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Inflation:Null ist das neue Normal

Alles wird ständig teurer? Das war einmal. Dass Fehlen der Inflation ist aber nicht so ein großes Problem, wie viele Volkswirte immer noch glauben.

(Foto: AP)

Ökonomen haben Angst vor sinkenden Preisen, die EZB auch. Dabei ist es längst Zeit, sich an dauerhaft niedrige Inflationsraten zu gewöhnen.

Wer verstehen will, warum die Preise in Deutschland kaum noch steigen (und die Inflationsrate sich seit Jahren immer stärker der Nulllinie nähert), könnte den "Tech-Nick" fragen. Der Tech-Nick ist die Werbefigur einer großen Elektromarkt-Kette: ein kräftiger Kerl Anfang vierzig, im blauen Hemd, mit rauschendem Vollbart. Er wirbt für eine Branche, in der die Produkte seit Jahren immer besser, immer leistungsfähiger werden - und zugleich immer billiger: Bei Smartphones, Computern, Tablets, Fernsehern oder Kopfhörern ist der Preisdruck massiv.

Aber auch in vielen anderen Bereichen der Wirtschaft beobachten die Statistiker seit Jahren, dass die Preise immer schwächer steigen oder sogar fallen; in dieser Woche wird das Statistische Bundesamt dazu neue Daten vorlegen. Viele Ökonomen und fast alle Notenbanker verfolgen diesen Trend mit großer Sorge, seit einigen Jahren warnen sie, dass Deutschland und die Euro-Zone in eine Deflation abgleiten könnten, in eine länger anhaltende Phase, in der die Preise nicht mehr maßvoll steigen, so wie wir es in Deutschland seit Jahrzehnten gewohnt sind, also mit gut ein bis zwei Prozent im Jahr; sondern in der sie sinken werden. Dies könnte, so die Angst der besorgten Wirtschaftswissenschaftler, auf Dauer die Wirtschaft lähmen, weil die Verbraucher sich bei Ausgaben zurückhalten, um auf noch günstigere Preise zu warten.

Die Sorge vor der Deflation ist übertrieben

Die Europäische Zentralbank begründet ihre expansive Geldpolitik unter anderem genau damit: dass die Preise fallen, dass eine Deflation droht und dass die EZB deshalb alles dafür tut, um wieder ein gesundes Maß an Inflation zu erzeugen. Und für gesund hält die Notenbank eine Inflationsrate nahe zwei Prozent, weshalb Mario Draghi und seine Kollegen die Märkte mit aberwitzigen Geldbeträgen fluten, um die Wirtschaft in Europa anzukurbeln (was nötig ist) und zugleich die Preise nach oben zu treiben (was nicht nötig ist).

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Tatsächlich ist die Sorge vor der Deflation übertrieben, und wir sollten uns stattdessen daran gewöhnen, dass eine niedrige - und zeitweise auch mal leicht negative Inflationsrate - ganz normal ist. Denn die moderne Wirtschaft von heute funktioniert ein wenig anders als früher, und das liegt an zwei grundlegenden Entwicklungen. Die erste Entwicklung, das ist die Globalisierung: Weil ständig neue Konkurrenten auftauchen, wird der weltweite Wettbewerb immer härter. Die Schwellenländer produzieren heute oft viel billiger als die Industrieländer früher, sie werfen ihre Produkte - vom Turnschuh bis zum Tablet - zu Preisen auf den Markt, die einst undenkbar waren. Dadurch wächst der Preisdruck; und er wird in den nächsten Jahren weiter wachsen, falls nicht die Gegner des Freihandels, angeführt von Rechtspopulisten wie Donald Trump, die Entwicklung zurückdrehen und wieder Handelshürden errichten.

Die zweite Entwicklung ist die Digitalisierung: Das Internet dringt in immer mehr Bereiche vor, die zunehmende Vernetzung verschafft den Kunden eine nie da gewesene Transparenz, sie können heute - anders als vor zehn Jahren - am Computer schnell und bequem vergleichen, wo ein Produkt billiger zu haben ist. Manches, was früher extrem teuer war, gibt es heute gar umsonst: Lexika - dank Wikipedia; Telefonate - dank Skype; Briefe - dank der E-Mail. Hinzu kommt, dass im digitalen Zeitalter immer mehr mächtige Plattformen entstehen, von Versandhändlern wie Amazon über Transportunternehmen wie Flixbus bis hin zu Buchungsportalen wie booking.com, deren zentrales Verkaufsargument neben dem besseren Service der niedrigere Preise ist.

Die ökonomische Theorie hält nicht Schritt mit der Welt

Aus Sicht der Verbraucher ist dies erfreulich. Sie werden auch nicht - wie es die ökonomische Theorie nahelegt - ihre Einkäufe zurückstellen, um auf noch niedrigere Preise zu warten; denn in einer vom Wettbewerb und der Digitalisierung beherrschten Welt geht es meist darum, hier und jetzt etwas zu besitzen (und nicht erst irgendwann in der Zukunft). In Deutschland zum Beispiel geben die Menschen heute ihr Geld mit mehr Lust aus als in jener Zeit, als die Preise noch schneller stiegen. Anders wäre dies erst im Fall einer wirklich schweren Deflation, in der die Preise rapide verfallen - doch davon sind wir weit entfernt.

Es ist mithin an der Zeit, sich an das neue Szenario einer äußerst niedrigen Inflationsrate zu gewöhnen; es wird uns in den nächsten Jahren begleiten. Auch die Notenbanker sollten darüber nachdenken, ob ihr Ziel, eine Preissteigerung von nahe zwei Prozent pro Jahr herbeizuführen, noch zeitgemäß ist. Sie erwecken damit Erwartungen, die sie nicht erfüllen können - und auch nicht erfüllen sollten.

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