Digitalisierung So könnte die Bahn das Internet beschleunigen

Besseres Netz dank der Deutschen Bahn? Der Konzern will neue Glasfaserleitungen entlang seiner Gleise verlegen.

(Foto: dpa)
  • Für Internetkonzerne rentiert es sich oft nicht, Leitungen in entlegenen Regionen zu verlegen.
  • Die Bahn hat einen Teil der Breitbandverbindungen, die benötigt werden. Die Politik soll für eine Zusammenarbeit mit der Bahn offen sein.
Von Markus Balser, Berlin, und Benedikt Müller, Düsseldorf

Sie durchziehen das Land von Nord nach Süd, von Ost nach West und erreichen auch die letzten Winkel Deutschlands: Die Gleise der Deutschen Bahn kommen auf eine Länge von 33 000 Kilometer. Kaum ein anderes Land verfügt über ein solches Verkehrsnetz. Auch wenn gerade in der Peripherie nur noch selten Züge auf den Schienen unterwegs sind.

In den nächsten Jahren könnten die Anlagen für die Bahn eine ganz neue Bedeutung bekommen - und für das ganze Land gleich mit. Die Bahn-Führung prüft, ob sie mit dem Schienennetz eines der gravierendsten Probleme Deutschlands lösen kann: Den schleppenden Ausbau des schnellen Internets, der gerade in ländlichen Regionen ein Problem ist. Die Bahn verfügt bereits über große Datenleitungen. Auf 18 500 Kilometern der Gleisanlagen liegen Breitbandverbindungen. Die Bahn braucht sie für die Digitalisierung des Verkehrs, nutzt bislang aber höchstens zehn Prozent der Kapazitäten. Würde man die verbleibenden rund 15 000 Kilometer ebenfalls damit ausrüsten, könnten die Bahnlinien auch zu wichtigen Trassen im Datenverkehr werden. Die Bahn könnte Glasfaser selbst in solche Regionen bringen, die Telekom-Konkurrenten bislang für unwirtschaftlich erklärt haben. Kommunen müssten mit Anschlüssen nur noch die nächsten Zugtrassen erreichen.

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Bislang nutzt die Bahn nur zehn Prozent der Kapazitäten

Nach Angaben aus Regierungskreisen ist die Politik offen für den Vorschlag. Denn er könnte ein großes Problem lösen. Die Politik tut sich bislang schwer, ihr Versprechen einzulösen, im ganzen Land schnelle Internetverbindungen zu schaffen. 2025 soll bereits ein Rechtsanspruch für die Bürger bestehen, und zwar für Breitbandanschlüsse mit teils deutlich höheren Übertragungsraten als heute. In weiten Teilen des Landes aber - vor allem in den dünn besiedelten - rentiert es sich für Telekomkonzerne bislang aber einfach nicht, teure Datenleitungen zu verlegen. Vom Ausbau könnten nicht nur die Bürger profitieren, sondern auch die Bahn selbst. Der Konzern könnte die Datenleitung vermieten und bekäme zusätzliche Einnahmen. Diskutiert werden nach Angaben aus Regierungskreisen bereits zwei Varianten: Entweder Staat und Bahn holen einen weiteren Investor an Bord, der den Ausbau finanziert. Oder Bahn und Bund ziehen das Projekt in Eigenregie durch. Die nötigen Milliardeninvestitionen könnten dann später durch die Vermietung der Datenkapazitäten zurückfließen. Gehen Bahn und Bund in Vorkasse, wären 3,5 Milliarden Euro fällig. Derzeit loten Bahn und Politik noch aus, ob die Finanzierung zu stemmen ist und wer das Breitbandnetz betreiben würde.

Der Druck auf die Politik, bei der Digitalisierung flächendeckend mehr zu tun, wächst derzeit massiv. Industrieverbände hatten sich zuletzt bei der Regierung über den schleppenden Ausbau beklagt. Schließlich wird das schnelle Internet immer wichtiger - nicht nur in den Städten. In einigen Jahren wird es überall unverzichtbar sein, nötig werden dann Übertragungsraten von 100 Megabit und mehr. Selbstfahrende Autos sollen in Echtzeit Informationen verarbeiten - und zwar überall im Land. Herzschrittmacher sollen per Funk mit Computern kommunizieren, Drohnen Pakete zustellen. Doch in Deutschland geht es an vielen Orten schleppend voran, vor allem auf dem Land. Im jüngsten internationalen "State-of-the-Internet-Report" liegt Deutschland weltweit nur auf Position 25. Südkoreaner surfen doppelt so schnell. Bei den zukunftsträchtigen Glasfaser-Leitungen kommt Deutschland sogar nur auf Platz 28 von 32 Ländern der OECD.

Das Glasfasernetz könnte auch den Handyempfang verbessern

Ein Tunnel auf der neuen ICE-Strecke zwischen Erfurt und München: Die Bahn will entlang ihrer Gleise weitere Glasfaserkabel verlegen.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Deutschland sei noch immer ein "digitales Entwicklungsland", moniert die Bertelsmann-Stiftung. Experten sehen vor allem einen Grund: die rückständige Infrastruktur. Während laut Fraunhofer Institut in Estland mehr als 70 Prozent, in Schweden fast 60 Prozent, in Spanien immer noch mehr als 50 Prozent der Haushalte direkt verfügbare Glasfaserverbindungen haben, sind es in Deutschland gerade mal 7 Prozent. Auf dem Land sogar nur 1,4.

Das Glasfasernetz der Deutschen Bahn könnte auch dabei helfen, den Handyempfang entlang der Bahnstrecken zu verbessern. Der neue Netzstandard 5G kann beispielsweise nur funktionieren, wenn die Mobilfunk-Antennen an ein leistungsfähiges Glasfasernetz angeschlossen sind. Das neue 5G-Netz soll Daten noch viel schneller übertragen können als seine Vorgänger 3G oder LTE. Die Versteigerung der nötigen Frequenzen soll hierzulande im nächsten Jahr beginnen.

Die Telekombranche beobachtet die Aktivitäten der Bahn zurückhaltend. In den Konzernen geht man davon aus, dass die Unternehmen eine mögliche Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn zunächst auf einzelnen Strecken testen werden. Bei der Deutschen Telekom heißt es lediglich, dass der Konzern grundsätzlich offen für weitere Partnerschaften beim Netzausbau sei. Die Telekom arbeitet beispielsweise auch mit ihrem Konkurrenten Telefónica und seiner Marke O2 zusammen, indem der Bonner Konzern Mobilfunk-Antennen von O2 an sein Glasfasernetz anschließt. Der Vorteil solcher Kooperationen besteht darin, dass sich die Unternehmen die Kosten für den Glasfaserausbau teilen können - und dass die neuen Leitungen dann stärker ausgelastet sind.

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