Süddeutsche Zeitung

Ausblick:Wenn deutsche Unternehmen lieber im Ausland investieren

Die Konjunkturforscher sind wieder optimistischer, einzelne Unternehmen melden beste Geschäftszahlen. Unter der Oberfläche aber brodelt es.

Von Marc Beise

Uwe Lauber ist empört, und er lässt seinen Gefühlen freien Lauf, zu sehr sorgen ihn die Standortbedingungen. "Ich bin froh, dass große Investitionen in Deutschland bereits entschieden sind. Ich weiß nicht, ob das jetzt noch ginge. Wir wissen in Deutschland oft, was richtig ist, bewegen uns bei der Umsetzung aber leider allzu oft im Schneckentempo", sagt der Manager, der seit 2015 in Augsburg die MAN Energy Solutions führt, einen milliardenschweren Anbieter von Großmotoren, Turbomaschinen und Dekarbonisierungslösungen, 100 Standorte, 15 000 Mitarbeiter: Der Vorstandschef ist als Technologievorstand auch für das Ressort Forschung und Entwicklung direkt zuständig und damit doppelt verantwortlich für Investitionen. Und die werden womöglich bald an Deutschland vorbeilaufen, unkt er. "Beispiel CO₂-Abscheidung. Wir alle wissen seit Jahren, dass wir die Technologie für die Energiewende brauchen. Der deutsche Maschinenbau ist technologisch führend - aber der Betrieb von Anlagen in Deutschland per Gesetz verboten."

Eine Sorge, die er mit vielen Managern teilt. Der Standort Deutschland: zu teuer und die Energieversorgung zu ungewiss.

Als attraktives Gegenmodell haben sich die Vereinigten Staaten von Amerika positioniert, wo Präsident Joe Biden mit dem sogenannten Inflation Reduction Act auch ausländische Unternehmen mit zahlreichen Steuererleichterungen und Subventionen im Gesamtwert von 400 Milliarden Dollar lockt, wenn sie in saubere Energie investieren und dafür Produkte aus den USA nutzen. Das verfängt in deutschen Konzernzentralen, wie Verantwortliche hinter vorgehaltener Hand vielfach bestätigen: Bei künftigen Investitionen gehe der Blick ganz klar über den Atlantik.

Geschäftsmodell unter Stress

Auch der deutsche Manager eines großen europäischen Papierkonzerns erwartet große Investitionsentscheidungen seiner Zentrale - und da geht es um viele Hundert Millionen Euro - eher nicht mehr in Deutschland. "Unser Geschäftsmodell steht enorm unter Stress" fasst der deutsche Industriepräsident Siegfried Russwurm die Lage zusammen.

Aber kennt man das nicht von jeher, ist es nicht das Geschäft der Verbände: zu klagen - und mehr Hilfe vom Staat zu fordern?

Robert Habeck versucht zu beruhigen. Der grüne Bundeswirtschaftsminister, der in der derzeitigen Gaskrise immer wieder den Schmerzensmann gibt und bei den Unternehmen bekannt und beliebt ist als einer, der zuhört und Sorgen ernst nimmt, ist ausgerechnet bei der Gesamtlage der Wirtschaft entspannt: Die deutsche Industrie wird schon nicht kaputtgehen, sagt er.

Noch mal: Alles nicht so schlimm, also?

Nachfrage bei Clemens Fuest, dem Präsidenten des Ifo-Instituts, der qua Amt eigentlich alles weiß, was deutsche Unternehmen so fürchten und hoffen. Zahlen über mittelfristige Standortplanung hat er zwar nicht. Einfach weil Unternehmen Abwanderungspläne kaum öffentlich ausbreiten, sagt der Ökonom. In der Tat klagen viele, wollen damit aber nicht zitiert werden. "Es scheint mir aber klar zu sein, dass Investitionen in energieintensiven Bereichen in Europa derzeit unattraktiv sind. Ich sehe schon die Gefahr, dass solche Firmen in Deutschland weniger investieren, vor allem in der Chemie, Metallverarbeitung, Papier, Glas und Keramik."

Problematisch sind für Fuest weniger die kurzfristigen Energiepreiserhöhungen, sondern die mittelfristige Unsicherheit über die Energieversorgung und die Aussicht auf deutlich höhere Energiepreise als an anderen Standorten, zum Beispiel durch teures LNG-Gas, das die Bundesregierung gerade mit hohem Aufwand nach Deutschland holt.

Kollegin Karen Pittel, Leiterin des Ifo-Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen, hat dazu Zahlen aus einer neuen Umfrage. Demnach haben viele Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe bisher Erdgas mit nur geringen Einschränkungen der Fertigung eingespart - nur wird das in der Zukunft schwerer. Konkret: 59 Prozent der Firmen nutzen Erdgas für ihre Produktionsprozesse. Davon haben im vergangenen halben Jahr 75 Prozent Gas gespart, ohne die Produktion zu drosseln. "Dieser hohe Anteil ist erfreulich, allerdings sind die Unterschiede zwischen den Branchen erheblich", sagt Pittel. "Überdies scheint der Spielraum für weitere Einsparungen ohne Produktionsrückgang zunehmend ausgereizt."

Für die kommenden sechs Monate geben nur noch 38,8 Prozent der Firmen an, ihren Gasverbrauch beim gleichen Level in der Fertigung weiter senken zu können. 12,3 Prozent aller Industriefirmen erklären gar, um den Gasverbrauch noch zu reduzieren, sei es jetzt erforderlich, die Herstellung ganz zu stoppen. Das gilt insbesondere für Nahrungs- und Futtermittelhersteller (27 Prozent), Druckerzeugnisse und die Hersteller von Metallprodukten (je 24 Prozent).

Für das wirtschaftliche Schlüsselland Bayern benennt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Consult) eine womöglich verhängnisvolle Kombination von Entwicklungen: Einerseits hat die Bedeutung des Auslands für die Unternehmen zugenommen, sei es als Beschaffungs- und Absatzmarkt oder sogar Standort, heißt es in einer Studie, die noch nicht veröffentlicht ist. Sie nennt das Problem schon im Titel: Standortfaktoren und Verlagerungstendenzen in Bayern. Der Blick ins Ausland: Was für einzelne Unternehmen hilfreich ist, kann die Volkswirtschaft insgesamt schwächen. Und je mehr Unternehmen bereits ausländische Standorte haben, desto mehr sind sie versucht, diese Internationalisierung voranzutreiben.

Experten warnen davor, Deutschland voreilig abzuschreiben

Dass kleinere und mittlere Unternehmen die Möglichkeit nicht haben und deshalb weiter auf Deutschland setzen, kann nicht beruhigen: Viele dieser Unternehmen werden womöglich nicht überleben. Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) greift weit oben ins Regal und nennt die Zahl von 40 Prozent der Unternehmen, die angesichts der stark steigenden Energiekosten um ihre Existenz fürchteten. Für Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, die die IW-Studie in Auftrag gegeben hat, ist es "höchste Zeit, dass mit der Gas-, Wärme- und Strompreisbremse weitere wichtige und wirksame Entlastungsmaßnahmen starten". Brossardt fordert dringend "finanzielle Entlastung und konkrete Masterpläne für die Rahmenbedingungen". Genannt werden in diesem Zusammenhang meist Steuervorteile, finanzielle Hilfen und weniger Bürokratie.

Allerdings warnen Experten auch davor, Deutschland voreilig abzuschreiben. Der Standort hat im internationalen Vergleich unbestritten weiterhin einiges zu bieten: hoher Lebensstandard, stabile politische Verhältnisse, Spitzenuniversitäten, duale Ausbildung, Ingenieurkunst, Sicherheit. "Natürlich gibt es positive Standortindikatoren", sagt auch Fuest, eine breite Erhebung, wie weit diese in der Krise wirklich tragen, hat das Ifo länger nicht gemacht. "Klar ist aber auch, dass die Politik sich dafür auch lange nicht sonderlich interessiert hat, weil der Eindruck vorherrschte, es läuft auch so."

Tut es aber vielleicht nicht mehr lange, weshalb manche Erfolgsmeldung aus der Industrie und die allgemein wieder optimistischeren Erwartungen der Konjunkturforscher trügen könnten. Weshalb Robert Habeck seiner Gewissheit, dass es um die deutsche Industrie so schlecht nicht stehen werde, den Satz anhängt: Dies werde die Politik nicht zulassen. Die Arbeit fängt also 2023 erst richtig an.

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