Deutsche Ökonomen Kämpfer für den Freihandel

Gabriel Felbermayr scheut keine Auseinandersetzung. Das TTIP-Abkommen verteidigt der Ifo-Experte gegen viele Widerstände. Wissenschaft bedeutet für ihn, mit dem Finger auf Missstände zu zeigen.

Von Silvia Liebrich

Der 30. Januar 2014 ist für Gabriel Felbermayr ein Datum, das er wohl nicht so schnell vergessen wird. Es ist der Tag, an dem der Volkswirt und Außenhandelsexperte quasi über Nacht bekannt wird. Es ist der Tag, an dem in der ARD ein Monitor-Beitrag über das geplante Freihandelsabkommen TTIP gesendet wird, der den damaligen EU-Handelskommissar Karel de Gucht in Erklärungsnot bringt - und wohl auch dazu beigetragen hat, dass de Guchts Job heute die Schwedin Cecilia Malmström macht. Der EU-Politiker bricht in dem Beitrag ein Interview ab, weil er offenbar wichtige Wachstumsprognosen für TTIP nicht kennt.

Irgendwie ist Felbermayr in diese Affäre verwickelt, auch wenn er sicher gern darauf verzichtet hätte. Eine der Studien, die den ehemaligen EU-Kommissar so aus dem Konzept brachte, stammt vom Münchner Ifo-Institut. Felbermayr und sein Team haben sie erstellt, es ging darin unter anderem um neue Arbeitsplätze, die durch ein transatlantisches Freihandelsabkommen entstehen könnten. Felbermayr kommt in der Sendung ebenfalls zu Wort, er muss sich rechtfertigen, dafür dass Politik und Wirtschaft, und auch die Bundeskanzlerin Angela Merkel, immer wieder seine Untersuchung zitieren, wenn sie vom "Jobwunder TTIP" sprechen. Dabei habe er das nie so optimistisch dargestellt, verteidigt er sich, damals im Fernsehen, genauso wie heute eineinhalb Jahre später: "Da wurden Zahlen bewusst falsch interpretiert", sagt der gebürtige Österreicher, der schon lange in Deutschland lebt. Das gelte für alle Seiten. "Da muss man auch der Politik den Vorwurf machen, dass sie das Kleingedruckte verschwiegen oder ignoriert hat."

Illustration: Stefan Dimitrov

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Inzwischen haben sich die Wogen wieder geglättet. Es ist Anfang September, Felbermayr, 39, sitzt in seinem kleinen Büro im Münchner Stadtteil Bogenhausen. Das Ifo-Institut hat hier seinen Sitz in einer ruhigen Nebenstraße. Seit fünf Jahren leitet er das Ifo-Zentrum für Außenwirtschaft, und ist damit für Welthandelsthemen zuständig, also auch für Freihandelsabkommen. Mit der Stelle ist eine Professur im Bereich Außenwirtschaftslehre an der LMU in München verknüpft.

Es geht nicht darum, Theorien auf den Kopf zu stellen, sondern Lösungen für Probleme zu finden

Felbermayr gehört zu den Wissenschaftlern, die öffentliche Auseinandersetzungen nicht scheuen. Neben seinem Chef Hans-Werner Sinn ist er einer der bekannten Köpfe des Ifo-Instituts. Er ist ein Verfechter des globalen Handels und erforscht dessen Auswirkungen auf Arbeitsmärkte, Entwicklungsländer, Migration und die Klimaveränderung. Als einer der wenigen Vertreter seiner Zunft macht er sich offensiv für den Freihandel und Abkommen wie TTIP stark. Dafür muss er auch Kritik einstecken, persönliche Angriffe eingeschlossen. "Das war eine neue Erfahrung, die mich schon irritiert hat", sagt er. Trotzdem würde er es jederzeit wieder so machen. "Freihandel ist ein so wichtiges Thema. Dafür lohnt es sich aufzustehen und sich in den Shitstorm zu stellen." Aber auch er mache Fehler, räumt er ein. "Dann muss man die unangenehme Wahrheit eingestehen, dass man ungenau formuliert oder etwas Missverständliches gesagt hat."

24 deutsche Ökonomen, auf die es ankommt

In der Volkswirtschaftslehre findet ein Generationswechsel statt. Die SZ stellt immer dienstags und donnerstags die neuen Köpfe vor: "24 deutsche Ökonomen, auf die es ankommt" - heute Teil 11. Bedingung: Die Porträtierten müssen unter 50 Jahre alt sein. Und die Besten ihres Fachs. Darunter sind in der Öffentlichkeit bekannte Namen, aber auch sehr kompetente Wissenschaftler, die vor allem in der Fachwelt einen Ruf haben. Alle Folgen: sz.de/deutsche-oekonomen

Felbermayr ist allerdings keiner, der die gängigen Theorien in seinem Fachgebiet auf den Kopf stellen will. Er sei "ein Mainstream-Außenwirtschaftsmann", sagt er über sich selbst. "Ich vertrete keine heterodoxen Ansichten, grundsätzliche Erkenntnisse stelle ich nicht in Frage. Mainstream bedeutet aber noch lange nicht, dass alles in Ordnung ist." Mit dem Finger auf Missstände zeigen, so versteht er seine Aufgabe als Wissenschaftler.

Aufgewachsen ist er in Bad Hall in Oberösterreich. Eine idyllische Gegend, in der das Leben in ruhigen Bahnen verläuft. Dorthin zieht es ihn auch immer wieder zurück. Mit seiner Frau und den Kindern verbringt er regelmäßig Ferien in einem Häuschen in den Bergen. Ein Ort, an dem die Kühe grasen und kein Nachbar sich daran stört, wenn ein Lagerfeuer brennt oder Lärm gemacht wird. Schon Felbermayrs Vater hat dort gewerkelt. Nun habe er das übernommen, mit allem was dazu gehöre, sagt er. Mit einer Kettensäge könne er durchaus umgehen. "Ich weiß, wie man einen Baum fällt, ohne dass es einem auf den Kopf fällt." Diesen Ausgleich zu seiner wissenschaftlichen Arbeit will er nicht missen.

Gesellschaftliche Zusammenhänge hätten ihn schon als Kind interessiert, erzählt er. Doch was muss man studieren, um die Mechanik des Weltgeschehen zu verstehen? Felbermayr schwankte zwischen Mathematik, Geschichte, Physik und entschied sich am Ende doch für die Volkswirtschaftslehre. Er studierte in Linz an der Johannes Kepler Universität Handelswissenschaften und VWL, später promovierte er in Florenz. Besonders beeindruckt, sagt er, haben ihn im Studium zwei Professoren: Volker Gadenne, der Philosophie und Wissenschaftstheorie lehrt und Wilhelm Kohler, ein Außenhandelsexperte, der inzwischen in Tübingen unterrichtet. Kohler bezeichnet er gar als seinen Mentor. "Er hat damals mit großem Schwung die Außenwirtschaft in Linz neu aufgesetzt", erzählt Felbermayr. "Die Mächtigkeit des Theoriegebäudes hat mich fasziniert, der schon fast größenwahnsinnige Ansatz, nicht nur einen Teil, sondern gleich die ganze Welt verstehen zu wollen." Und so zog es auch Felbermayr in die Wissenschaft. Seine erste Professorenstelle trat er 2008 an der Universität Hohenheim in Baden-Württemberg an, 2010 ging er dann nach Bayern.

Die Vorteile seines Forscherlebens weiß er zu schätzen. Dazu hat auch ein Abstecher in die Wirtschaft beigetragen. Nach der Promotion arbeitete er kurz für die Beraterfirma McKinsey: Kostenabbau im Bankensektor. "Ich habe schnell gemerkt, dass die wissenschaftliche Freiheit ein hohes Gut, das sich für mich nicht mit finanziellen Entschädigungen wettmachen lässt."