Deutsche Bank Sie wollten Jäger sein

Die Deutsche Bank sollte unbedingt wieder zu den Großen gehören - und verließ sich darauf, dass die Finanzaufsicht sie schon würde gewähren lassen. Ein Trugschluss mit peinlichen Folgen.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Die meisten Menschen kannten Christian Sewing gar nicht, als er am 8. April quasi über Nacht zum Vorstandschef der Deutschen Bank ernannt wurde. Was die meisten dann aber mitbekamen war, dass er gleich am Folgetag von seinen Leuten einforderte, sie sollten ihre "Jägermentalität" zurückgewinnen. Man müsse sich in allen Geschäftsbereichen steigern, die Messlatte wieder höher legen. Der Start ins Jahr sei zwar solide gewesen, aber das dürfe nicht der Anspruch sein.

Solide dürfe kein Anspruch sein? Stattdessen Jägermentalität? Eigentlich war schon damals klar, dass Sewing die Formulierung auf die Füße fallen könnte. Und so ist es nun gekommen: Am Montag teilte die deutsche Finanzaufsicht Bafin in ein paar dürren Zeilen mit, sie habe einen Sonderbeauftragten bei der Deutschen Bank installiert. Einen Aufpasser, der überwachen soll, wie die Bank "Maßnahmen zur Prävention von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung umsetzt". Zudem müsse das Geldhaus "angemessene Sicherungsmaßnahmen" ergreifen und "interne Sorgfaltspflichten" einhalten. Als wäre das alles nicht schlimm genug, wies die Bafin auch noch darauf hin, dass sie eine solche Maßnahme zum ersten Mal anordne.

Zuletzt herrschte ein Waffenstillstand zwischen Deutscher Bank und Bafin. Der ist vorerst passé.

(Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Die Bank versprach zwar sofort Besserung und Kooperation. Die Klatsche jedoch könnte kaum größer sein. Eigentlich herrschte eine Art Waffenstillstand zwischen Aufsicht und Bank seit die Bafin vor drei Jahren die Ablösung des Vorstands unter Anshu Jain erzwungen hatte. Bafin-Chef Felix Hufeld lobte stets die Fortschritte, sprach der Bankführung das Vertrauen aus. Schließlich wollte man die Gesundung des Hauses nicht durch unnötige Querschüsse erschweren.

Dass der Waffenstillstand nun aufgekündigt wurde, scheint einen handfesten Hintergrund zu haben: In den Doppeltürmen der Bank hat man es mit der Jägermentalität zuletzt offenbar ernst genommen, vor allem im Investmentbanking, dem Geschäftsbereich von Vize-Chef Garth Ritchie. "Die haben weder ausreichend in die Systeme investiert noch die Anordnung der Bafin befolgt, es ging nur ums Geschäft", sagt ein Bank-Insider. Die Bafin habe Engelsgeduld gehabt. "Aber wenn jahrelang nichts passiert und die Aufseher in so einer wichtigen Sache wie Geldwäscheprävention hingehalten werden, dann müssen die reagieren". Dass Ritchies Vertrag im September eilig um fünf Jahre verlängert wurde, obwohl die Personalie erst für Oktober auf der Tagesordnung stand, ärgert daher viele in der Bank.

Garth Ritchie, Investmentbanking-Chef der Deutschen Bank, gilt als verantwortlich für die jüngste Krise. Sein Vertrag wurde gerade erst verlängert – etliche Wochen früher als geplant.

(Foto: Bloomberg)

Ganz konkret habe die Bank bei der Identitätsprüfung von bestehenden Kunden geschlampt und sich dadurch anfällig gemacht für Beihilfe zur Geldwäsche. Know Your Customer, kurz KYC, heißt der Oberbegriff für Hunderte von Informationen, die Banken von Firmenkunden abfragen müssen. Besonders in Ländern mit hohem Geldwäsche-Risiko müssen die Banken diese Daten regelmäßig aktualisieren. Dabei kam das Institut aber offenbar nicht mehr hinterher. "Es gab einen großen Rückstau an unbearbeiteten Akten", sagt ein Insider. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte bereits Anfang August unter Berufung auf zwei vertrauliche Dokumente über schwerwiegende Mängel bei der Überprüfung von Kundendaten, unter anderem in Russland, berichtet. Hintergrund waren IT-Probleme. Aber auch die große Fluktuation in diesem Bereich gilt als Problem. Gerade erst war der oberste Geldwäsche-Bekämpfer Philippe Vollot ausgerechnet zur Skandalbank Danske gewechselt. Die genauen Gründe blieben unklar. Offenbar hatte er zu viele Leute für seinen Bereich gefordert. Seinen Posten übernimmt ab Oktober Stephan Wilken, der seit vielen Jahren für die Bank im Risikomanagement tätig ist. "Dass sie den Aufpasser installiert haben, bevor der neue Geldwäsche-Chef überhaupt angefangen hat, zeigt wie groß die Ungeduld der Bafin offenbar war", sagt ein weiterer Kenner des Geldhauses.

In der Tat reicht das Versagen der Bankführung weit zurück, noch bis vor die Zeit von Vorstandschef Josef Ackermann. Mit Beginn des Investmentbankings Ende der Achtzigerjahre machte die Deutsche Bank immer öfter Geschäfte ohne Rücksicht auf die möglicherweise dubiosen Absichten mancher Kunden - Hauptsache, Gewinn und Bonus stimmten. Im Frühjahr 2015 kam ans Licht, dass Mitarbeiter in Moskau zwischen 2011 und 2015 russischen Kunden geholfen hatten, Rubel im Gegenwert von zehn Milliarden Dollar illegal ins Ausland zu bringen. Auf rund 640 Millionen Euro summierten sich die Strafen dafür. Im Oktober 2015 flatterte zudem ein Bußgeldbescheid der Bafin über 40 Millionen Euro in die Doppeltürme. Damit bestrafte die Behörde die langen Bearbeitungszeiten und nicht genehmigte Auslagerung wichtiger Geschäftsbereiche.

Seither aber sollte alles anders werden. Die für interne Regeln zuständige Vorstandsfrau Sylvie Matherat positionierte sich als Verfechterin strenger Kontrollen. Ihr ehemaliger Geldwäsche-Chef Vollot ließ sich noch im Juni mit hehren Worten zitieren: "Wenn wir unsere Aufgabe gut machen, beschützen wir nicht nur die Bank, sondern leisten auch einen positiven Beitrag für die Gesellschaft." Bis dahin ist es wohl noch ein sehr weiter Weg.