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Deutsche Bank gegen Kirchs Erben:Ackermann stolpert über seinen Führungsstil

Am Ende wird es turbulent für Josef Ackermann: Wegen des geplatzten Kirch-Deals muss er sich unangenehme Fragen gefallen lassen. Bei seinem letzten Aktionärstreffen als Chef der Deutschen Bank wird er zwar wieder gute Zahlen präsentieren können - ein angenehmer Abschied wird es sicher nicht.

Harald Freiberger und Klaus Ott

Es könnte ein schöner letzter Arbeitstag werden für Josef Ackermann am 31. Mai. Der Schweizer präsentiert nach einem Jahrzehnt an der Spitze der Deutschen Bank seine Bilanz, er hinterlässt den in Frankfurt am Main versammelten Aktionären ein wirtschaftlich recht gesundes Finanzinstitut und wird mit warmen Worten und viel Applaus verabschiedet. Die perfekte Party für Joe, wie ihn seine Kollegen nennen. Doch daraus wird wohl nichts.

Ackermann outgoing CEO of Deutsche Bank AG addresses media during bank's annual news conference in Frankfurt

Josef Ackermann gibt seinen Chef-Posten bei der Deutschen Bank nach zehn Jahren ab.

(Foto: REUTERS)

In der Bank stellt man sich schon jetzt auf die nächste Schlacht mit jenem Gegner ein, der das Geldhaus seit einem Jahrzehnt heimsucht. Mit dem Mitte 2011 verstorbenen Medienhändler Leo Kirch und seinen Erben, vertreten durch kampferprobte Anwälte aus der Kanzlei des CSU-Politikers Peter Gauweiler.

Das Stakkato aus Fragen, Anträgen und Attacken wird Joe auch in seiner letzten Hauptversammlung nicht erspart bleiben, nachdem der geplante 812-Millionen-Euro-Vergleich mit Kirchs Erben geplatzt ist. Gauweiler und seine Kollegen haben schon frühere Aktionärstreffen kräftig aufgemischt und sich selbst durch Pfiffe und Buh-Rufe und nicht davon abhalten lassen, mit dem führenden Geldinstitut im Lande hart ins Gericht zu gehen.

Gericht, das ist das richtige Stichwort. Dort wird nun weiter gestritten, ob die Deutsche Bank horrenden Schadenersatz leisten muss, weil ihr vormaliger Vorstandssprecher Rolf Breuer im Februar 2002 in einem TV-Interview Kirchs Kreditwürdigkeit öffentlich angezweifelt hatte und der Medienhändler zwei Monate später mit seinem Film- und TV-Imperium pleite gegangen war.

Am 18. April und 2. Mai vernimmt das Oberlandesgericht München die nächsten Zeugen, die Aufschluss darüber geben sollen, ob die Deutsche Bank seinerzeit ein Komplott gegen ihren Kunden Kirch geschmiedet hat, um an der Zerschlagung seines Medienreichs zu verdienen. Oder ob das eine Verschwörungstheorie ist.

Der Prozess und viele andere Begleit-Verfahren wären im Falle eines Vergleichs hinfällig gewesen. Nun wird es wohl noch Jahre dauern, bis die Bank dieses für sie so lästige Kapitel abschließen kann. Nichts ist es mit dem "besenreinen Haus", das Ackermann hinterlassen wollte.

Und die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt weiter gegen Ackermann, seinen Vorgänger Breuer, Aufsichtsratschef Clemens Börsig und Ex-Personalvorstand Tessen von Heydebreck wegen versuchten Prozessbetrugs im Streit mit Kirch. Sie sollen, was sie heftig bestreiten, vor Gericht falsch ausgesagt haben. Mit dieser Causa befasste Juristen hatten gehofft, auch da sei "die Luft heraus", wenn der Vergleich klappe.

Opfer des eigenen Führungsstils

Am Ende hat gar nichts mehr geklappt, auch weil Ackermann Opfer seines eigenen Führungsstils geworden war. Manche Kollegen fühlten sich vom Vorstandschef vor dessen Friedensgespräch mit Kirchs Witwe Ruth nicht ausreichend eingebunden. "Es ist seine Art, voranzugehen und den anderen zu sagen 'So machen wir es', das kann er auch drei Monate vor Ende seiner Amtszeit nicht ablegen", heißt es in der Bank.

Ackermann selbst, sagt einer seiner Vertrauten, betrachte das Scheitern des Kirch-Vergleichs nicht als persönliche Niederlage. Er wolle bis zu seinem Abschied noch möglichst viel bereinigen. So wie er es mit dem Ausstieg aus den als "Todeswetten" bezeichneten Lebensversicherungsfonds gerade getan hat. Oder mit dem Loreley-Investment, bei dem das Institut auf Kosten anderer Banken an Ramsch-Papieren verdient haben soll. Ackermann sei auch dabei, moralisch besonders fragwürdige Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln zu beenden. Nur Kirch, das sei "einfach ein zu großer Brocken".

Das mag schon alles so sein, aber die Folgen dieses Alleinganges sind heftig und reichen weit über seine Amtszeit hinaus. Sowohl für die Bank wie auch für Ackermann persönlich. Das Geldinstitut hat derzeit einen schweren Stand beim OLG München. Die bisherige Strategie, den Konflikt mit dem Gericht zu suchen, geht nicht auf.

Auf Konfrontationskurs mit dem Gericht

Das OLG hat jetzt einen Befangenheitsantrag der Bank gegen die zuständigen Richter, die voreingenommen seien und heimlich mit der Staatsanwaltschaft kooperiert hätten, mit Vehemenz zurückgewiesen. Die Vorwürfe der Bank seien nicht belegte Mutmaßungen und "bloße Spekulation", sie seien "frei erfunden" und "abwegig", und würden "weitestgehend nicht der Wahrheit entsprechen". Derart heftig ist die Deutsche Bank bei Gericht wohl schon lange nicht mehr abgewatscht worden.

Im OLG-Beschluss gegen die Deutsche Bank findet sich auch eine bemerkenswerte Passage über Ackermann. Der habe im Mai 2011 seine Zeugenaussage vor Gericht "mit beachtlicher Geschwindigkeit" vorgetragen. Somit habe der Eindruck entstehen können, der Vorstandschef "lese eine vorbereitete Erklärung ab". Der Vorsitzende Richter hatte von Ackermann damals wissen wollen, ob er etwas ablese. Die Bank beanstandete sogar diese Frage, was das OLG jetzt zum Anlass nahm, das Institut zu belehren. Solch eine Frage sei ein "übliches Mittel der Wahrheitsfindung" und somit Pflicht der Justiz.

Keine gute Zeit für Ackermann. Bei seiner letzten Hauptversammlung Ende Mai sind selbst von den Aktionären keineswegs nur Lobeshymnen zu erwarten. Die Kapitalanleger-Vereinigung DSW will fragen, warum Ackermann im Falle Kirch erst vorgeprescht sei, um dann wieder kehrt zu machen. Es könnte ein turbulenter letzter Arbeitstag werden.

© SZ vom 03.03.2012/infu

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