Deutsche Bahn Der bizarre Streit um die deutsche Bahnsteigkante

38, 55 oder 76 Zentimeter: Es herrscht Wildwuchs an der Bahnsteigkante.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Es geht um Zentimenter: Die Deutsche Bahn und das Verkehrsministerium wollen die Höhe der Bahnsteige vereinheitlichen.
  • Gerade für kleinere Bahnhöfe ist der Sinn dahinter fraglich. Höhere Bahnsteige könnten sogar dem Komfort und der Barrierefreiheit schaden.
Von Markus Balser, Berlin

Wie schwer es sein kann, Bahnfahren leichter zu machen? Bernd Wieczorek (parteilos) hat in 14 Jahren als Bürgermeister im hessischen Lollar bei Gießen so einiges erlebt. Doch dass exakt 21 Zentimeter in ganz Deutschland einen erbitterten Politstreit auslösen können, hätte er vor Monaten für völlig unmöglich gehalten. Dabei hatte es Wieczorek ja nur gut gemeint.

Denn es gibt da dieses Ärgernis: Die Regionalbahn an Wieczoreks Bahnhof ist nicht barrierefrei begehbar. Die ziemlich alte Bahnsteigkante ist mit 38 Zentimetern zu niedrig. Also plante die Stadt den Umbau auf 55 Zentimeter - optimiert für den Regionalverkehr, damit es Behinderte und Eltern mit Kinderwagen leichter haben. Doch Lollar hatte die Rechnung ohne Berlin gemacht. Bahn und Bundesverkehrsministerium ersannen dort etwa zur gleichen Zeit einen öffentlich noch fast unbekannten Plan: das "Bahnsteighöhenkonzept 2017", das Lollar nun alt aussehen lässt.

Denn Bahn und Ministerium ist der Wildwuchs an der deutschen Bahnsteigkante ein Dorn im Auge. Es gibt nicht nur die alte, 38 Zentimeter hohe, sondern auch die 55-Zentimeter-Variante, die meist von Regionalbahnen angefahren wird. Und dann ist da noch die 76-Zentimeter-Höhe für Fernzüge - vor allem für den ICE. So kann es nicht weitergehen, beschloss man in Berlin. Neue Vorgabe: eine bundesweite "Regelbahnsteighöhe" von 76 Zentimetern. Nur die sei in der Lage, "bundesweit Barrierefreiheit der Verkehrsstationen herzustellen". Die Gemeinden müssen nicht sofort umbauen. Sich aber daran halten, wenn umgebaut wird. So hatte es Lollar erfahren. Und so teilte es auch das Ministerium der Süddeutschen Zeitung mit.

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Nun stellen sich für Lollars Bürgermeister in der Praxis schon ein paar Fragen. Etwa die: Warum? Denn bei 76 Zentimetern wäre für seine Lollarer und die aktuellen Züge nichts gewonnen. Wieder wäre da eine Stufe in die Bahn - diesmal beim Abstieg. Und Wieczorek ist Realist genug. Die für den ICE optimierte Rampe wird wohl kein einziges Mal von ihm genutzt. "Der ICE wird in Lollar trotzdem nicht halten." Man könnte das alles für einen Scherz halten, doch die Lage an der Bahnsteigkante ist landesweit inzwischen ernst - und sie spitzt sich in diesen Tagen zu.

Lollar ist nicht allein. In Baden-Württemberg haben 75 Prozent der 1300 Bahnsteige die falsche Höhe und müssten umgebaut werden. Und so beklagte sich Amtschef Uwe Lahl aus dem Stuttgarter Verkehrsministerium Anfang Dezember per Brief erbittert bei der Bundesregierung, das starre Konzept "würde die Investitionen der Vergangenheit konterkarieren und das Ziel der Barrierefreiheit aufgeben. Bitte behalten Sie im Auge, welche Kosten ein kompromissloses Festhalten an der Bundeslinie verursachen würde" - bei weniger Bequemlichkeit wohlbemerkt. Die gesamte Bundesverkehrsministerkonferenz der Länder forderte kürzlich den Bund in einem Beschluss auf, ein mit den Ländern abgestimmtes "Bahnsteighöhenkonzept" zu entwickeln.

Auch die Bahnbetreiber laufen Sturm. Abellio, einer der großen bundesweit, hat im Auftrag von Baden-Württemberg gerade 48 neue Züge bestellt. Optimiert für die Bahnsteighöhe 55 Zentimeter. "Ein Umbau ist organisatorisch, zeitlich und finanziell absolut unmöglich", so die Firma. Ein runder Tisch soll die Sache klären. Der Bund habe die Beteiligten für den 12. Januar nach Berlin eingeladen, teilt das Ministerium mit. Bürgermeister Wieczorek empfiehlt vor der Anreise noch einen Blick nach Marburg ein paar Stationen weiter. Der dortige Halt wurde 2015 zum Bahnhof des Jahres gewählt. Grund: eine sehr kundenfreundliche Renovierung. Bahnsteighöhe? 55 Zentimeter.

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