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Finanzindustrie:Ein Hedgefonds-Skandal wirft Fragen bei der Deutschen Bank auf

verspiegelte Konzernzentrale der Deutschen Bank, Zwillingsstuerme, Deutschland, Hessen, Frankfurt am Main mirrored high-

Die Deutsche Bank hatte ihr Hedgefonds-Geschäft eigentlich 2019 verkauft.

(Foto: S. Ziese /imago images)

Nach dem Kollaps eines Hedgefonds stellen sich neue Fragen um einen Deal, den die Deutsche Bank mit dem französischen Rivalen BNP Paribas geschlossen hat.

Von Leo Klimm und Meike Schreiber, Frankfurt, Paris

Da hatte die Deutsche Bank wohl nochmal Glück. "Wir haben unser Engagement erheblich reduziert, ohne Verluste zu erleiden", teilte Deutschlands größtes Geldhaus Ende März mit. Gerade war der US-Hedgefonds Archegos spektakulär kollabiert, was bei anderen Instituten großen Schaden verursacht hatte. Am meisten litt die Bank Credit Suisse, deren Verluste sich auf enorme 4,5 Milliarden Euro summieren. Und erst am Dienstag teilte der Schweizer Rivale UBS überraschend mit, 740 Millionen Euro verloren zu haben. Auch die Deutsche Bank hatte Geschäfte mit dem Fonds gemacht, die Risiken aber nach eigener Angabe rechtzeitig "heruntergefahren" - wobei unklar bleibt, was damit genau gemeint ist.

An diesem Mittwoch legt die Deutsche Bank die Bilanz zum ersten Quartal vor, in der das Archegos-Debakel also offenbar keine Spuren hinterlassen hat. Doch während in der Frankfurter Zentrale Erleichterung herrscht, sorgt der Vorgang in der Bankenbranche für Verwunderung: Warum, so fragen viele Beobachter, war die Deutsche Bank überhaupt noch so großen Risiken mit dem Hedgefonds ausgesetzt? Zwar hatte das Institut Ende März noch durchblicken lassen, seine Archegos-Risiken entsprächen "nur einem Bruchteil" dessen, was andere Banken auf den Büchern hatten. Dann aber kam heraus, dass die Deutsche Bank offenbar Wertpapiere für 3,4 Milliarden Euro verkaufen musste, die Archegos als Sicherheit hinterlegt hatte. Nicht gerade wenig.

Vieles bleibt rätselhaft: Hatte die Deutsche Bank ihre Sparte für das sogenannte Prime Brokerage, bei dem das Institut Geschäfte für Hedgefonds abwickelt, nicht längst an den französischen Wettbewerber BNP Paribas abgetreten? So war es doch im November 2019 vertraglich beschlossen worden - als Teil der großen strategischen Neuaufstellung der Bank. Und wie ist es der Deutschen Bank jetzt gelungen, die Archegos-Geschäfte offenbar ohne Verluste "herunterzufahren", während dies anderen namhaften Häusern mit großer Nähe zum Aktienmarkt reihenweise nicht gelang?

Hedgefonds sind spekulative, weniger regulierte Fonds, die bei der Geldanlage viele Freiheiten haben. Banken wie Credit Suisse oder Nomura aus Japan und Goldman Sachs aus den USA hatten Archegos Geld für Aktienkäufe geliehen, ohne dass die Aufseher den hohen Schuldenhebel erkannten. Als einige Aktien aus dem Fonds stark fielen, mussten die meisten Banken ihre Sicherheiten mit Verlust verkaufen.

Der Fall wirft damit abermals ein Schlaglicht auf das Geschäft der Deutschen Bank mit BNP Paribas, zu dem beide Geldhäuser ohnehin nur ungern Auskunft geben. Immer deutlicher wird: Der deutsch-französische Deal kann für die Deutsche Bank kein besonders guter gewesen sein, wenn Milliardenrisiken wie die von Archegos anderthalb Jahre nach Vertragsunterzeichnung noch immer bei dem Frankfurter Institut liegen. Zwar kündigten die beiden Banken bei Vertragsschluss an, dass sich der Übergang der Sparte an BNP bis Ende 2021 hinziehen könne. Dass das bedeutet, dass auch Risiken bei der Deutschen Bank verbleiben, ist nun dennoch eine Überraschung. Auch, ob die Deutsche Bank von BNP überhaupt einen Kaufpreis erhalten hat, bleibt weiter unklar.

Die französische Antikorruptionsbehörde AFA hat bereits eine Prüfung eingeleitet

Der Verkauf des Hedgefonds-Geschäfts an BNP Paribas wird noch nebulöser als er sowieso schon war: Wegen einer fragwürdigen Provisionszahlung in Höhe von mehreren Hunderttausend Pfund, die für die Vermittlung des Deals an einen Londoner Berater geflossen sind, hat die französische Antikorruptionsbehörde AFA bereits eine Prüfung eingeleitet. Zu den neuen Fragen, die der Fall Archegos aufwirft, wollen sich die beiden Geldhäuser nicht äußern. Auch die EZB ist jedoch hellhörig geworden und will es jetzt genauer wissen: Angesichts der potenziellen Gefahren für das europäische Finanzsystem hat die Behörde von einigen Großbanken in Europa Auskunft über ihre Risiken im Hedgefonds-Business gefordert.

Für BNP Paribas offenbart sich mit dem Fall Archegos ein Dilemma. Das Pariser Geldhaus war bisher für seine Scheu vor riskantem Investmentbanking bekannt. Nicht zuletzt dadurch hat BNP die Deutsche Bank seit der Finanzkrise 2008 deutlich hinter sich gelassen. Der Kauf von der Deutschen Bank markiert nun einen Kursschwenk: Die Franzosen wollen sich im Servicegeschäft für Hedgefonds künftig mit den US-Riesen Goldman Sachs und Morgan Stanley messen. "BNP checkt jedes Detail der Deutsche-Bank-Sparte sehr genau", heißt es im Umfeld des Pariser Instituts. Die Übernahme an sich werde wegen Archegos nicht in Frage gestellt. "Es ist ja nichts Neues, dass Geschäfte mit Hedgefonds Risiken bergen." Auch in Frankfurter Finanzkreisen hieß es, das Verkaufsprojekt sei auf Kurs.

© SZ
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