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Debatte um Ratingagenturen:Die Ironie der Forderung

Aber würde eine neue Ratingagentur anders bewerten als die amerikanischen? Wer das glaubt, unterstellt immer, dass die US-Unternehmen amerikanische beziehungsweise antieuropäische Interessen verfolgen. Am Tag eins nach der S&P-Warnung an die Euro-Zone finden sich in den Kommentarspalten mehrerer deutscher Zeitungen Vorwürfe, durch die S&P-Warnung solle der Euro gezielt geschwächt werden. Selbst FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sagte dem Handelsblatt: "Ich bin kein Freund von Verschwörungstheorien. Aber manchmal fällt es schwer, den Eindruck zu widerlegen, dass einige amerikanische Ratingagenturen und Fondsmanager gegen die Euro-Zone arbeiten."

Das bezeichnet Ottmar Schneck, Professor an der European Business School, als "Wild-West-Theorie". Dagegen spricht auch, dass zu den besten Kunden der Agenturen auch europäische Staaten, Banken und andere Unternehmen gehören.

b) Eine öffentliche Agentur

CDU-Mann Fuchs plädiert für eine europäische Ratingagentur, die ähnlich wie die Stiftung Warentest Vorgaben und Geld vom Staat erhält, aber sonst weitgehend unabhängig operiert. Auch Schneck ist für eine Art "Staats-TÜV", der die Haushalte der Länder prüft. Die Überprüfung von Staaten dürfe man nicht privaten Unternehmen wie Standard & Poor's überlassen. Schließlich gebe es für Staaten keine Insolvenzordnung. "Für Griechenland einen Zahlungsausfall zu prognostizieren, halte ich für unmöglich", sagt Schneck. Er schlägt die europäische Marktaufsicht Esma als möglichen "TÜV" vor. Die bräuchte etwa 50 neue Mitarbeiter, die sich ganz in Ruhe mit der Wirtschaft der Staaten auseinandersetzen müssten.

Die Ironie der Forderung ist, dass eine neue staatliche Institution von Anfang an jenem Vorwurf ausgesetzt wäre, den Regierungen seit langem an die privaten Agenturen richten: dass sich Bewerter und Bewertete zu nahe stehen. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, wie viele ehemalige Analysten aus den großen Agenturen in Unternehmen gewechselt waren, die ihre alten Arbeitgeber zuvor bewertet hatten. Würden die Pläne realisiert, würde eine staatsnahe Institution Staaten bewerten - ein objektives Rating wäre nicht gewährleistet. Denn das Interesse der Regierungen ist immer, sich möglichst billig zu verschulden.

Das größte Problem wäre jedoch der Aufwand, den der Aufbau einer neuen Agentur kosten würde: Der Haushaltsexperte der Union, Norbert Barthle (CDU), warnte seine Koalitionsfreunde bereits im Bayerischen Rundfunk: "Es gibt weltweit über 160 Ratingagenturen und nur drei davon sind wirklich anerkannt." Man brauche einen langen Atem, viel Personal und große Investitionen, um eine Agentur so zu platzieren, dass sie auch wirklich akzeptiert werde. Die US-Agenturen stammen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und haben sich ihren Status über Jahrzehnte erkämpft.

Ökonom Schneck denkt gar nicht so sehr in neuen Modellen, sondern regt kurzfristige Änderungen an. Erstens: Um den Bewertungen ihre Willkür zu nehmen, müssten die Agenturen endlich gezwungen werden, nur zertifizierte Analysten einzustellen. "Da sitzen teilweise Theologen und Physiker drin. Die machen morgens ein bisschen Griechenland, mittags ein bisschen Portugal, dann Italien", sagt Schneck. Deshalb müsse Ratinganalyse verstärkt als Studium angeboten werden.

Eine zweite Hilfe für die Öffentlichkeit wäre laut Schneck mehr Transparenz: "Ich muss das von zu Hause aus an meinem Rechner nachvollziehen können: 'Aha, der Mario Monti hat drei Panzer gekauft, deshalb ist die Staatsverschuldung Italiens gestiegen.'"

© sueddeutsche.de, mit Material von AFP

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