Süddeutsche Zeitung

Zugverkehr:Bahn will Servicepersonal aufstocken

Lesezeit: 3 min

Es läuft nicht bei der Bahn: Die Mitarbeiter sind unzufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen, die Kunden wegen Verspätungen und voller Züge. Das soll sich nun ändern - und diesmal wirklich.

Von Johannes Korsche

Für die Bahnkunden soll es besser werden, diesmal wirklich und kurzfristig. Zumindest beim Service, das hat DB-Personenfernverkehrsvorstand Michael Peterson auf einer Pressekonferenz angekündigt. Denn ein großes Problem kann Peterson nicht lösen, das nimmt er gleich vorweg: Die "Infrastruktur kann nicht mithalten", sagt er. Die Bahn will aber durch drei Maßnahmen attraktiver und zuverlässiger werden: mehr Personal, eine veränderte Reiseauskunft in der DB-App sowie auf der Homepage und eine stete Erneuerung der Zugflotte.

"Wir wollen das Reisen besser planbar machen", verspricht Peterson. So will die Bahn in der Fahrplanauskunft künftig an den Umsteigezeiten drehen. Man habe sich einzelne Baukorridore angeschaut, die oft zu Verspätungen und Stau auf der Schiene führten. Und für diese Verbindungen, etwa 800 deutschlandweit, biete die Reiseauskunft der Bahn nun automatisch und je nach Strecke individuell großzügigere Umsteigezeiten an. Damit will die Bahn "zuverlässiger" garantieren, dass Reisende ihr Ziel zur angegebenen Uhrzeit erreichen, erklärt Peterson. Diese Neuerung gilt für Umstiege von Fern- auf Fernverkehrszüge, man könne sich über die Reiseauskunft weiterhin auf eigenes Risiko eine andere Verbindung mit geringerer Umstiegszeit suchen. Zudem soll es laut Peterson möglich sein, dass man auch mit einem Sparticket, die eigentlich zuggebunden verkauft werden, einen früheren Anschlusszug nehmen kann, wenn das möglich ist.

Die Ankündigungen kommen zu einem schwierigen Zeitpunkt für die Bahn. Einerseits sind noch nie so viele Menschen so viele Kilometer ICE und Intercity gefahren wie in den vergangenen drei Monaten. Andererseits ist innerhalb seiner Belegschaft die Stimmung schlecht. Das Servicepersonal klagt über schlechte Arbeitsbedingungen und eine zu hohe Arbeitsbelastung. Seit Mitte Dezember 2021 können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter online melden, wenn die Arbeitsbelastung so hoch ist, dass sie die "anfallenden Tätigkeiten gemäß Vorgaben der geltenden Unternehmensrichtlinien" nicht angemessen erledigen können. Insgesamt kamen seitdem laut Gesamtbetriebsrat 1953 solcher Überlastungsanzeigen zusammen. Der überwiegende Teil davon, etwas mehr als 1400, sei von Zugbegleitern eingegangen. Knapp 550 Mal meldete jemand von der Bordgastronomie eine Überbelastung.

Peterson kündigt nun eine Einstellungsoffensive an. 1000 neue Service-Mitarbeiter sollen die angespannte Personalsituation verbessern. Und dem Kunden eine angenehmere Reise bieten. 130 neue Gästebetreuerinnen und -betreuer sollen an reisestarken Wochenenden zum Beispiel beim Finden des Sitzplatzes helfen. Zudem sollen 130 neue Servicekräfte an den Bahnhöfen Auskunft geben, um das Umsteigen zu erleichtern und 750 neue Zugbegleiter in den Zügen einen reibungslosen Service garantieren.

Die Fahrgäste kamen schneller in die Züge zurück als das Personal

Seit Dezember 2021 gilt neben einem anderen Fahrplan auch ein "vorübergehend angepasstes Besetzungskonzept" für die Fernzüge der DB. Wegen der geringeren Auslastung der Züge während Corona schickte die Bahn auch weniger Servicepersonal auf die Strecke. Nur: Die Fahrgäste kamen schneller in die Züge zurück als das Personal. "Wir haben uns darauf vorbereitet, aber wir waren überrascht, dass unsere Fahrgäste so schnell zurückkommen", sagt Peterson. Derzeit arbeiten knapp 5000 Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter für die Bahn, mehr als 2800 sind für die Gastronomie im Einsatz.

Die Folge, so EVG-Sprecher Oliver Kaufhold: "Wenn deutlich mehr Reisende an Bord sind, als das eingeteilte Personal betreuen kann, bleibt zwangsläufig fast die gesamte Kundenbetreuung auf der Strecke." Die Gewerkschaft fordert deswegen schon länger mehr Personal. Angekündigte Neuanstellungen begrüße man daher, sagt Kaufhold. "Sie entlasten die Beschäftigten und helfen auch dem Kunden." Der Konzernbetriebsrat der Deutschen Bahn ist da nicht so optimistisch. Es müsse sichergestellt werden, dass die Mitarbeiter "im operativen Geschäft" schnellstmöglich entlastet werden. Das Problem sei durch Jobzusagen allein nicht gelöst: "Hinsichtlich der hohen Personalfluktuation, den Mangel an ausreichend Ausbildern und Trainern sowie den Defiziten in der Mitarbeiterbindung, erwarten die Interessenvertreter vom Konzernvorstand klare Maßnahmen." Peterson dagegen erwartet, dass die neuen Mitarbeiter nun länger bei der Bahn bleiben werden, da von Anfang an auf die hohe Belastung im Job hingewiesen werde - und die Neueinsteiger auch vom ersten Tag an den Job in vollen Zügen kennenlernen. Anders als bei den ehemaligen Mitarbeitern, die während der Corona-Zeit in mehr oder weniger leeren Zügen angefangen hätten.

Auch in die Zugflotte investiert die Bahn, bis 2029 will die DB im Fernverkehr etwa für zehn Milliarden Euro neue Züge anschaffen. Bis Ende des Jahres fahren laut Peterson mehr als 360 ICE auf den Gleisen. Im Dezember, so die Ankündigung, rollen auch die ersten, neuen ICE durchs Land, der ICE 3neo soll schneller sein und mehr Sitzplätze bieten als die bisherigen Modelle.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5636995
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/evg
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.