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Reise:Bahn lockt zu Weihnachten die Kunden mit Zusatzzügen

Deutsche Bahn

Ein Reisender mit Mund- und Nasenschutz sitzt in einem Zug der Deutschen Bahn. Der Konzern will gewährleisten, dass der Hygieneabstand in den ICE-Zügen eingehalten werden kann.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Leere Züge, hohe Ausgaben: Die Deutsche Bahn steuert auf einen Rekordverlust zu. Trotzdem will das Unternehmen zu Weihnachten seinen Kunden etwas bieten: viel Platz.

Von Markus Balser, Berlin

Mit welchen Sorgen die Passagiere in Corona-Zeiten in den Zug steigen? Für die Deutsche Bahn hatten die vergangenen zwei Wochen da einige Erkenntnisse parat. So wollte der Bund für Mitarbeiter von Behörden und Ministerien einen zweiten Platz buchen. Auch die Ministerpräsidenten der Länder forderten eine strengere Abstandsregelung an Bord der ICE-Züge. Inzwischen ist immerhin eine kleine Lösung gefunden: Nur noch jeder zweite Platz soll in den Fernzügen reserviert werden. Das bedeutet zwar auch nicht sicher, dass jeder Fahrgast mehr Platz hat. Aus Sicht der Bahn hatte der Vorschlag aber immerhin den Vorteil, dass er die öffentliche Diskussion beendete.

Die Deutsche Bahn will nun aber offenbar nicht noch einmal Getriebene der öffentlichen Diskussionen um die Virensicherheit an Bord werden. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung beschloss die Konzernspitze in der vergangenen Woche, über Weihnachten täglich 8000 Plätze mehr in ihren Fernzügen anzubieten. Auf viel befahrenen Strecken etwa zwischen Berlin und Hamburg, Frankfurt, dem Ruhrgebiet und München sollen täglich insgesamt zehn zusätzliche Züge mit jeweils rund 800 Plätzen fahren, hieß es in Konzernkreisen. Gelten soll das Zusatzangebot von kurz vor Weihnachten bis zum Jahreswechsel.

Wettlauf mit der Zeit

Das Kalkül: Die Corona-Lockerungen der Bundesregierung zum Fest sorgen Bahnprognosen zufolge für mehr Passagiere in den Zügen. Das zusätzliche Angebot soll verhindern, dass die Fahrgäste zu eng zusammensitzen. Der Konzern geht so davon aus, dass die Mindestabstände an Bord eingehalten werden können, wenn jeder vierte Sitzplatz besetzt ist. Zudem gilt in den Zügen die Maskenpflicht. Zuletzt lag die Auslastung in den Fernzügen bei etwa 25 Prozent. Die zusätzlichen Züge sollen nun den zusätzlich erwarteten Verkehr auffangen und für weiterhin leere Großraumwagen sorgen.

Wie sehr die leeren Züge die Bahn wirtschaftlich belasten, zeigt, dass der Bahn in diesem Jahr rund sechs Milliarden der zuletzt 44 Milliarden Euro Jahresumsatz wegbrechen. Die Bahn steuert zudem auf einen Rekordverlust zu. Allerdings ist das nicht allein die Folge der Pandemie. Wegen leerer Züge, aber auch hoher Zinsen und massiver Abschreibungen auf die Krisensparte Arriva liegt das Minus Ende des Jahres voraussichtlich bei 5,6 Milliarden Euro. Die Corona-Schäden beziffert der Konzern für die Jahre 2020 bis 2024 schon jetzt auf zusammen mindestens 9,6 Milliarden Euro. Das ist allerdings noch das optimistische Szenario, bei dem ab März wegen milderer Witterung und geplanter Impfungen die Passagierzahlen wieder steigen. Läuft es schlecht, könnte der Umfang des Schadens auch noch auf elf Milliarden Euro wachsen.

Bei den Rettungsmilliarden des Bundes bahnt sich für den Konzern ein Wettlauf mit der Zeit an. Denn die Bundesregierung hat der Bahn im Juni-Konjunkturpaket Rettungshilfen über fünf Milliarden Euro versprochen. Das Geld kann allerdings erst fließen, wenn die EU-Kommission zustimmt. Das gleiche gilt für eine weitere Milliarde aus dem Klimapaket der Regierung. Sollte die Hilfe erst mal nicht fließen, würde der Schuldenberg der Bahn in den kommenden Monaten zumindest kurzfristig von aktuell mehr als 25 auf dann fast 32 Milliarden Euro emporschnellen. Erst ab 2022 erwartet die Bahn nach aktuellen Plänen wieder eine Bilanz, die Gewinne ausweist. Der Konzern hatte die Zahlen aus der Mittelfristplanung dem Aufsichtsrat übermittelt, der in seiner Sitzung am 9. Dezember über Wege aus der Krise beraten will.

Die Bahn leidet wie viele andere Verkehrsunternehmen schwer unter den ausbleibenden Fahrgästen. Konkurrenten wie der Fernbusanbieter Flixbus hatten vorübergehend sogar ganz den Betrieb eingestellt. Allerdings war die Bahn schon vor dem Pandemie wegen schwacher Geschäftsfelder in eine Krise mit immer stärker schrumpfenden Gewinnen geraten. Besonders die Güterbahn DB Cargo rutschte immer tiefer in die roten Zahlen - in diesem Jahr fallen allein hier mehr als 700 Millionen Euro Verlust an.

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