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Demonstration in Berlin:Steckt hinter den Protesten Anti-Amerikanismus?

Und in der Tat gibt es dort vereinzelt Plakate, die statt vor einer "Islamisierung des Abendlandes" nun vor einer "Amerikanisierung Deutschlands" warnen. "Ami, go home", heißt es auf anderen und ein Demonstrant sorgt sich um "deutsche Werte", die durch TTIP in Gefahr seien. Manch eine Investoren-Pappfigur, die Demonstranten vor sich her tragen, spielt mit Hakennase und schwarzem Umhang auf das antisemitische Schreckgespenst vom jüdischen Finanzkapital an.

Auf der Bühne mühen sich die Sprecher, diesem Eindruck entgegenzutreten. "Wir sind gegen TTIP, nicht gegen die USA", sagt etwa Thilo Bode von der Verbraucherschutzorganisation foodwatch. Schließlich schwäche das Abkommen nicht nur die Rechte europäischer Parlamente, sondern auch die Rechte der US-Parlamentarier. Neben deutschen TTIP-Gegnern sprechen auf der Demonstration auch ein kanadischer Gewerkschaftsführer, ein US-amerikanischer Umweltaktivist und eine Anti-TTIP-Aktivistin aus Kamerun.

Von Pegida unterscheidet die Demo einiges

Wer den Zug entlanggeht, der vom Hauptbahnhof zur Siegessäule auf der Straße des 17. Juni läuft, sieht, dass rechte und antisemitische Symbole auf den Plakaten bei weitem die Minderheit sind. Stattdessen ist die Demo ebenso bunt wie die Rednerliste. Da läuft neben den jungen Antifa-Aktivisten aus Berlin die ältere Dame vom Bund Naturschutz Starnberg, die sich nachts um halb eins in den Zug gesetzt hat, um rechtzeitig in Berlin zu sein. Plakate, die das "Orchesterland Deutschland" preisen, wechseln sich ab mit jenen, die sich vor gentechnisch verändertem Essen fürchten.

Auch erklingen keine Volksverräter-Rufe, auf der Bühne würdigt niemand pauschal Politik und Medien herab - all das unterscheidet die TTIP-Demo ganz gewaltig von Pegida und Co. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter hält vor dem Hauptbahnhof ebenso eine Rede wie Linken-Chef Bernd Riexinger, vereinzelt tauchen sogar SPD-Fahnen in der Menge auf. Als Hofreiter beklagt, dass seine Fraktionskollegen und er keinen Einblick in die TTIP-Unterlagen erhielten, erntet er warmen Applaus.

Während das Ende des Zuges noch am S-Bahnhof Friedrichsstraße feststeckt, beginnt vor der Siegessäule auf der Straße des 17. Juni bereits die Abschlusskundgebung. Nach Reiner Hoffmann, dem Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, und BUND-Chef Hubert Weiger, spricht dort auch SPD-Frau Gesine Schwan. Sie hat es im Vergleich zu den anderen Rednern schwer, ist sie doch anders als die meisten hier gegen einen Abbruch der Verhandlungen. Pfiffe und Buhrufe begleiten ihre Rede.

Die Buchpreisbindung soll bleiben

Nach ihr spricht Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrates. Denn auch Kulturschaffende haben massive Vorbehalte gegen TTIP. "Die Monopolgiganten Amazon, Apple und Google werden mit TTIP ihre marktbeherrschende Stellung ausbauen können", warnt er - und, so fürchten es viele Kulturschaffende, Urheber und kleinere Kulturunternehmen unter Druck setzen. Seine Lobby hat auch bereits einen kleinen, greifbaren Erfolg des eigenen Widerstands zu vermelden: Die zuständige EU-Kommissarin Cecilia Malmström hat unlängst versichert, die deutsche Buchpreisbindung solle trotz TTIP erhalten bleiben.

Ob es tatsächlich so weit kommt, da ist sich Höppner allerdings nicht sicher - da ist das Misstrauen gegen die verhandelnden Parteien doch zu groß. Ob all die Befürchtungen, die die Demonstranten an diesem Samstag in Berlin äußern, sich tatsächlich bestätigen, kann im Moment allerdings auch niemand wissen. Denn noch ist das Abkommen ja nicht fertig. Wenn es nach den Demonstranten in Berlin geht, soll es das auch niemals werden - das haben sie heute ziemlich deutlich gemacht.

© Süddeutsche.de/bön
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