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Deutsche Börse:Wenn der Dax waagrecht läuft

Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse Kurstafel des DAX Deutsche Börse AG Frankfurt am Main

Wenn der Computerhandel über das Börsensystem Xetra ausfällt, müssen die leibhaftigen Händler auf dem Parkett mehr schwitzen.

(Foto: Michael Weber/imago)

Eine Panne legt den Com­puterhandel für Stunden lahm. Nicht zum ersten Mal.

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Nach großem Auf und Ab in den vergangenen Wochen lernten die Anleger an der Börse nun eine neue Richtung kennen: Die ersten drei Handelsstunden lief der Deutsche Aktienindex auf den Finanzcomputern schlicht seitwärts. Statt Kurskapriolen nun Herzstillstand?

Grund für das ungewöhnliche Bild waren Probleme auf der elektronischen Handelsplattform Xetra, bis 12 Uhr ging dort fast gar nichts mehr. In den hinterliegenden technischen Systemen hatte es einen Fehler gegeben. "Dieser liegt in einer fehlerbehafteten zugekauften Software, die Teil des Handelssystems ist", teilte die Deutsche Börse mit.

Zu Details äußerte sich das Unternehmen nicht. Experten rümpfen die Nase über den Herzstillstand des wichtigsten deutschen Börsenbarometers und vieler Aktienkurse. "Das darf nicht passieren", sagt Finanzprofessor Volker Brühl vom Center for Financial Studies. Auch Großanleger zeigen sich irritiert: "Es ist ja nicht der erste Ausfall des Systems, das ist schon ärgerlich", sagt Christoph Hock, Leiter des Handelsdesks der Fondsgesellschaft Union Investment. Bereits am 14. April hatten Xetra-Probleme den Computerhandel für mehr als vier Stunden lahmgelegt, Anfang dieser Woche hatte es Probleme auf der Derivateplattform Eurex gegeben. Auch 2018 waren die Systeme der Börse mehrmals in die Knie gegangen - unter anderem ausgerechnet am Tag der Aktie. "Wir haben diese Probleme persönlich im Gespräch mit dem Börsenchef thematisiert", sagt Handelsexperte Hock von Union Investment.

Die Handelsprobleme kommen für die Deutsche Börse zur Unzeit: Durch den Wirecard-Skandal leidet der Ruf des deutschen Kapitalmarkts sowieso. Technische Fehler dürften das Vertrauen kaum stärken. "Das schreckt internationale Investoren ab", sagt Finanzprofessor Brühl.

Für größere Verwerfungen sorgte die Panne nicht. "Heute war ein relativ ruhiger Tag an den Märkten, sodass durch den Ausfall des Handelssystems vermutlich kein konkreter Schaden entstanden ist", sagt Handelschef Eric Böss von Allianz Global Investors. Außerdem können Großanleger Aktien auch direkt mit ihren Brokern handeln - ohne das Xetra-System. Privatanleger wiederum können auf außerbörsliche Handelsplattformen ausweichen oder Orders im Parketthandel aufgeben, wo Händler aus Fleisch und Blut die Kurse betreuen. Bei vielen Aktien können Anleger dann allerdings ungünstigere Kurse bekommen, gerade wenn der wichtige Computerhandel als Orientierungsmarke wegfällt.

Die Deutsche Börse betonte, man habe die Ursache des aktuellen Fehlers verstanden und ihn beseitigen können. Die Anleger in Papieren des Börsenbetreibers gaben sich gelassen, Aktien der Deutschen Börse legten um 0,8 Prozent zu.

© SZ vom 02.07.2020

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