Süddeutsche Zeitung

Deutsche Bank:Zerschlagen leicht gemacht

Die Deutschen müssen sich daran gewöhnen, dass Filialen der Deutschen Bank aus dem Straßenbild verschwinden. Aber das Bankensystem wird durch die Abspaltung des Privatkundengeschäfts sicherer.

Manchmal kommt Geschichte mit einem Augenzwinkern daher. Seit der Finanzkrise hatten die schärfsten Kritiker des Kapitalismus immer eines gefordert: Zerschlagt die Banken! Und was macht die Deutsche Bank, das einzige Institut in der Bundesrepublik von globaler Bedeutung? Sie zerschlägt sich selbst, weil sie glaubt, sich selbst angesichts der schwierigen Zeiten neu erfinden zu müssen.

Ganz so einfach ist die Sache natürlich nicht. Aber auch ohne ironische Überspitzung ist der Vorgang bemerkenswert genug. Vorstand und Aufsichtsrat kamen zu einer Klausur zusammen, um über die Zukunft der von heftigen Selbstzweifeln geplagten Bank zu beraten. Die Deutsche Bank muss, angesichts schärferer Regulierung und des Vorsprungs der amerikanischen Konkurrenz, Kosten sparen und mehr Eigenkapital anhäufen. Ein Weg, dies zu erreichen, besteht darin, den Umfang des Geschäftes zu reduzieren. Und das radikalste Modell dazu, so wurde aus der Sitzung gestreut, wäre die Zerschlagung der Bank. Die neue "Deutsche Bank" wäre danach eine Investmentbank wie Goldman Sachs und Morgan Stanley. Das bisherige Privatkundengeschäft würde, zusammen mit der Postbank, abgespalten und später an die Börse gebracht. Die alte Deutsche Bank, bewundert, gefürchtet und verhasst, gäbe es nicht mehr. Bis zur Hauptversammlung am 21. Mai soll eine Entscheidung fallen.

Man muss mehr als 80 Jahre zurückgehen, um die Bedeutung dieses Vorgangs richtig einschätzen zu können. Damals, am Ende der Weltwirtschaftskrise, trennten die Vereinigten Staaten im sogenannten Glass-Steagall-Act Investment- und Geschäftsbanken. Erstere sollten nicht mehr Gelegenheit haben, die Einlagen der normalen Bankkunden durch Spekulation zu riskieren. In Europa setzte sich das Modell nicht durch, die USA ließen es 1999 fallen, weil es als nicht mehr zeitgemäß galt.

Die Finanzkrise hat im Finanzsektor alles geändert

In der Finanzkrise änderte sich dann nochmals alles. Angesichts der gerade noch vermiedenen Katastrophe setzte Paul Volcker, der frühere US-Notenbankchef und Berater von Präsident Obama, die "Volcker-Regel" durch. Nach der dürfen Banken jenseits enger Grenzen nicht mehr auf eigene Rechnung spekulieren, was letztlich auf die Wiedereinführung des Trennbanken-Systems hinausläuft. In Deutschland hatten sich bisher Banken- und Wirtschaftsverbände vehement gegen Pläne gewehrt, auch in der EU Investment- und Privatkundengeschäft per Gesetz zu trennen. Auch die Deutsche Bank selbst wollte dies verhindern.

Und jetzt also die Trennbank aus eigenem Antrieb. Die Pläne sind ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr sich die Finanzwelt seit der großen Krise von 2008/2009 verändert hat. Banken müssen sparen, Personal entlassen und Geschäft aufgeben. Die Zeiten grenzenlosen Wachstums sind vorbei. Aus der Deutschen Bank wird eine globale Investmentbank, die in London und New York mehr zu Hause ist als in Frankfurt. Ein wenig ist dies sogar die Rückkehr zu den Wurzeln der Bank, die einst vor 150 Jahren gegründet worden war, um die Industrialisierung Deutschlands zu finanzieren. Nur geht es diesmal nicht nur um Deutschland, sondern um die ganze Welt. Wie die Abspaltung für die Privatkunden heißen wird, weiß man nicht. Sehr wahrscheinlich aber ist es, dass die neue Bank schnell einen neuen Großaktionär bekommen wird, und der dürfte nach Lage der Dinge eine ausländische Großbank sein.

Die Deutschen müssen sich daran gewöhnen, dass die Filialen der Deutschen Bank aus dem Straßenbild verschwinden werden. Wahrscheinlich aber wird das deutsche Bankensystem durch eine Radikalreform der Bank internationaler, effizienter und sicherer.

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Quelle:
SZ vom 24.03.2015/sry
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