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Deutsche Bank und der Kirch-Prozess:Ausgerechnet Thomas Middelhoff

Zusätzlich belastet nun auch noch Middelhoffs Aussage die Bank. Ausgerechnet Middelhoff, der als Bertelsmann-Chef der größte Rivale von Kirch gewesen war, könnte dessen Erben nun indirekt zu viel Geld verhelfen, zu zahlen von der Deutschen Bank. Ausgerechnet Middelhoff, der vom alten Kirch einmal ziemlich vorgeführt worden war, als man erbittert um die Vorherrschaft im deutschen Fernsehen stritt.

Denn Middelhoff berichtete den Ermittlern nicht nur über das Abendessen im "Wichmann", sondern auch über das, was folgte. Am 8. Februar 2002, zwölf Tage nach der Runde, habe er erneut mit Breuer gesprochen. Anlass war Breuers verhängnisvolles Interview vom 4. Februar 2002 gewesen. Den Ermittlern erzählt Middelhoff, er sei wegen Breuers Fernseh-Statement etwas ratlos gewesen. Schließlich sei im "Wichmann" nicht vereinbart worden, dass Breuer die Kirch-Gruppe "insolvenzreif" reden sollte.

Also sei er, Middelhoff, zu Breuer gefahren, um herauszufinden, ob der Bankchef nun eine andere Absicht habe - und es ihm darum ginge, Kirch zu schwächen, statt ihm zu helfen. Wollte er so Murdoch oder Malone den Einstieg erleichtern?

Doch Breuer habe versichert, nichts habe sich geändert. Er werde sich am nächsten Tag mit Kirch treffen und wolle ihm anbieten, unter dem Schutz der Bank wertvolle Teile seines Medienkonzerns zu verkaufen und den Fortbestand der Film- und Fernsehgruppe zu sichern. Er wolle Kirch die Unterstützung der Bank bei der Lösung aller Probleme offerieren.

Dazu kam es aber nicht, weil der Münchner Medienunternehmer über den TV-Auftritt des Frankfurter Bankers so erbost war, dass das Treffen vom 9. Februar 2002 zu keinem Ergebnis führte.

Auch über das Treffen mit Kirch habe Breuer anschließend mit ihm geredet, berichtete Middelhoff den Ermittlern. Der Deutsche-Bank-Chef habe ihn angerufen und erzählt, was abgelaufen sei: Kirch habe Breuer den Kopf gewaschen und in der Sache gar nicht weiter reden wollen. Das Gespräch sei sehr schwierig gewesen.

Was das bedeutet (falls all dies tatsächlich so stattgefunden hat), muss man sich erst einmal vorstellen: Der oberste Banker der Deutschen Bank redet mit einem Fremden über ein Gespräch, das er mit einem Kreditnehmer geführt hat. Keine Zahlen, aber doch über Inhaltliches.

Was meint das Bankgeheimnis? Das große Geheimnis der Bank? Peanuts? Weder Breuer noch das Geldinstitut wollen dazu etwas sagen. Sie wollen derzeit überhaupt nichts sagen zu dem ganzen Fall.

Natürlich stellt sich auch die Frage, warum Middelhoff all dies nicht schon 2011 bei seinem Auftritt vor dem Oberlandesgericht eingefallen war. Weil er nicht danach gefragt worden war? Vielleicht liegt es ja daran, dass die Ermittler bei der Deutschen Bank vieles beschlagnahmt hatten, inklusive Terminkalendern, was vorher nicht bekannt war, und sie viel genauer fragen konnten als das Oberlandesgericht.

Das böse Wort Zerschlagung sei nicht gefallen

Middelhoffs Anwalt Hartmut Fromm sagt, die Staatsanwaltschaft habe konkrete Fragen zu einzelnen Terminen gestellt, das Gericht hingegen nicht. Beim OLG sei es nur um Hintergründe und Inhalte des Kanzler-Gesprächs gegangen. Middelhoffs Aussagen bei der Staatsanwaltschaft seien detaillierter gewesen. Er sehe aber, so der Anwalt, "keinen inhaltlichen Gegensatz" zu den Angaben vor Gericht. Den Verdacht der Falschaussage bei Gericht weisen Middelhoff und sein Anwalt zurück.

Die Staatsanwaltschaft bemüht sich darum, noch mehr über das Abendessen in Hannover zu erfahren. So soll in den nächsten Wochen in München ein Zeuge aussagen, der nach eigenen Angaben zumindest indirekt über den Inhalt des Gesprächs Bescheid wissen will. Er heißt Christoph Rohner, war früher Geschäftsführer bei einer der WAZ-Firmen und ein guter Bekannter von WAZ-Geschäftsführer Schumann.

Rohner sagte kürzlich der SZ, Schumann habe ihm im Winter 2002 über das Treffen bei "Wichmann" berichtet. "Breuer will den Kirch abschaffen, der Kirch soll weg", soll Schumann gesagt haben. Bei dem Treffen in Hannover seien die Verlagsvertreter sogar aufgefordert worden, "sich für Teile der Kirch-Gruppe zu bewerben". Kirchs Konzern solle aufgeteilt werden. Schumann habe gesagt: "Die haben den Kirch zum Abschuss freigegeben". Rohner war in Hannover nicht dabei, gibt nur wieder, was ein inzwischen Verstorbener angeblich gesagt haben soll. Aber immerhin. Es geht bei dieser ganzen Geschichte auch um Macht und Größenwahn und einen Schuss Absurdität.

Kann sich Middelhoff jetzt so gut erinnern, weil er so Ärger hat?

Ein ganz großes Spiel läuft da mit Akteuren, bei denen sich der Eindruck aufdrängt, dass sie sich alle mal in einer anderen Galaxie befunden haben und dass Staatsanwälte sie auf den Boden zurückholen können. Vor allem Middelhoff, der jetzt zu einem wichtigen Zeugen der Strafverfolger geworden ist, hat die Aufs und Abs dieses Lebens intensiver kennengelernt als viele seiner Kollegen. Gegen ihn laufen mehrere Ermittlungsverfahren, und er gibt sich gelassen. Ist das nur Fassade?

Die Deutsche Bank-Tochter Sal. Oppenheim hat ihn und seine Frau auf rund 78 Millionen Euro verklagt, weil er seine Kredite nicht mehr bediene. Vorher hatte er die Bank auf 101 Millionen Euro verklagt. In einigen Monaten wird beim Landgericht Köln verhandelt. Kann sich Middelhoff neuerdings so gut erinnern, weil er so großen Ärger mit der Bank hat? Nein, das wäre ja kleinkariert. Und aus seinem Streit mit der Bank-Tochter Sal.Oppenheim hat er auch nie einen Hehl gemacht, weder bei Gericht noch bei der Staatsanwaltschaft.

Die Juristen der Deutschen Bank haben früh geahnt, dass es mit einem Zeugen Middelhoff ohne Erinnerungsschwächen unlustig werden kann. Middelhoff sei bei der Münchner Staatsanwaltschaft geladen, schrieb am 18. April 2012 ein Jurist der Deutschen Bank an einen Kollegen: "Das ist alles schon sehr bedenklich".

© SZ vom 11.01.2014/mati

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