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Debatte um Ratingagenturen:Europa rebelliert gegen die Daumensenker

Immer diese unsinnigen Urteile der Ratingagenturen! Deutsche Politiker ärgern sich vermehrt über die Urteile der Bonitätswächter - und forcieren die Debatte über eine eigene europäische Ratingagentur. Das Problem: Zwei Modelle sind möglich, doch beide haben massive Nachteile.

Jannis Brühl

Dem Überbringer schlechter Nachrichten ließ der armenische König Tigranes einst den Kopf abhacken. Alternativ kann man sich aber auch einfach einen neuen Boten suchen, der bessere Nachrichten überbringt.

S&P droht mit Herabstufung der Euro-Zone

Nach der Drohung von Standard & Poor's, Deutschlands Bonität zu überprüfen, verstärkt sich wieder die Debatte nach einer eigenen europäischen Ratingagentur.

(Foto: dpa)

Politiker von CDU und FDP sind in heller Aufregung. Sie rufen nach einer europäischen Ratingagentur, die ein Gegengewicht zu den großen amerikanischen Unternehmen Standard & Poor's, Moody's und Fitch bilden soll. Der Reflex ist nicht neu - diesmal erfolgt er, weil Standard & Poor's (S&P) warnte, das Kreditrating von Deutschland und praktisch dem gesamten Rest der Euro-Zone zu überprüfen und gegebenenfalls herunterzustufen. "Wir haben nur Risiken benannt", verteidigte sich S&P-Chefanalyst Moritz Krämer im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Das Thema dürfte auch den EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag beschäftigen. Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten. Je schlechter das Rating, umso höher die Zinsen, welche die Bewerteten bieten müssen, um sich neues Geld zu leihen. Vielen Beobachtern missfällt deren Verhalten, weil es oftmals einseitig und intransparent sei.

Der stellvertretende Unions-Fraktionschef Michael Fuchs (CDU) sagte deshalb der Bild-Zeitung, es sei notwendig, 2012 intensiv den "Aufbau einer unabhängigen europäischen Ratingagentur" voranzutreiben. Auch FDP-Generalsekretär Christian Lindner forderte "mehr Transparenz und Wettbewerb bei den Agenturen". Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Gerd Billen, plädiert für eine europäische Alternative, "die unabhängig ist und verantwortlich handelt".

Doch würde eine solche europäische Ratingagentur überhaupt etwas bringen? Zwei Modelle sind in der Diskussion - und gegen beide gibt es Einwände:

a) Das private Modell

Eine europäische Agentur ist bereits im Aufbau. Die Unternehmensberatung Roland Berger will von der Antipathie europäischer Politiker gegen die großen US-Unternehmen profitieren. Sie versucht, von Investoren 300 Millionen Euro für die Gründung einzusammeln.

"Unser Vorschlag basiert auf einem Marktplatz", sagte Markus Krall von Roland Berger, der das Projekt leitet. Er hat sich bereits auf die Pläne von EU-Binnenmarktkommissar Barnier eingestellt. Dessen Ziel: die Macht der großen Drei zu brechen und mehr Wettbewerb zu schaffen. Erreichen will er das, indem beispielsweise die Bonität von Ländern halbjährlich statt jährlich überprüft werden soll und indem Unternehmen alle drei Jahre die Agentur wechseln müssen. Doch Barniers Pläne stoßen auf erbitterten Widerstand von Standard & Poor's, Moody's und Fitch.

Die Ironie der Forderung

Aber würde eine neue Ratingagentur anders bewerten als die amerikanischen? Wer das glaubt, unterstellt immer, dass die US-Unternehmen amerikanische beziehungsweise antieuropäische Interessen verfolgen. Am Tag eins nach der S&P-Warnung an die Euro-Zone finden sich in den Kommentarspalten mehrerer deutscher Zeitungen Vorwürfe, durch die S&P-Warnung solle der Euro gezielt geschwächt werden. Selbst FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sagte dem Handelsblatt: "Ich bin kein Freund von Verschwörungstheorien. Aber manchmal fällt es schwer, den Eindruck zu widerlegen, dass einige amerikanische Ratingagenturen und Fondsmanager gegen die Euro-Zone arbeiten."

Das bezeichnet Ottmar Schneck, Professor an der European Business School, als "Wild-West-Theorie". Dagegen spricht auch, dass zu den besten Kunden der Agenturen auch europäische Staaten, Banken und andere Unternehmen gehören.

b) Eine öffentliche Agentur

CDU-Mann Fuchs plädiert für eine europäische Ratingagentur, die ähnlich wie die Stiftung Warentest Vorgaben und Geld vom Staat erhält, aber sonst weitgehend unabhängig operiert. Auch Schneck ist für eine Art "Staats-TÜV", der die Haushalte der Länder prüft. Die Überprüfung von Staaten dürfe man nicht privaten Unternehmen wie Standard & Poor's überlassen. Schließlich gebe es für Staaten keine Insolvenzordnung. "Für Griechenland einen Zahlungsausfall zu prognostizieren, halte ich für unmöglich", sagt Schneck. Er schlägt die europäische Marktaufsicht Esma als möglichen "TÜV" vor. Die bräuchte etwa 50 neue Mitarbeiter, die sich ganz in Ruhe mit der Wirtschaft der Staaten auseinandersetzen müssten.

Die Ironie der Forderung ist, dass eine neue staatliche Institution von Anfang an jenem Vorwurf ausgesetzt wäre, den Regierungen seit langem an die privaten Agenturen richten: dass sich Bewerter und Bewertete zu nahe stehen. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, wie viele ehemalige Analysten aus den großen Agenturen in Unternehmen gewechselt waren, die ihre alten Arbeitgeber zuvor bewertet hatten. Würden die Pläne realisiert, würde eine staatsnahe Institution Staaten bewerten - ein objektives Rating wäre nicht gewährleistet. Denn das Interesse der Regierungen ist immer, sich möglichst billig zu verschulden.

Das größte Problem wäre jedoch der Aufwand, den der Aufbau einer neuen Agentur kosten würde: Der Haushaltsexperte der Union, Norbert Barthle (CDU), warnte seine Koalitionsfreunde bereits im Bayerischen Rundfunk: "Es gibt weltweit über 160 Ratingagenturen und nur drei davon sind wirklich anerkannt." Man brauche einen langen Atem, viel Personal und große Investitionen, um eine Agentur so zu platzieren, dass sie auch wirklich akzeptiert werde. Die US-Agenturen stammen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und haben sich ihren Status über Jahrzehnte erkämpft.

Ökonom Schneck denkt gar nicht so sehr in neuen Modellen, sondern regt kurzfristige Änderungen an. Erstens: Um den Bewertungen ihre Willkür zu nehmen, müssten die Agenturen endlich gezwungen werden, nur zertifizierte Analysten einzustellen. "Da sitzen teilweise Theologen und Physiker drin. Die machen morgens ein bisschen Griechenland, mittags ein bisschen Portugal, dann Italien", sagt Schneck. Deshalb müsse Ratinganalyse verstärkt als Studium angeboten werden.

Eine zweite Hilfe für die Öffentlichkeit wäre laut Schneck mehr Transparenz: "Ich muss das von zu Hause aus an meinem Rechner nachvollziehen können: 'Aha, der Mario Monti hat drei Panzer gekauft, deshalb ist die Staatsverschuldung Italiens gestiegen.'"

© sueddeutsche.de, mit Material von AFP

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