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Deutsche Bahn:Lokdown

Reisen mit der Bahn

Eigentlich wollte die Bahn mehr Fahrgäste gewinnen. Doch das Ziel hat sie im Corona-Jahr nicht erreicht.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Das Jahr der Pandemie hat tiefe Spuren bei der Deutschen Bahn hinterlassen, wie auf der Bilanzpressekonferenz deutlich wird.

Von Simon Groß, Berlin

Um die aktuelle Situation der Bahn einschätzen zu können, braucht es keine offiziellen Zahlen des Konzerns. Eine Zugfahrt unter der Woche reicht, um zu verstehen, in welch misslicher Lage die Bahn seit Beginn der Pandemie steckt: Die Züge rollen, doch Passagiere sind rar. Dass das auf längere Zeit nicht gut gehen kann, dafür braucht es keine Bilanzexperten.

Wie schwer es den Konzern tatsächlich erwischt hat, das zeigte sich allerdings am Donnerstagmittag auf der digitalen Bilanzpressekonferenz der Deutschen Bahn. "Waren wir Anfang 2020 noch von einem Fahrgastrekord zum nächsten geeilt, wurde diese tolle Entwicklung durch Corona abrupt abgebremst", sagte Bahn-Chef Richard Lutz zu Beginn. Bereits vergangene Woche wurde bekannt, dass die Zahlen noch schlechter ausfallen als erwartet: 2020 hat der Konzern einen Rekordverlust von 5,7 Milliarden Euro eingefahren. Zuvor war die Bahn von gut fünf Milliarden Euro ausgegangen. Der Löwenanteil, nämlich gut vier Milliarden Euro, soll auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie zurückgehen. Der zweitgrößte Posten stammt von der Bahntochter Arriva, die im ausländischen Nahverkehr herbe Verluste hinnehmen musste. Lutz gab bekannt, an ihrem geplanten Verkauf festhalten zu wollen.

Die Zahlen erscheinen umso schmerzlicher, führt man sich den Vorsatz der Bahn für das vergangene Jahr vor Augen. Eigentlich war das Ziel, noch mehr Fahrgäste zu gewinnen. Doch davon ist die Bahn nun weit entfernt. Im vergangenen Jahr zählte die Bahn im Vergleich zu 2019 in ihren Fernzügen der ICEs und ICs nur etwa halb so viele Passagiere. Im Nahverkehr waren es fast 40 Prozent weniger. Der Umsatz schrumpfte 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 10 Prozent und lag bei knapp 40 Milliarden Euro. Das ist der niedrigste Wert seit 2014.

Eine Erhöhung der Vorstandsgehälter bleibt aus

Immerhin: Die Laune der Fahrgäste tangiert die schlechte Bilanz nicht, 2020 verzeichnete der Fernverkehr ein Rekordhoch bei der Kundenzufriedenheit. Vielleicht liegt das auch an der gestiegenen Pünktlichkeit. Im vergangenen Jahr sollen im Fernverkehr 82 Prozent der Züge pünktlich gewesen sein, was einem Zuwachs von rund sechs Prozentpunkten entspricht. Zurückzuführen sei das neben verbesserter Betriebsabläufe auch auf eine geringere Auslastung des Schienennetzes, sagte Lutz.

Positiv hob der Bahn-Chef auch die Investitionen hervor: Die Netto-Investitionen in Infrastruktur, Züge und Werkstätten seien 2020 um gut vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf fast sechs Milliarden Euro gestiegen, dieses Jahr soll sich der Betrag weiter erhöhen. "Zu den Highlights gehören die Kompletterneuerung der Schnellfahrstrecke Mannheim-Stuttgart, die Fertigstellung der Ausbaustrecke München-Zürich sowie der Baubeginn für neue digitale Stellwerke", so Lutz. Außerdem habe man zwischen Hamburg und Berlin den Halbstundentakt und zwischen Rostock und Dresden eine ICE-Linie eingeführt und 26 000 neue Mitarbeiter zusätzlich eingestellt.

Diskussionen gab es zuletzt wegen der geplanten Erhöhung der Gehälter der Vorstandsmitglieder Richard Lutz, Berthold Huber und Ronald Pofalla. Sie sollten ab 2023 zehn Prozent mehr verdienen. Das ist eigentlich nicht ungewöhnlich, Gehaltserhöhungen in dieser Größenordnung sind bei der Bahn zur zweiten Vertragsverlängerung üblich. Und ab kommendem Jahr rechnet der Konzern auch wieder mit operativen Gewinnen. Doch Arbeitnehmervertreter fanden das Timing für einen solchen Beschluss eher unglücklich. Zumal der Vorstand Forderungen der Lokführergewerkschaft GDL nach mehr Gehalt als "maßlos und verantwortungslos" bezeichnet hatte. Nun beschloss der Aufsichtsrat am Mittwoch, die Verträge der drei Vorstände ohne Gehaltserhöhung zu verlängern, wie aus Bahnkreisen zu hören ist. Auch eine Dividende wird das Unternehmen nicht an seine Aktionäre ausschütten, das sei allein handelsrechtlich nicht möglich, so Finanzvorstand Levin Holle.

Im laufenden Jahr rechnet das Unternehmen mit einem Verlust im operativen Geschäft von rund zwei Milliarden Euro. Zumindest für das Osterwochenende erwartet die Bahn allerdings wieder mehr Fahrgäste.

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