Deutsche Bank:Endspiel für den Chef

Nun muss der Vorstandsvorsitzende Jürgen Fitschen tatsächlich vor Gericht. Das ist nicht zwingend ein Grund zurückzutreten. Aber vielleicht ist dies eine Erwägung wert.

Ein Kommentar von Marc Beise

Muss er zurücktreten? Das war die erste Frage, die sich stellte, nachdem das Landgericht München am Montag die Anklage gegen Jürgen Fitschen, den Ko-Chef der Deutschen Bank, zugelassen und damit das Verfahren um die Pleite des Kirch-Medienkonzerns auf die höchste Stufe gehoben hat. Das hat es noch nicht gegeben: Ein amtierender Chef der größten und bekanntesten deutschen Bank, seine beiden Vorgänger sowie weitere frühere Vorstände müssen sich vor Gericht verantworten wegen des Vorwurfs, sie hätten die Justiz täuschen wollen. Versuchter Prozessbetrug wiegt schwer und wird in besonders drastischen Fällen mit Gefängnisstrafe bis zu zehn Jahren geahndet, einerseits. Andererseits gilt die heilige Unschuldsvermutung auch im Falle jedes einzelnen Bankermanagers, mag der Berufsstand seit der Finanzkrise noch so schlecht beleumdet sein. Verurteilt sind die nun Angeklagten noch lange nicht, zumal die umstrittenen Vorgänge rechtlich kompliziert und streitig sind.

Nein, der Bankchef Fitschen muss nicht zurücktreten. Die Frage lautet eher, ob er es sollte. Fitschen will das nicht, wollte das nie im Lauf der jahrelangen, quälenden Vorbereitungen des Prozesses. Er fühlt sich unschuldig, hat konsequent und mutig Deals mit der Staatsanwaltschaft abgelehnt und will den Freispruch erster Klasse. Das ehrt ihn.

Fitschen muss nicht zurücktreten. Aber vielleicht sollte er es

Aber Fitschen hat auch ein für Deutschland besonders wichtiges Unternehmen im Umbruch zu führen, ist obendrein als Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken der Repräsentant der Branche. Noch hat er die Rückendeckung des Aufsichtsratschefs der Bank, Paul Achleitner, eines Mannes, der erst spät zur Bank gekommen ist und mit den fraglichen Umständen nichts zu tun hat. Achleitner hat sich bisher geweigert, aus unvollständig aufgeklärten Zusammenhängen Konsequenzen für das ihm anvertraute Unternehmen zu ziehen. Er verfuhr nach dem Motto: Ich lasse mir meine Vorstände nicht willkürlich wegschießen. Das galt freilich vor allem für die Zeit der Ermittlungen - jetzt ist das Verfahren in einem neuen Stadium: Fitschen ist Angeklagter. Und die Vorwürfe zielen auf das Kernkapital eines Geldinstituts, auf Verschwiegenheit und Ehrlichkeit im Geschäftsleben, sowie Ehrlichkeit vor der Justiz.

Das Verfahren trifft nicht etwa auf eine von Grund auf geläuterte Bank, der womöglich Dinge juristisch nachhängen, die sie in der Praxis längst abgestellt hätte. In der Unternehmenswelt, ja sogar in der Finanzbranche gilt "die Deutsche" als eine Bank, die den selbstverordneten "Kulturwandel" weg von der Zockerbude hin zum verantwortlich handelnden Geldhaus trotz großartiger Versprechen noch nicht wirklich eingelöst hat. Sie hat immer noch ein massives Imageproblem, das durch das Gerichtsverfahren gegen einen der beiden Vorstandschefs nun noch größer wird. Diesen Druck auszuhalten, in der Hoffnung auf einen Freispruch - das ist ein riskantes Spiel. Man kann es weder Fitschen noch Achleitner empfehlen.

© SZ vom 03.03.2015
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