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Der Fall Middelhoff:Normal sind gelegentliche oder stichprobenartige Kontrollen der Zellen

Niemand ist fürs Gefängnis geboren. Vorsicht ist geboten. In der Regel, so berichten Praktiker, gebe es sogenannte Sicherungsmaßnahmen vor allem bei einer latenten Suizid- oder Selbstverletzungsgefahr. Normale Sicherungsmaßnahmen bezögen sich auf gelegentliche und stichprobenartige Kontrollen, durch die der Gefangene möglichst wenig beeinträchtigt werden solle. Maximal fünf Kontrollen pro Nacht ist eine Größenordnung. Kontrolliert wurde, so Praktiker, in der Regel über die sogenannte Kostklappe. Der Bedienstete schaue mit einer Taschenlampe nach dem Häftling. "Jemanden jede Viertelstunde zu wecken, das geht gar nicht", sagt der Kriminalpsychologe Rudolf Egg, der bis 2014 Leiter der Kriminologischen Zentralstelle des Bundes und der Länder war. Der Blick durch den Spion an der Zellentür müsse normalerweise reichen.

Middelhoff-Prozess

"Ich bin für viele der Idealtyp des gierigen Managers": Thomas Middelhoff (hier im Landgericht Essen) weiß um sein schlechtes Ansehen.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Statistisch betrachtet hat sich die Lage verbessert. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Suizide in deutschen Gefängnissen mehr als halbiert. Damals brachten sich 117 Häftlinge um. 2014 waren es 53. Die Gründe: "Die Gefängnisse seien nicht mehr so überbelegt" wie früher, erklärt die Diplom-Psychologin Katharina Bennefeld-Kersten, die über Suizidprävention Wegweisendes veröffentlich hat. Das Personal sei besser geschult. In Niedersachsen gibt es sogar eine Telefonseelsorge, ein U-Häftling kann auch nachts von seiner Zelle aus anrufen, wenn er in Not kommt. Anderswo werden bei akuter Suizidgefahr Gefangene in besonders gesicherten Hafträumen mit Kamera untergebracht.

1067 Menschen haben sich seit der Jahrtausendwende in deutschen Haftanstalten umgebracht, darunter nur 30 Frauen. Die meisten Suizide geschahen in Einzelzellen und besonders häufig an Sonn-und Feiertagen. 306 Häftlinge haben sich im ersten Monat ihrer Haftzeit umgebracht. Auffällig ist schon, dass mehr als die Hälfte aller Suizide in der Untersuchungshaft passiert. Dabei machen U-Häftlinge insgesamt nur ein Sechstel aller Inhaftierten aus.

"Ein Mensch nimmt sich nicht das Leben, weil er in U-Haft oder in einer Einzelzelle sitzt, sondern weil er sich aufgrund der Umstände allein und isoliert fühlt", erklärt Bennefeld-Kersten, die auch Leiterin der Justizvollzugsanstalt in Celle und Leiterin des kriminologischen Dienstes des niedersächsischen Justizvollzugs war.

Reagieren Leute aus der Oberschicht anders auf die Haft als kleine Leute? Der Kriminalpsychologe Egg sieht keinen Unterschied. "Jemanden, der in armen Verhältnissen lebt, kann die Situation genauso überfordern wie jemanden aus sehr gut situierten Verhältnissen." Bei Menschen, denen Tötungsdelikte oder schwere Sexualstraftaten vorgeworfen würden, sei "die Suizidrate in der U-Haft nachweislich deutlich größer als etwa bei Wirtschaftsdelikten".

© SZ vom 08.04.2015
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