Süddeutsche Zeitung

Deutsche Bahn:So eskalierte der Führungsstreit bei der Bahn

  • Eigentlich sollte der Vertrag von Bahn-Chef Grube verlängert werden. Dass er nun zurücktritt, kommt völlig überraschend.
  • Auch den Eigentümer Bund trifft der Rücktritt unvorbereitet. Einen Plan B für die Nachfolge gibt es noch nicht.

Von Markus Balser und Thomas Öchsner, Berlin

Am Donnerstagmorgen vergangener Woche liegt Rüdiger Grubes Leben noch voll im Plan. Es ist 7.30 Uhr, als der Chef der Deutschen Bahn in seinem Büro im 25. Stock hoch oben im gläsernen Bahntower in Berlin zum Gespräch empfängt. Draußen geht gerade die Sonne auf, drinnen ist Grube nur schwer zu bremsen. Er erzählt von Plänen für fahrerlose Züge schon in wenigen Jahren. Von Rekordinvestitionen in neue ICEs und das Netz des Staatsunternehmens, damit sein Konzern endlich wirklich "pünktlich wie die Eisenbahn" fährt. Nichts deutet darauf hin, dass die Karriere des Bahnchefs wenige Tage später jäh endet.

Grube, 65, redet von Werten, die er verinnerlicht habe, damals als Junge auf dem Bauernhof, den seine Großmutter und seine Mutter allein bewirtschafteten. Er wolle vor großen Aufgaben nicht davonlaufen. Er fände es illoyal, sich jetzt vom Acker zu machen. Vier Tage später sitzt Rüdiger Grube wieder im gläsernen Turm. Diesmal sitzen ihm Aufsichtsräte gegenüber, nicht Journalisten. Und die haben einen neuen Fahrplan für Grube parat: Nicht drei, sondern nur zwei Jahre soll er an der Spitze bleiben. Es scheint nur ein Detail eines komplizierten Vertrags. Doch es ist der Moment, in dem Rüdiger Grube aussteigt. Noch in der Sitzung habe er seinen Chefposten hingeworfen, heißt es aus dem Aufsichtsrat.

Plötzlich steht damit ein Konzern mit 300 000 Mitarbeitern und 40 Milliarden Euro Jahresumsatz führungslos da. Wer verstehen will, warum bei der Bahn Chaos ausbricht, muss einige Monate zurückschauen: Schon im Herbst hatten Emissäre des Konzerns und der Bundesregierung Gespräche über eine Vertragsverlängerung aufgenommen. Grube wollte nach sieben Jahren an der Konzernspitze eigentlich eine Gehaltserhöhung um zehn Prozent. Sein Fixgehalt sollte auf eine Million Euro steigen - zuzüglich einigen Hunderttausend Euro Boni.

Doch die Bundesregierung lehnte ab. Zu heikel, angesichts der schlechten Bahn-Zahlen, befand man in Berlin. Grube lenkte wieder ein und verzichtete - auch auf eine Abfindung im Fall einer vorzeitigen Trennung. Eine Bedingung aber blieb: Drei Jahre wollte Grube noch im Amt bleiben, statt wie von der Regierung geboten zwei. Sonst, glaubte er, würde bereits nach einem Jahr seiner letzten Amtszeit eine neue Führungsdebatte losbrechen.

Diese Verabredung stand. Denn auch in der Bundesregierung - der Bund ist zu 100 Prozent Eigentümer der Bahn -, war man für den Kompromiss. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hatte sich mit klaren Aussagen zum Chefposten bei der Bahn zunächst betont Zeit gelassen. Er knüpfte eine weitere Amtszeit Grubes an drei Bedingungen: Die Bahn müsse nach dem Rekord-Minus von 1,3 Milliarden Euro im Jahr 2015 wieder Gewinne liefern. Mit der Digitalisierung müsse es vorangehen, etwa bei der Ausstattung der Züge mit Wlan. Und, klar, die Pünktlichkeit müsse endlich besser werden.

Die Drohkulisse wirkte offensichtlich. Grube übernahm selbst die Führungsrolle bei dem Projekt "Zukunft Bahn", und auf einmal ging es doch voran. Das Wlan funktioniert jetzt allen Unkenrufen zum Trotz kostenlos in den ICE-Zügen. Und 2016 waren immerhin fast 80 Prozent der Fernzüge pünktlich, die Zielmarke hat Grube damit nicht ganz erreicht. Aber 2015 waren es erst 74 Prozent. Die Politik stand damit plötzlich wieder hinter Grube. Er freue sich darauf, mit Grube "in den nächsten Jahren noch viele gemeinsame Termine machen zu können", sagte Dobrindt erst vor wenigen Tagen.

Die Bahn ist längst nicht nur auf der Schiene unterwegs

Die langen Debatten hätten Grube jedoch dünnhäutiger werden lassen, sagt ein Vertrauter. Dass führende Aufsichtsräte von der Wirtschafts- und Arbeitnehmerseite sich nun plötzlich nicht mehr an frühere Verabredungen halten wollten, habe Grube extrem verärgert. Um das Gesicht zu wahren, sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als zu gehen, heißt es. Auch wenn es letztlich nur um ein Jahr Amtszeit gegangen sei. "Aufsichtsräte hätten ahnen können, dass Abweichungen Turbulenzen auslösen", sagt ein Vertrauter Grubes. Doch offenbar ahnte niemand etwas. Auch einen Vorstoß aus dem Verkehrsministerium, den Beschluss zu vertagen, lehnte Grube ab. Das Ministerium sei sehr verärgert über die Vorgänge im Aufsichtsrat, hieß es.

Über die Nachfolge Grubes entscheidet nun die Bundesregierung. Doch wer Grube folgt, ist völlig unklar. "Einen Plan B hat keiner", sagte ein Aufsichtsrat der Süddeutschen Zeitung. Als möglicher Kandidat gilt Ex-Kanzleramtschef und CDU-Politiker Ronald Pofalla, der seit 2015 bei der Bahn ist und inzwischen im Vorstand den Bereich Infrastruktur verantwortet. Aus dem Aufsichtsrat verlautete allerdings, Pofalla sei nicht gesetzt. "Wir schauen uns jetzt alle Namen an."

Zumal Widerstand von der SPD kommen dürfte. Sie meldete umgehend ein Mitspracherecht an. Über die Besetzung des Postens werde in der Koalition entschieden, sagte der designierte Parteichef Martin Schulz. Der Posten des Bahnchefs gilt als einer der schwierigsten in der deutschen Wirtschaft. Kaum jemand ahnt, was für ein Riesenreich Grube aus seinem Büro mit Blick auf das Bundeskanzleramt und den größten deutschen Bahnhof gesteuert hat: 40 000 Züge, genauso viele Busse und Tausende Lkw.

Grube ist ein Netzwerker

Die Bahn ist zum internationalen Logistikkonzern mit Geschäften in 130 Ländern geworden. Erschwert wird die Arbeit des Bahnchefs durch den Einfluss der Politik. Bis heute sei unklar, was der Bund als Eigentümer der Bahn eigentlich mit dem Staatsunternehmen wolle, klagen führende Bahn-Manager: Soll der Konzern möglichst hohe Gewinne einfahren oder möglichst günstig auf möglichst vielen Strecken möglichst viele Menschen von A nach B bringen?

Grube kämpfte noch mit weiteren immensen Problemen: Stuttgart 21, geplatzte Börsengänge, Baustellenpannen: Zwar musste immer mal wieder ein Vorstand gehen. Doch bislang brachte keine der vielen Turbulenzen den Konzernchef selbst in ernste Schwierigkeiten. Dass Grube sich immer wieder aus bedrohlichen Situationen retten konnte, hatte viel mit seiner Fähigkeit zum Netzwerken zu tun. In kaum einem anderen Konzern ist das so wichtig wie bei der Deutschen Bahn und ihren kurzen Drähten in die Politik. Trauzeuge bei seiner Hochzeit mit Fernsehköchin Cornelia Poletto vor zwei Jahren war der designierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD).

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SZ vom 31.01.2017/jps
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