Deutsche BörseDie große Börsenfusion steht kurz vor dem Scheitern

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Bleibt alles beim Alten: Auf dem Parkett in Frankfurt sitzen noch Händler, aber der eigentliche Handel findet überwiegend elektronisch statt.
Bleibt alles beim Alten: Auf dem Parkett in Frankfurt sitzen noch Händler, aber der eigentliche Handel findet überwiegend elektronisch statt.
Rainer Unkel/imago
  • Der Zusammenschluss der Deutschen Börse und des britischen Konkurrenten LSE steht kurz vor dem Aus.
  • Die LSE will eine zentrale Bedingung der EU-Kommission, die die Fusion erlauben muss, nicht erfüllen.
  • Damit scheitert die Fusion vordergründig an der Politik - in London war aber schon zuvor Kritik an Börsenchef Kengeter laut geworden.

Von Björn Finke, London, Meike Schreiber und Jan Willmroth, Frankfurt

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Carsten Kengeter muss schon länger gespürt haben, dass sein Fusionsprojekt mit der Londoner Börse am Ende scheitern dürfte. Er muss es gespürt haben, lange bevor am Finanzplatz Frankfurt und in der hessischen Politik der Widerstand gegen die Pläne wuchs, lange bevor die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Insiderhandels gegen ihn publik wurden, ausgerechnet gegen ihn, den Chef der Deutschen Börse.

Sind Fusionen mit anderen großen Börsenbetreibern vielleicht einfach zum Scheitern verurteilt? Er hatte so großspurig losgelegt, um das Gegenteil zu beweisen. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr stand Kengeter in Frankfurt vor Publikum, die geplante Fusion mit der London Stock Exchange (LSE) war gerade wenige Tage bekannt, und er musste sie erklären. Das ging nicht ohne Superlative: Der Zusammenschluss sei ein "Gedanke, der an die nationale Sicherheit grenzt", ließ er wissen, später bezeichnete er die Fusion als "gottgewollt". Im Vergleich dazu wirkte er zuletzt ziemlich kleinlaut. Als Kengeter vor knapp zwei Wochen die Umsatzzahlen des Konzerns vorstellte, hieß es nur noch, man sei "zuversichtlich".

Jetzt ist man nicht mehr zuversichtlich, sondern ernüchtert. Denn wenn nicht noch Wunder passieren, wird auch diese Fusion bald zu den Akten gelegt.

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Deutsche-Börse-Chef Kengeter begründet die Fusionspläne mit dem britischen Rivalen mit der nationalen Sicherheit. Hauptsitz soll London werden. Und die USA draußen gehalten werden.

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Die LSE probt den trocken formulierten Abgang

Diesmal erschien die entscheidende Nachricht am späten Sonntagabend auf den Bildschirmen der Deutsche-Börse-Manager, es war eine am Ende doch überraschende Ad-Hoc-Mitteilung der LSE. Die Londoner wollen eine zentrale Bedingung der EU-Kommission nicht erfüllen, hieß es darin.

"Basierend auf der aktuellen Position der Kommission geht die LSE davon aus, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Kommission die Fusion genehmigen wird", hieß es in der Mitteilung. So klingt ein trocken formulierter Abgesang.

Dabei hätte es diesmal endlich gelingen sollen. Mit Kengeter kam ein hoch bezahlter Ex-Investmentbanker aus London zur Börse, ein Geschäftemacher mit besten Kontakten in der britischen Hauptstadt - nur ohne Erfahrung in einem deutschen Konzern. Er bemühte sich, den Eigenheiten des Finanzplatzes Frankfurt gerecht zu werden, sprach immer wieder mit hessischen Politikern und warb immer wieder öffentlich für das Fusionsprojekt: Die beiden größten europäischen Börsenbetreiber sollen zu einem verschmelzen, damit der neue Doppel-Konzern im Wettbewerb mit den internationalen Konkurrenten aus den USA und Ostasien nicht verliert.

Von Anfang an war klar: Beide Unternehmen müssen Opfer bringen

Schon früh stand fest, dass der Hauptsitz in London angesiedelt werden soll. Das war der erste kapitale Fehler, der nicht erst durch den Brexit zum entscheidenden Hindernis zu werden drohte: Eine fusionierte Börse mit Sitz außerhalb Deutschlands und sogar außerhalb der EU? Ganz schlechte Idee, befand nicht zuletzt die Landesregierung. In London dagegen wäre ein Hauptsitz Frankfurt nicht zu vermitteln gewesen. Und selbst die Aktionäre, die das Projekt später grundsätzlich unterstützten, waren nicht sofort begeistert.

Die nächste Hürde ist die EU-Kommission, und falls die sich nun wie erwartet querstellt, kommt es auf die Standortfrage gar nicht mehr an. Die Brüsseler Behörde muss den Zusammenschluss bis Anfang April kartellrechtlich erlauben. Von Beginn an war klar, dass beide Unternehmen Opfer bringen müssen, um die Auflagen zu erfüllen. Die LSE hatte sich verpflichtet, im Fall einer erfolgreichen Fusion ihr Pariser Abwicklungshaus Clearnet an die dort ansässige Börse Euronext zu verkaufen. Als die EU nun überraschend von den Londonern verlangte, auch noch ihre Mehrheit an der Mailänder Handelsplattform MTS loszuschlagen, hatte das LSE-Management genug: Auch noch die Kontrolle über den Handel mit europäischen Staatsanleihen und anderen Zinspapieren in Italien abzugeben, das will man nicht mehr mitmachen. Dazu war schon zu viel passiert.

"Die lassen das jetzt wieder von der EU-Kommission abblasen", sagte eine Person, die mit früheren Fusionsvorhaben vertraut ist. So wie das abgelaufen sei, arbeiteten die beiden Konzerne nicht mehr partnerschaftlich zusammen. Dazu passt die E-Mail, die LSE-Aufsichtsratschef Donald Brydon der Nachrichtenagentur Reuters zufolge Anfang Februar an sein Pendant Joachim Faber schrieb: Kengeter sei wegen des Ermittlungsverfahrens kein geeigneter Kandidat mehr, um die fusionierte Börse zu führen. Kengeter hatte im Dezember 2015, gut zwei Monate vor Bekanntwerden der Fusionsgespräche, in großem Stil Aktien seines Arbeitgebers gekauft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm deshalb Insiderhandel vor; er bestreitet die Vorwürfe.

Vordergründig scheitert die Börsenfusion aber trotzdem an der Politik. So wahren beide Seiten ihr Gesicht - vor allem Kengeter und Faber, die nach der Zustimmung Brüssels noch den Einspruch der hessischen Börsenaufsicht hätten fürchten müssen. Nun ist schwer vorstellbar, dass die beiden auf absehbare Zeit noch einen Fusionsversuch angehen. Die Liste der geplatzten Zusammenschlüsse ist lang. Allein mit der LSE wollte die Deutsche Börse schon vier Mal fusionieren, weitere Versuche mit anderen Konkurrenten gingen schief.

Die Ursachen für das Scheitern waren stets vielschichtig. Mal lag es an kritischen Aktionären, die keinen Sinn in einer Fusion sahen, mal an den Wettbewerbshütern, denen die monopolartige Stellung von Börsen missfällt. Zumeist war auch der politische Widerstand zu groß: Börsen mögen längst elektronische Handelsplätze sein, die man von überall in der Welt nutzen kann, der Parketthandel ist nur noch Fernsehkulisse. Aber sie gelten als Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur eines Landes. Die gibt man nicht so gern in fremde Hände. Weder in Frankfurt, noch in London. Schon gar nicht während Brexit-Wirren.

Ein guter Teil der Kosten wird auch beim Scheitern der Fusion anfallen

Man müsse die Entscheidung aus Brüssel abwarten, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) am Montag. In London machten zuletzt Politiker und Banker aus dem Brexit-Lager Stimmung gegen die Fusion, die britische Regierung hält sich lieber heraus. In einer Parlamentsdebatte vergangene Woche sagte ein Staatssekretär, man beobachte das Vorhaben zwar, aber sei nicht zuständig, die Fusion zu prüfen.

Selbst wenn die Fusion scheitert, ein guter Teil der Kosten fällt wohl trotzdem an: Die beiden Börsen hätten im Erfolgsfall alleine für Berater bis zu 350 Millionen Euro ausgegeben, was etwa dem halben Jahresgewinn der Deutschen Börse entspricht. Ob die nun untergeht, wie von Kengeter prophezeit? "Die Fusions-Protagonisten haben jedes Mal gesagt, ohne Fusion werde die Deutsche Börse sterben. Jedes Mal kam es anders", sagt ein Mitarbeiter der Börse, der alle Fusionspläne miterlebt hat.

© SZ vom 28.02.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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