Börsenverluste Fatale Lust am Crash

Börse in Frankfurt

(Foto: Reuters)

Die Börsenkurse fallen - na und? Wer ständig vor dem nächsten Absturz warnt, ist kein guter Ratgeber für Sparer.

Kommentar von Bastian Brinkmann

Der nächste große Crash kommt bald, warnte der Verwandte beim Weihnachtsessen: Schaut doch nur in die USA! Wer sich davon anstecken ließ und direkt an der Frankfurter Börse alle Aktien verkaufen wollte, wurde vor einem Fehler bewahrt: Denn die Börse hatte geschlossen. Von Heiligabend bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag konnte dort niemand handeln. Tatsächlich sind die Aktienkurse im Dezember in den USA stark gefallen, zwischendurch fast schon panikartig.

Der jüngste Schlag kam an Heiligabend. US-Finanzminister Steven Mnuchin hatte mit den Chefs der sechs größten Banken des Landes telefoniert. Die Vorstände hätten ihm mitgeteilt, dass bei ihnen alles in bester Ordnung sei, twitterte Mnuchin. Dass das Finanzsystem stabil ist, wird öffentlich eigentlich immer nur betont, wenn es starke Zweifel daran gibt. Vor Mnuchins Wortmeldung hatte aber niemand diese Zweifel gehegt. Es sind keine Wirtschaftsdaten bekannt, die darauf hindeuten, dass das amerikanische Bankensystem kurz vor der Implosion steht wie 2008. Das Magazin The Atlantic verglich den Finanzminister deshalb mit einem Arzt, der zu einem Patienten mit Schnupfen sagt: Glückwunsch, Sie haben keinen Krebs.

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Dass die Aktienkurse nicht mehr von Rekordhoch zu Rekordhoch steigen, ist kein Anzeichen dafür, dass die nächste dramatische Krise bevorsteht. An einem Tag steigt die Börse, am nächsten fällt sie, das ist im Vergleich mit den vergangenen Jahrzehnten ziemlich normal. Und so kam es auch in New York: Nach einer kurzen Weihnachtspause drehten sich die Werte am Handelstag nach dem Mnuchin-Rutsch ins Gegenteil: Sie stiegen rasant. Der 1885 begründete Aktienindex Dow Jones gewann sogar um mehr als 1000 Punkte. Das Tagesplus in Punkten war so hoch wie noch nie in der 133-jährigen Geschichte des Dow Jones, auch prozentual gerechnet war es ein Topwert. Wer also mit Verweis auf Mnuchin an Heiligabend den anstehenden Totalverlust für Anleger verkündete, sah nach Weihnachten blöd aus.

Dieses Auf und Ab ging am Finanzplatz Frankfurt völlig vorbei, die dortige Börse hat zwei Tage länger geschlossen als die Wall Street. Ein Vorteil für die deutschen Privatanleger: Sie haben zwei dramatische Tage einfach ausgesessen. Das ist auch langfristig eine Strategie, an der sich Sparer orientieren können. Für viele lohnt es sich nicht, jeden Tag die Börsenkurse zu verfolgen, um dann Aktien zu kaufen und zu verkaufen.

Wer nicht Millionen investiert, verliert schon durch die Bankgebühren für den Handel mit Aktien so viel Geld, dass man wie im Casino viel Glück braucht, um mit Gewinn aus der Sache herauszukommen. Wer stattdessen in sehr viele verschiedene Aktien investiert - beispielsweise über einen kostengünstigen ETF - und dann jahrzehntelang warten kann, darf das tägliche Börsendrama ignorieren.

Der Dax verliert 18 Prozent

Das klingt nach einer mutigen Aussage in einer Woche, in der der deutsche Leitindex Dax auf ein Zweijahrestief gefallen ist. Seit Neujahr 2018 hat der Dax fast ein Fünftel an Wert verloren. 2018 ist das schlechteste Dax-Jahr seit der Finanzkrise.

Wer nur in den Dax investiert, ist aber auch nicht wirklich breit aufgestellt: Der Index umfasst nur 30 Konzerne aus Deutschland. Wenn der globale Handelsstreit sich nächstes Jahr verschärft, was die Exportnation Deutschland besonders hart treffen würde, kann der Dax 2019 weiter fallen. Wer in Aktien investiert, sollte aber weniger auf das nächste Jahr schauen, sondern mehr auf das nächste Jahrzehnt. Solange die Weltwirtschaft langfristig wächst, steigen auch die Kurse.

Dabei gilt zugleich: Wer ständig den nächsten Aktiencrash vorhersagt, hat irgendwann recht. Das macht diese Prognosen aber nicht gut, im Gegenteil. Wer jeden Tag vorhersagt, dass es morgen regnet, hat schlicht aus Zufall irgendwann einmal das richtige Wetter prophezeit. Einem solchen Dauer-Schlechtwetter-Prognostiker würden die Menschen nicht mehr glauben. Bei Finanzvorhersagen verfängt aber leider bei vielen die Angst vor dem Crash.

Auch bei den Silvesterabendessen werden wieder Menschen vor der angeblich ganz kurz bevorstehenden Finanzschmelze warnen. Dann ist gut zu wissen: An Neujahr haben die Börsen in Frankfurt und in New York geschlossen. Es kann eh keiner verkaufen.

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