Süddeutsche Zeitung

Deutsche horten Bargeld:Das große Hamstern

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Verunsicherte Sparer: Seit dem Ausbruch der Finanzkrise bunkern die Bundesbürger Banknoten. Besonders gern haben sie die 500-Euro-Scheine.

Helga Einecke

Die Anleger sind durch die Finanzkrise stärker verunsichert als bisher bekannt. Sie horten immer mehr Geld nach dem Motto "nur Bares ist Wahres". Begehrt sind insbesondere Scheine mit hohem Nennwert wie die 500er. Die Bundesbank schreibt dazu nüchtern: "Vor allem die großen Stückelungen wurden stark nachgefragt."

Im Oktober 2008 spitzte sich die Lage zu, damals jagte eine Krisensitzung die nächste. Am ersten Sonntag, dem 5. Oktober, beschwichtigten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück über das Fernsehen das verängstigte Volk: "Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind."

Diese inzwischen als Merkel-Garantie bezeichnete Erklärung war nötig, damit die Kunden aus Furcht vor der Finanzkrise nicht ihre Konten plünderten und sich lange Schlangen vor den Bankschaltern bildeten, wie es in Großbritannien bereits geschehen war.

Merkel-Garantie und Lehman-Pleite

Drei Wochen vor der Merkel-Garantie, am 15. September, war die US-Bank Lehman Brothers pleite gegangen, Tausende von Deutschen saßen auf deren wertlosen Zertifikaten. Am 9. Oktober sperrte die isländische Bank Kauphting den Zugriff auf ihre Konten. 30.000 deutsche Sparer kamen von heute auf morgen nicht mehr an ihr Geld.

Die Dramatik wird durch neue Zahlen der Bundesbank deutlich. Am 10. Oktober ließen sich die Bürger Bargeld in Höhe von 4,2 Milliarden Euro auszahlen, so viel wie nie zuvor. Nur 1,5 Milliarden Euro flossen am gleichen Tag zurück. Das bedeutet eine Netto-Auszahlung von 2,7 Milliarden Euro. Erst am 24. Oktober normalisierte sich das Verhalten wieder.

Dabei beließen es die Bürger, die ihr Geld lieber bar nach Hause trugen als es bei Banken und Sparkassen zu lassen, nicht bei kleinen Scheinen. Die 500-Euro-Note fand im Oktober reißenden Absatz. Allein von ihr wurden in dem Monat Scheine im Wert von 11,4 Milliarden Euro nachgefragt. Zum Vergleich: Im gesamten restlichen Jahr 2008 wurden netto nur für 10,3 Milliarden Euro 500er ausgegeben.

Nachfrage aus dem Ausland

Wie die Bundesbank herausgefunden hat, griffen nicht nur die Deutschen zu. Auch die Nachfrage aus dem Ausland nach den dicken Euro-Scheinen nahm rasant zu. Bis heute vertrauen die Geldanleger mehr ihren heimischen Tresoren oder dem Kopfkissen.

Jedenfalls sind die 500-Euro-Noten bis April nicht zur Notenbank zurückgekehrt. Nur im Mai zahlten Bankkunden mehr davon ein, als sie sich neu auszahlen ließen. Ob sich eine Trendwende abzeichnet oder nur eine vorübergehende Beruhigung, bleibt offen.

Die Privatbank Sal. Oppenheim bestätigte bereits den Trend zu mehr Cash. Früher hätten Anleger nur ein Zehntel ihrer Geldvermögen in bar gehalten, künftig dürften 20 bis 25 Prozent auf Bargeld oder Girokonten entfallen, auf die Bankkunden sofort zugreifen können.

Die Deutschen halten traditionell mehr Bargeld als andere Nationen, die sich stärker auf Plastikgeld verlassen. Seit Einführung des Euro-Bargelds im Jahr 2002 nahm der Banknotenumlauf in Deutschland von 73 Milliarden Euro auf 328 Milliarden Euro zu. Nur ein Zehntel dieser Summe benötigen die Bürger, um ihre täglichen Einkäufe und Dienstleistungen zu begleichen, wie die Abhebungen an den Geldautomaten belegen.

Ein Viertel bis ein Drittel des Bargeldes ist in ausländischem Besitz. Vor allem in Osteuropa kann der Euro längst als Zweitwährung gelten. Weit mehr als die Hälfte des Geldes - also mindestens 200 Milliarden Euro - wird jedoch im eigenen Land gehortet.

Horten kann Verluste bringen

Bei hohen Ausgaben greifen vor allem ältere Bürger auf Bargeldbestände zurück. Als Ursache vermutet die Bundesbank, dass die Älteren mehr Vermögen haben und wegen selbst erlebter Krisen einen größeren Teil ihrer Ersparnisse bar halten. Offenbar verzichten sie dabei lieber auf Zinsen, zahlen Gebühren für Schließfächer oder gehen das Risiko eines Verlusts oder Diebstahls ein.

Bargeld und große Geldscheine sind auch bei Schwarzarbeit, Drogenhandel oder anderen illegalen Geschäften beliebt. Welche Rolle die Kriminalität beim Geldhorten spielt, mag die Notenbank nicht erläutern. Anders als bei Überweisungen von Bankkonto zu Bankkonto hinterlässt die Übergabe von Geldscheinen aber keine Spuren und verschafft den Gaunern so die erwünschte Anonymität.

Horten kann auch ein großes Verlustgeschäft sein. Ende 2008 waren D-Mark-Banknoten im Wert von 6,8 Milliarden Mark auch nach sieben Jahren Euro-Bargeld noch nicht zurückgegeben. "Diese können zu einem nicht unbeträchtlichen Teil als dauerhaft gehortet oder verloren gelten", mutmaßt die Bundesbank.

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SZ vom 23.06.2009/kaf/hgn
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