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Deutsche Bahn:Déjà-entendu an allen Bahnhöfen

Freundlich, informativ, aber nicht zu langweilig soll die Stimme aus den Lautsprechern klingen.

(Foto: imago stock&people)

Die Bahnhofsansagen der Deutsche Bahn spricht ab diesem Jahr die synthetische Stimme "Heiko". Doch auch die hat einen realen Sprecher, der bekannt vorkommt.

Viele Menschen, die Heiko Grauel zum ersten Mal treffen, teilen ein Gefühl: Vertrautheit. Grauels Bass-Stimme klingt so, als hätte man sie schon einmal gehört. Psychologen sprechen von einem "déjà-entendu", auf Deutsch "schon gehört". Die Sinnestäuschung ist so etwas wie die kleine Schwester des déjà-vu. Nur ist das Gefühl in diesem Fall keine Täuschung. Denn Heiko Grauel ist Synchronsprecher und ist seit diesem Jahr die Stimme der Deutschen Bahn. In ein paar Monaten wird er als Ansager auf allen Bahnsteigen in Deutschland zu hören sein.

Schon im März 2018 hatte sich die Bahn auf die Suche nach der perfekten Stimme gemacht. Die monotonen Durchsagen sollten einer natürlich klingenden Stimme weichen. Gut verständlich sollte sie sein. Freundlich, informativ, aber nicht zu langweilig. Die Bahn lud hunderte Sprecher aus ganz Deutschland zu einem Casting. Drei Frauen und drei Männer schafften es in die Endauswahl. Die Entscheidung fiel im direkten Vergleich.

Die Bahn hatte die Geräuschkulisse eines Bahnhofs in einem Kinosaal nachgestellt. Nach ausführlichen Hörproben entschied sich die Jury, bestehend aus Mitarbeitern und Kunden der Bahn schließlich für Grauel. Der Grund: Seine Stimme ist auch in einem lauten Bahnhof mit klappernden Rollkoffern und quietschenden Bremsen deutlich zu verstehen. Wie viel die Maßnahmen gekostet haben, hat die Bahn noch nicht verraten.

Normalerweise arbeitet Grauel für Hörbücher oder Werbefilme. Die Bahnhofsansagen sind auch für ihn etwas Neues, denn auf dem Bahnsteig wird nicht seine natürliche Stimme zu hören sein. Die Durchsagen werden stattdessen von einer Software erzeugt. Grauels Worte werden dafür in einzelne Laute und Silben zerlegt und können anschließend zu beliebigen Sätzen zusammenbaut werden. Sprachassistenten wie Siri und Alexa nutzen ein ähnliches System. Der Synchronsprecher wird so zum Zulieferer eines Computerprogramms.

Im letzten Jahr hat Grauel für die Aufnahmen vierzehn Tage in einem Frankfurter Tonstudio verbracht. Insgesamt sprach er etwa 14 000 Sätze in das Mikrofon. "Ich habe versucht, an den Frankfurter Hauptbahnhof zu denken", sagt er. Das aber sei gar nicht so einfach gewesen, denn der Großteil des eingesprochenen Texts habe nichts mit der Bahn zu tun gehabt. Der Bahn-spezifische Text beschränkt sich auf zwei DIN A4 Seiten. Viel wichtiger als der Inhalt, sind der Klang und die Abfolge von Silben und Vokalen.

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Heiko Grauel trainiert seine Stimme täglich. Bei herkömmlich Aufträgen komme es meist darauf an Emotionen in die Stimme zu legen und die Sprachmelodie zu variieren. Im Gegensatz dazu forderte die Bahn eine möglichst neutrale und gleichmäßige Aussprache. Nur so kann die Software Sprachmuster erkennen. Doch perfekt ist die Technik noch nicht. "Zum Glück", sagt Grauel, denn sie bedrohe auch die Arbeit der Synchronsprecher. "Im Moment reicht es für Bedienungsanleitungen und Reiseinformationen. Aber wer weiß, wo wir in vier Jahren sind".

Um zu erfahren wie die Zukunft der Sprachsynthese aussieht, reicht ein Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre. 2018 präsentierte ein Entwicklerteam von Google einen Sprachassistenten, der mit Hilfe von künstlicher Intelligenz Telefonanrufe tätigen kann. Die Entwickler spielten damals dem Publikum die Aufzeichnung eines Anrufs bei einem Friseursalon vor, bei dem der Friseur nicht bemerkte, dass er gerade mit einer künstlichen Intelligenz telefonierte.

"Die Verbreitung von Sprachsteuerung und künstlicher Sprache wird deutlich zunehmen", sagt Dagmar Schuller. Sie ist Geschäftsführerin von audEERING, einer Firma die sich auf Sprachanalyse spezialisiert. Sie glaubt, dass die neuen Durchsagen einen positiven Effekt auf die Bahnkunden haben könnten. Doch sei die Entwicklung erst am Anfang. Bei Ticketkäufen, Kundenbetreuung oder in Notfallsituation könnten schon heute Spracherkennung und synthetisierte Sprache zum Einsatz kommen.

Schuller meint trotzdem, dass auch in Zukunft menschliche Sprecher gebraucht werden. Doch künstliche Sprache werde immer mehr Aufgaben übernehmen. Heiko Grauel sieht das ähnlich: "Vielleicht lizensieren Synchronsprecher in Zukunft einfach ihre Stimme und legen sich unter die Palme. Aber ich hoffe, dass ich das nicht mehr erleben muss."

© SZ.de/mxh
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