15 Jahre Mauerfall Gerechter Schlaf zur falschen Zeit

Jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989. Da habe ich es tatsächlich doch noch hingeschafft.

(Foto: picture alliance / dpa)

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war die Euphorie riesengroß. Doch gegenüber den Chancen, die sich daraus ergaben, haben sich die Deutschen als recht schlafmützig erwiesen. Doch ich muss mich auch an der eigenen Nase fassen.

Von Paul Katzenberger

Den Fall der Berliner Mauer habe ich glatt verschlafen. Wenn ich wenigstens ein wenig mitgedacht und noch ein bisschen eins und eins zusammengezählt hätte, dann wäre mir das vielleicht nicht passiert. Doch das war vielleicht zu viel verlangt, damals in Berlin-Kreuzberg, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, so gegen halb zwei Uhr nachts.

Wie wohl viele andere Bewohner West-Berlins schlief ich damals, doch anders als den meisten übrigen Schläfern wurde mir die Chance geschenkt, einen wahrhaft historischen Augenblick als Zeitzeuge miterleben zu dürfen. Verpasst habe ich die Chance, weil ich im entscheidenden Augenblick wohl falsch reagiert habe.

Ermattet

Die Weltgeschichte winkte mir zu, als mich mein damaliges Telefon unsanft aus dem Schlaf rüttelte. Am anderen Ende war eine der zahlreichen Ost-Berliner Bekannten eines Freundes, der vor mir in der Wohnung gelebt hatte: "Ist denn der Hans* da?", fragte sie mich breit berlinerisch, woraufhin ich alle meine ermatteten Kräfte zusammennahm und schlaftrunken in den Hörer murmelte, dass sie wohl nicht alle Tassen im Schrank habe. Ich wunderte mich noch kurz über die Dreistigkeit der Bürger im anderen Stadtteil und schlummerte rasch wieder ein.

Als ich am nächsten Morgen bei frischen Kräften war und merkte, welchen Lauf die Welt genommen hatte, geißelte ich mich natürlich mit Selbstvorwürfen. Ein paar freundliche Worte im richtigen Augenblick hätten mich in der Nacht wohl an den richtigen Ort, nämlich an den Grenzübergang Bornholmer Straße, gebracht.

Euphorie

Glücklicherweise hatte ich zum Trübsalblasen wenig Gelegenheit. Als ich kurze Zeit später am Checkpoint Charly stand und gemeinsam mit der Menge die Trabis begrüßte, ging jede schlechte Laune in einer unwirklichen Euphorie unter.

Eine eigenartige Stimmung lag über der Stadt, die zu sagen schien: "Alles wird gut!"

Schade, dass wir seither relativ wenig daraus gemacht haben.

* Namen geändert