Deutsche Bank:Der Rücktritt des DWS-Chefs war überfällig

Lesezeit: 3 min

Deutsche Bank: Die mit "Greenwashing"-Vorwürfen konfrontierte Fondsgesellschaft DWS, eine Tochter der Deutschen Bank, bekommt einen neuen Chef.

Die mit "Greenwashing"-Vorwürfen konfrontierte Fondsgesellschaft DWS, eine Tochter der Deutschen Bank, bekommt einen neuen Chef.

(Foto: Andreas Arnold/picture alliance/dpa)

Nach Betrugsvorwürfen tauscht die Deutsche Bank den Chef ihrer Fondstochter aus. Doch der Reputationsschaden ist schon jetzt immens. Das hat sich die Konzernführung selbst zuzuschreiben.

Kommentar von Meike Schreiber , Frankfurt

Geldanlage ist Vertrauenssache. Wer will schon sein Vermögen einem Unternehmen überlassen, das von Strafverfolgern durchsucht wird? Einem Treuhänder, der womöglich die eigenen Fondsprodukte nachhaltiger darstellt, als sie sind, und zwar so massiv, dass ein Betrugsverdacht im Raum steht? Wer sein Geld also in einen Aktien- oder Rentenfonds der DWS investiert hat - und das sind in Deutschland viele Millionen Menschen -, der kam vielleicht ins Grübeln, als am Dienstag die Nachricht von einer Razzia bei der Fondsgesellschaft die Runde machte: 50 Ermittler von Staatsanwaltschaft, BKA und Finanzaufsicht durchsuchten die Geschäftsräume des größten deutschen Asset-Managers, einer Tochter der Deutschen Bank. Der Verdacht: Die DWS könnte Fondsanleger betrogen haben, nicht weil man Risiken verschwiegen hat, sondern indem man die Produkte womöglich als viel "grüner" auswies, als sie es tatsächlich waren.

Auch wenn es erst einmal harmlos klingt: Falsche Angaben in Verkaufsprospekten lassen nicht nur die Finanzaufseher aufhorchen, sie sind auch Futter für Anlegeranwälte. Neben möglichen aufsichts- und strafrechtlichen Prozessen drohen nun Zivilklagen. DWS und Deutsche Bank wiesen die Vorwürfe zwar zurück. Die Nachricht aber ist mindestens irritierend für Anleger, der Reputationsschaden für die DWS und die Konzernmutter Deutsche Bank bereits eingetreten. Für die Fondsbranche insgesamt sind die Vorgänge der berühmte Weckruf. Bei Deka, Union Investment oder anderen Anbietern verfolgen viele die Vorgänge mit einem gewissen Gruseln. Schließlich war die Zahl der angeblich oder tatsächlich nachhaltig verwalteten Fonds zuletzt regelrecht explodiert, die Marketingleute hatten freies Spiel: Zuweilen bekam man fast den Eindruck, als würden Anleger höchstpersönlich für saubere Ozeane sorgen oder das Artensterben stoppen, wenn sie in einen bestimmten Fonds investieren. In Wirklichkeit aber waren viele Anbieter froh, mit dem Nachhaltigkeitsthema endlich wieder Anleger nicht nur in "passive" ETF-Fonds, sondern auch in sogenannte aktiv verwaltete, in der Regel aber teurere Fonds zu locken. Überzogenes Marketing war es also allemal, aber auch Betrug?

Die Konzernführung hat sich das Schlamassel selbst zuzuschreiben

Ob sich der Verdacht erhärtet, werden die Ermittlungen zeigen. Dennoch ist es richtig, dass DWS-Chef Asoka Wöhrmann sofort zurückgetreten ist. Der einst gefeierte Fondschef war nicht nur verantwortlich für das mindestens überzogene Marketing der Firma, er hat auch versagt im Umgang mit dem Problem. Statt die Bedenken ernst zu nehmen, die seine frühere Nachhaltigkeitschefin vor gut einem Jahr erhoben hatte, feuerte er sie und erweckte obendrein den Eindruck, es habe ihr an Zugkraft gefehlt. Sie ließ das nicht auf sich sitzen, sondern machte ihre Befunde im vergangenen Sommer öffentlich. Seither ermitteln nicht nur die strenge US-Börsenaufsicht SEC und das US-Justizministerium, sondern - wie man seit Dienstag weiß - seit Januar auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft und das Bundeskriminalamt. Schlimmer geht's nimmer für die Deutsche Bank, die sich seit Jahren abrackert, ihre Reputation wiederherzustellen.

Dabei hat sich die Konzernführung das Schlamassel selbst zuzuschreiben: Christian Sewing und sein Stellvertreter Karl von Rohr haben lange ihre schützende Hand über Wöhrmann gehalten, auch als neben Greenwashing-Verdacht noch andere Vorwürfe bekannt wurden, wie mögliche Verstöße gegen die eigenen Unternehmensregeln. Nach Tradition des Hauses aber erweckte man viel zu lang den Anschein, an alledem sei nichts dran, erhöhte sogar Wöhrmanns Gehalt. Die nun getroffene Regelung, den Chef des Unternehmenskundenbereichs zum Nachfolger dieses so wichtigen Bereichs zu ernennen, wirkt überhastet und wenig durchdacht. Das ist keine Randnotiz, wenn man bedenkt, dass Sewing die stabilen Erträge der DWS braucht. Noch problematischer aber ist: Der ganze Konzern hat damit beim Thema Nachhaltigkeit massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Sewing hat "Grün" zum Kernthema gemacht, wollte zeigen, dass die Bank über die Finanzierung nachhaltiger und sozialer Projekte die Welt verbessern kann. Und ja, es war eine der wenigen Möglichkeiten zu untermauern, warum das Geldhaus überhaupt eine Daseinsberechtigung hat. Das ist fürs Erste wohl gescheitert.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusAnders arbeiten
:Schuften für den freien Freitag

Die Vier-Tage-Woche verheißt mehr Zeit für Hobbys, Freunde und Familie. Doch bleibt die Wochenarbeitszeit gleich, läuft es auf vier sehr lange Arbeitstage hinaus. Ist das wirklich erholsam?

Lesen Sie mehr zum Thema