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Derivate-Plattform:Eigene Kreation

Illustration: Stefan Dimitrov

Anleger können Derivate selbst bauen und so besser auf ihre Bedürfnisse abstimmen.

Wenn Anleger in Zertifikate, Aktienanleihen oder Optionsscheine investieren wollen, mangelt es nicht an Auswahl. Mehr als 1,2 Millionen solcher Derivate auf Aktien, Indizes, Währungen und Rohstoffe gibt es in Deutschland. Der Nachteil dabei: Die Wahl fällt schwer, wenn sich oft Hunderte Angebote für einen Basiswert finden lassen. Und oft sind sogar ausgerechnet die Konditionen nicht dabei, die man sucht.

Doch auch dafür gibt es Lösungen. Banken bieten mittlerweile Plattformen an, auf denen sich Anleger ein Derivat maßschneidern lassen können. Bei diesen selbsterstellten Produkten können gewisse Merkmale wie Basiswert und Laufzeit von den Kunden ausgesucht und festgelegt werden. Eine besondere Variante hat die Schweizer Privatbank Vontobel mit ihrer elektronischen Plattform Deritrade MIP entwickelt. Der Clou dabei: Die Nutzer können sich Produktvorschläge von mehreren Emittenten erstellen lassen und diese untereinander in den Wettbewerb schicken. Im kommenden Jahr soll Deritrade nun auch nach Deutschland kommen. "Das wird den deutschen Finanzmarkt sowohl mit Blick auf die Anlagequalität als auch die Optimierung der Kundenberatung ein gutes Stück weiterbringen", gibt sich Gerhard Meier, Leiter von Deritrade MIP, selbstbewusst.

In der Schweiz ist das Projekt bereits erfolgreich. Mit der Deutschen Bank, JP Morgan, Morgan Stanley, Société Générale, UBS, der Züricher Kantonal Bank und Vontobel selbst bieten dort sieben Emittenten ihre Produktvorschläge für Vermögensberater und ihre Kunden an. Diese können schon kurz nach Eingabe der Wünsche die Angebote per Knopfdruck abrufen. Die Emittenten wissen, dass sich der Anleger für das günstigste Angebot entscheiden wird. Die Institute sparen aber bei den Vertriebskosten. "Sie können deshalb die besseren Preise stellen, zu denen sie durch den Wettbewerb gezwungen sind", sagt Meier.

Die Plattform ist offen für Anlagebeträge ab 20 000 Euro. Insgesamt 34 Banken und mehr als 300 Vermögensverwalter nutzen das Angebot bereits. Ebenso sorgen Kooperationen mit Raiffeisen und der UBS für Reichweite. Würde das Konzept über die Alpenrepublik hinaus Erfolg zeitigen, hätte das möglicherweise weitreichende Folgen. Allen voran für kleinere Emittenten von strukturierten Produkten könnte es damit schwieriger werden, im Markt zu überleben. Große Anbieter dagegen bleiben gelassen.

Bei der Deutschen Asset & Wealth Management sieht man das Auftreten als Emittent bei Deritrade als gute Gelegenheit, noch besseren Zugang zum Schweizer Markt und den Prozessen dort zu bekommen. Ebenso kann man die Akzeptanz solcher Modelle beobachten. Von Euphorie könne noch nicht die Rede sein. "Die Kunden stehen nicht gerade Schlange, für viele Anleger ist die Entscheidung für ein existierendes Produkt doch die komfortablere Lösung", sagt Stefan Armbruster, Derivateexperte beim Vermögensverwalter der Deutschen Bank. Hinzu kommen Risiken. So existieren für selbstentwickelte Produkte zumindest in den ersten 24 Stunden keine Handelspreise oder vom Fiskus akzeptierte Bewertungen für die Steuer. Auch das Potenzial für Gebührenvorteile halten Kenner der Branche für sehr begrenzt. "Der deutsche Markt für Derivate ist schon heute äußerst transparent", sagt Armbruster. Die Deutsche-Bank-Tochter hat zwar für interne Zwecke ein Single-Emittenten-Konzept installiert. Der Aufbau einer eigenen Plattform für Kunden und externe Anleger aber ist derzeit nicht vorgesehen.

Mit Konkurrenz muss Deritrade dennoch rechnen. So will das Schweizer IT-Unternehmen Leonteq jetzt gemeinsam mit der in Singapur ansässigen Bank DBS eine Plattform für maßgeschneiderte Derivate in Asien etablieren. Ebenfalls auf ein Multi-Emittenten-Modell setzt die Commerzbank. Sie hat im März ihren auf die Schweiz und Deutschland ausgerichteten elektronischen Marktplatz Primegate gestartet. Ein großer Unterschied zur Konkurrenz: Die Plattform soll nicht an Mindestanlagebeträge gebunden sein. Erst einmal wird das Konzept jetzt im Segment der vermögenden Privatanleger ausgerollt. Offenbar mit Erfolg. "Die Kundenberater der Commerzbank berichten von einem positiven Feedback, das sich in der Nutzungs- und Abschlusshäufigkeit widerspiegelt", sagt Philipp Kalb, Leiter von Primegate. Zum Einsatz kommt die Plattform nicht nur innerhalb der Commerzbank. Die Produkte werden auch für andere Banken, Vermögensverwalter und ihre Kunden hergestellt, die über Partnerverträge Zugang erhalten. "Primegate könnte im Verlauf der weiteren Entwicklung auch Kleinanlegern zur Verfügung stehen", sagt Kalb. Auch die maßgeschneiderten Produkte sollen nicht allein von der Commerzbank kommen. Noch ist sie zwar einziger Anbieter. "Wir befinden uns jedoch bereits im technischen Prozess des Onboardings weiterer Emittenten", sagt der Plattform-Manager. Er verweist darauf, dass Primegate auch Vorteile für die Berater von Anlegern bringt. "Sie können ihren Kunden mithilfe der Plattform-Tools beispielsweise noch besser aufzeigen, welches Risiko sie für das Erreichen einer bestimmten Rendite eingehen müssen", sagt Kalb.

Die Bank Vontobel bringt auf Basis des über ihre Multi-Emittenten-Plattform gesammelten Marktwissens sogar einen "Smart Guide" heraus. Dieser soll die Kaufentscheidung für die Vermögensverwalter und Bankberater erleichtern. Der Smart Guide analysiert unter anderem die Verhaltensmuster anderer Anleger in vergleichbaren Marktszenarien sowie etwa die Handelshäufigkeiten und die in der Vergangenheit erzielten Renditen.

Der Trend geht Richtung Individualisierung

Auch bei der Hypo-Vereinsbank können sich Kunden auf der vor drei Jahren gestarten Plattform my.onemarkets Derivate nach ihren Wünschen zusammenstellen lassen. Das Institut tritt dabei allerdings als alleiniger Emittent auf und wendet sich an Anleger mit einem freien Vermögen ab 100 000 Euro. Die Mindestanlagesumme für die maßgeschneiderten Produkte liegt bei 10 000 Euro. Kunden könnten mit dem Konfigurationstool Produkte nach ihrer individuellen Risiko- und Renditeneigung entwickeln, sagt Jürgen Amendinger von der Hypo-Vereinsbank. Das kommt bei den Kunden gut an.

Heute wird bereits ein großer Teil der von der Hypo-Vereinsbank vertriebenen Zertifikate über my.onemarkets generiert. Im Mittelpunkt stehen vor allem teilkapitalgeschützte Produkte wie Express-Zertifikate und Aktienanleihen. Hinsichtlich der Basiswerte zeigen sich Unterschiede. "Während bei den Produkten von der Stange ein starkes Gewicht auf Aktienindizes und einigen Dax-Unternehmen liegt, sind die Basiswerte bei den maßgeschneiderten Produkten oft breit gestreut", sagt Amendinger.