Süddeutsche Zeitung

Deutsche Bahn:In leeren Zügen

Die Bahn vermeldet bis zu 90 Prozent weniger Passagiere. Etwa drei Viertel der Züge, die in normalen Zeiten fahren, sind noch unterwegs. Wegen der weltweiten Krise muss das Unternehmen auch seine Börsenpläne verschieben.

Bei der Deutschen Bahn sind die Passagierzahlen im Fernverkehr drastisch zurückgegangen. Infolge der Corona-Krise liege das Reiseaufkommen in den Zügen derzeit nur noch bei zehn bis 15 Prozent des sonst üblichen Niveaus, sagte Konzernchef Richard Lutz am Montag in einer Telefonkonferenz. Im Regionalverkehr seien es mit 15 Prozent nur wenig mehr. Damit liegt die Nachfrage deutlich unter dem Angebot des Konzerns. Derzeit seien rund drei Viertel der üblicherweise fahrenden Züge im Einsatz, sagte Lutz. Die Bahn will den Verkehr auch in den nächsten Wochen nicht weiter einschränken. Man werde etwa Pendler systemkritischer Berufe weiter zur Arbeit bringen, sagte Lutz. Gewerkschaften hatten in den vergangenen Tagen immer wieder gefordert, das Zugangebot weiter runterzufahren, um Beschäftigte zu schützen. Auch über Ostern erwartet die Bahn keine Zunahme der Fahrten. "Unsere Kundinnen und Kunden gehen verantwortungsvoll mit der aktuellen Situation um", sagte der Bahnchef. "Wir sehen in den Buchungszahlen überhaupt kein erhöhtes Volumen, keine erhöhte Nachfrage."

Die Epidemie und ihre Folgen durchkreuzen auch die Pläne des größten deutschen Staatskonzerns, mit dem Börsengang der Auslandstochter Löcher in der eigenen Bilanz zu stopfen. Die Bahn werde ihre internationale Nahverkehrstochter Arriva in diesem Jahr nicht über die Börse verkaufen, kündigte Lutz an. Man halte zwar an der Entscheidung fest, sehe aber in diesem Jahr keine realistische Chance mehr. Arriva bündelt das Nahverkehrsgeschäft des Staatskonzerns mit Bus und Bahn in ganz Europa, hat aber ihren Schwerpunkt und Sitz in Großbritannien. Bahnchef Lutz sagte, derzeit sei das Unternehmen finanziert. Man werde aber Gespräche mit Regierung und Haushälter führen, wie die finanziellen Einbußen im Zuge der Corona-Krise aufgefangen werden könnten, etwa durch eine höhere Verschuldung.

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Quelle:
SZ vom 07.04.2020
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