börsengang braucht es daher bald wieder: eine Postreform in Deutschland.

© SZ vom 21.11.2020
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