Süddeutsche Zeitung

Deutsche-Bank-Prozess:Fitschens Auftritt nach dem Rücktritt

In München geht der Prozess gegen Noch-Vorstand Jürgen Fitschen und fünf andere hohe Manager der Deutschen Bank weiter. Der Chef auf Zeit wirkt vor Gericht wie befreit.

Umringt von seinen Verteidigern betritt Jürgen Fitschen den Gerichtssaal. Wortlos passiert der scheidende Co-Chef der Deutschen Bank am Morgen die wartenden Kamerateams. Fitschen wirkt aufgeräumt, geradezu entspannt.

Drinnen, in Saal B 273/II des Münchner Landgerichts, schnarren die Fotoapparate, sobald Fitschen über die Schwelle tritt. Er lässt es über sich ergehen, mit freundlich-neutralem Gesichtsausdruck. Der Rest ist Schweigen - vorerst.

Bankenchef in Frankurt, Angeklagter in München

Seit Sonntag ist Fitschen nur mehr Vorstandschef auf Zeit. Nach monatelanger Kritik von Investoren und Öffentlichkeit haben die beiden Co-Vorstandschefs Jürgen Fitschen und Anshu Jain am Sonntag ihren Rückzug von der Konzernspitze bekannt gegeben. Jain geht zum 1. Juli, Fitschen im Mai kommenden Jahres. Solange wird er sich die Chefposition mit dem Briten Jon Cryan teilen, danach übernimmt dieser alleine.

Bis ins Frühjahr 2016 wird Fitschen eine weitere Doppelrolle ausfüllen müssen: Bankenchef in Frankurt, Angeklagter in München. Ingesamt stehen fünf ranghohe Deutsche-Bank-Manager wegen versuchten Prozessbetrugs vor Gericht, unter ihnen zwei ehemalige und ein aktueller Chef der Deutschen Bank. Anfang 2002 hat der ehemalige Vorstandschef Rolf-Ernst Breuer als damaliger Bankchef mit einem TV-Interview über die finanzielle Notlage des Medienmagnaten und Kreditkunden Leo Kirch den ganzen Schlamassel um die Kirch-Gruppe ausgelöst.

Bonbons teilen mit Ackermann

Während Richter Peter Noll Fitschens ehemaligen Vorstandskollegen, den ebenfalls angeklagten Tessen von Heydebreck, befragt, hat Fitschen dann doch Gesprächsbedarf mit seinem Verteidiger Hanns W. Feigen: Sie tuscheln kurz im Hintergrund, dann ist wieder Ruhe. Bis zur ersten Sitzungspause am Vormittag.

Denn als der Vorsitzende Noll die Verhandlung kurz unterbricht, will Fitschen dann ganz offenbar doch reden - erst mit seinen Verteidigern, dann mit seinem Vorgänger an der Spitze der Deutschen Bank. Josef Ackermann und Fitschen diskutieren entspannt miteinander, es werden Hustenbonbons geteilt und gelächelt. Fitschen wirkt fast so, als sei er von einer Last befreit.

Stoßseufzer des Vorsitzenden

Letztlich geht es in dem Strafprozess um zwei Fragen: Hatten die Deutsche Bank und vor allem Breuer den Medienunternehmer Leo Kirch 2002 mit einem TV-Interview tatsächlich unter Druck setzen wollen, um dessen Konzern anschließend gewinnbringend zerschlagen zu können? Und haben sich die Banker später abgesprochen, um ihr Interesse an einer Zusammenarbeit mit Kirch zu verschleiern und nicht auf Schadenersatz verurteilt zu werden? Weil das OLG den Angaben der Bank und der Banker im Schadenersatz-Prozess nicht glaubte, lautet der Vorwurf nur auf versuchten Prozessbetrug. Die Bank wurde damals zu Schadenersatz verurteilt und zahlte schließlich in einem Vergleich die 925 Millionen Euro an die Erben Kirchs und dessen Gläubiger.

Noch-Bankchef Fitschen soll dabei zwar nicht gelogen, falsche Angaben der Bank aber auch nicht korrigiert haben. Am Dienstag sagte er einfach gar nichts, in der gesamten Verhandlung nicht: Am Nachmittag beendete der Vorsitzende Richter Peter Noll die Sitzung bereits nach der Befragung von Heydebrecks und Börsigs und ein wenig Geplänkel zwischen Verteidigern und Staatsanwälten - allerdings nicht ohne einen Stoßseufzer: "Erinnerung, das hatten wir ja schon, ist ein flüchtiges Ding und beeinflussbar." Fitschen soll sein Gedächtnis nun in der Sitzung kommende Woche erforschen. Es bleibt abzuwarten, was er dabei noch zutage fördert.

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