Finanzindustrie:Misstrauen muss vor Geschäft gehen

Deutsche Bank

Türme der Deutschen Bank in Frankfurt: Finanzinstitute stehen in der Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass ihre Partner seriös sind.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

So etwas darf nicht passieren: Allianz und Deutsche Bank haben sich ohne Not mit dubiosen Partnern eingelassen.

Kommentar von Meike Schreiber

Die Unschuldsvermutung ist eines der Grundprinzipien des rechtsstaatlichen Strafverfahrens. Kein Beschuldigter muss seine Unschuld beweisen, sehr wohl aber die Strafverfolgungsbehörde seine Schuld. Daran sollte nicht gerüttelt werden. Im Geschäftsleben aber gilt diese Regel nicht, schon gar nicht bei Banken. Für sie muss andersherum die Misstrauensregel gelten: Wenn Kreditinstitute auch nur leise Zweifel haben, dass ein Kunde, Geschäftspartner oder Mitarbeiter nicht seriös ist, dass er womöglich in Geldwäsche oder andere krumme Geschäfte verwickelt ist, dann müssen Banken einen Bogen um diese Partner machen - selbst wenn es für deren Fehlverhalten nur Indizien gibt. Unschuldsvermutung? Gilt hier nicht. Allen voran die US-Behörden verfolgen Beihilfe zu Geldwäsche in der Regel hartnäckig, um nur ein Beispiel zu nennen.

Ausgerechnet die beiden größten Finanzkonzerne des Landes aber, Deutsche Bank und Allianz, haben diese Misstrauensregeln klar außer Acht gelassen, als sie sich 2018 mit zwei undurchsichtigen Geschäftsmännern eingelassen haben, wie die SZ recherchiert hat. 2018 brachten sie zusammen mit dem Start-up Auto 1, besser bekannt unter der Marke Wirkaufendeinauto.de, gemeinsam eine Firma an den Start, eine neue Autobank namens Auto 1 Fintech. Nach außen gaben sich die beiden Traditionskonzerne und Auto 1 als Treiber, in Wahrheit waren Deutsche Bank und Allianz nur Juniorpartner. Das Geld kam zu großen Teilen von zwei opaken Investoren, die einerseits zwar auch weniger verdächtigen Geschäften nachgehen und -gingen, andererseits aber an zwei Banken ausgerechnet in Nordzypern beteiligt sind.

Das Bankensystem in Nordzypern aber gilt als Drehscheibe für Geldwäsche, Terrorfinanzierung und illegales Glücksspiel. Das Land ist von der EU nicht anerkannt, normale internationale Bankgeschäfte sind dort kaum möglich. In Israel vermutet man, dass über nordzyprische Banken Terrororganisationen wie die Hamas finanziert werden.

Nun sei alles in Ordnung, hat der Vorstandschef versprochen. Daran muss er sich messen lassen

Weder Deutsche Bank noch Allianz hätten sich daher mit diesen Partnern einlassen dürfen. Gerade die Deutsche Bank, deren Sündenregister fast so lang ist wie die Entfernung zwischen Frankfurt und New York, kann sich auf diesem Gebiet keinerlei Nachlässigkeit erlauben, und die deutsche Finanzaufsicht täte gut daran, dies auch streng zu überwachen. Es ist schon schlimm genug, dass ein Schurkenstaat wie Katar seit vielen Jahren zu den einflussreichen Großaktionären der Bank gehört, wenigstens bei den Geschäftspartnern sollte das Geldhaus daher aufpassen. Die größte deutsche Bank kann sich in diesem Fall auch nicht damit herausreden, dass Mitarbeiter auf unteren Rängen in entfernten Filialen irgendwelche Vorschriften missachtet haben. In diesen Deal war die oberste Führungsregie eingebunden, nicht nur der heutige Chef der Konzerntochter DWS, Asoka Wöhrmann, auch Firmenkundenchef Stefan Hoops und der frühere Investmentbanking-Chef Marcus Schenck. Auch Konzernchef Christian Sewing, der im April vom Privatkundenchef zum Vorstandschef aufstieg, kannte die Investoren. Allen voran Sewing hat versprochen, die Bank sei nunmehr rundum geläutert. Daran muss er sich messen lassen.

Mehr noch als andere Unternehmen müssen Banken Sorge dafür tragen, dass ihre Partner seriös sind. Denn die Institute sind es, die das Kapital dieser Leute in den Wirtschaftskreislauf pumpen oder gar deren Geschäfte erst ermöglichen. Sie adeln ihre Kunden durch die Zusammenarbeit. Ein Partner führt nach der Prüfung durch die Deutsche Bank quasi einen Unbedenklichkeitsstempel mit sich. Und natürlich müssen Banken nicht nur Kunden, sondern auch Geschäftspartner prüfen. Deutschland hat den unschönen Ruf, ein Geldwäscheparadies zu sein. Schuld daran sind neben Politik und Immobilienbranche auch die Banken.

Was in diesem Fall irritiert: Deutsche Bank und Allianz haben sich mit den zwei dubiosen Geschäftsleuten eingelassen, um ein vergleichsweise kleines Gemeinschaftsunternehmen ins Leben zu rufen, das sie ohne Probleme auch selbst hätten finanzieren können. Warum, bleibt vorerst ein Geheimnis. Es drängt sich jedenfalls der Eindruck auf, dass man leichtfertig ein hohes Risiko eingegangen ist.

© SZ
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