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Deutsche Bank:Kunst? Kann weg

Kunst und Kommerz ganz nah beisammen: Joseph Beuys (mit Hut) war einer der Initiatoren der Kunstsammlung der Deutschen Bank. 1982 vertieft sich der Künstler, wie hier zu sehen, mit dem damaligen Konzernchef Hermann Josef Abs in ein Kunstwerk im Städel Museum in Frankfurt.

(Foto: Lutz Kleinhans/Historisches Institut der Deutschen Bank)

Die Deutsche Bank hat lange Gemälde und andere Kunstwerke gesammelt. Jetzt verkauft sie 200 Werke für viel Geld. Hat das etwas mit der Krise zu tun?

Von Jörg Häntzschel

Dass die Deutsche Bank Teile ihrer riesigen Kunstsammlung verkauft, das fiel Kunstmarkt-Insidern schon vor einem Jahr beim Blättern in deutschen Auktionskatalogen auf. Und zwar noch bevor eines der teuersten Werke, das riesige Triptychon "Faust" von Gerhard Richter, dessen Wert auf 20 Millionen Dollar geschätzt wird, plötzlich aus der Lobby der New Yorker Zentrale verschwand. Dennoch tat die Bank alles, um die Verkäufe zu verbergen. Selbst als die SZ im vergangenen Dezember darüber berichtete, zeigten sich die Verantwortlichen noch schmallippig.

Nun hat die Bank es endlich offiziell gemacht. Am Donnerstag teilte sie mit, sie werde 200 Kunstwerke versteigern lassen, teils bei Christie's in London und Paris, wo schon am 22. Oktober die ersten Gemälde zum Aufruf kommen, teils beim Münchner Auktionshaus Ketterer. Darunter sind ein Gemälde von Lyonel Feininger und Aquarelle von Wassily Kandinsky, August Macke, Egon Schiele und Ernst Ludwig Kirchner. Die Bank rechnet mit einem Gesamterlös im niedrigen zweistelligen Millionenbereich.

Weitere, sehr viel umfangreichere Verkäufe, allerdings von weit weniger wertvollen Werken, werden folgen, so kündigte Friedhelm Hütte, der Leiter der Kultur- und Kunstaktivitäten bei der Deutschen Bank, an. Etwa 5000 der noch 55 000 Werke enthaltenden Sammlung, die eine der größten Firmensammlungen der Welt ist, will er in den nächsten Jahren abgeben. Von 4000 Objekten hat sich die Bank schon getrennt.

Es liegt natürlich nahe, zu vermuten, dass die krisengeschüttelte, mitten in einer tiefen Umstrukturierung steckende Bank versucht, das Tafelsilber zu Geld zu machen. Doch Hütte weist diese Vermutung weit von sich. Es gehe vielmehr darum, sich von der Kunst zu trennen, die nicht mehr ins Konzept der Sammlung passe. Die Erlöse sollen auch nicht dazu dienen, die Bilanz aufzubessern. Ein "signifikanter Teil" des eingespielten Geldes fließe nämlich in den Ankauf neuer Werke von "aufstrebenden künstlerischen Talenten", so Hütte.

Tatsächlich hat die Bank für ihre Sammlung anfangs alles mögliche gekauft, darunter auch viel klassische Moderne. Seit 1979 konzentrieren sich die Kuratoren aber ganz auf zeitgenössische Grafik, Zeichnung und Fotografie. Alles, was vor 1945 entstanden ist, ergänzt durch einige Gemälde und Skulpturen aus der Nachkriegszeit, wird jetzt "in den Markt gegeben".

Das Konzept, das die damals Verantwortlichen entwickelten, hat bis heute viel Charme: Gekauft wurden die nicht allzu kostspieligen, nicht allzu empfindlichen Werke, um sie in Bankfilialen und Büros auf der ganzen Welt zu hängen. Es geht darum, "Kunst in die Arbeitswelt zu bringen", wie Hütte es formuliert. Man wolle den Mitarbeitern mit der Kunst die "Teilnahme am Zeitgeschehen" ermöglichen.

Nur gibt es bei der Deutschen Bank immer weniger Wände, an die Kunst gehängt werden kann. Niedrigzinsen, Onlinebanking, hohe Verluste und hausgemachte Probleme ließen das Filialnetz immer dünner und geräumige Einzelbüros immer seltener werden. Insofern sind die Verkäufe doch ein Krisenphänomen, ausnahmsweise eines, von dem zeitgenössische Künstler profitieren.

© SZ vom 09.10.2020

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