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Geldanlage:Wieso die Dax-Aufsteiger verlieren

Thüringens Wirtschaftsminister besucht Siemens-Generatorenwerk

Ein Mitarbeiter in einem Generatorenwerk von Siemens Energy in Erfurt. Die nun eigenständige Energiesparte von Siemens könnte in den Dax aufsteigen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bald könnte der Dax zehn neue Mitglieder haben. Doch die Zahlen zeigen Erstaunliches: Für viele Neulinge wurde der Aufstieg zum Kurskiller.

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Eigentlich sollte es wohl nur ein kecker Seitenhieb sein, den der Chef des Duftstoffe-Herstellers Symrise Anfang August äußerte. Seit Monaten bereits spekulierten Frankfurter Banker, ob das Unternehmen mit den Düften für Zahnpasta und Putzmittel in den prestigereichen Klub der 30 wichtigsten Börsenunternehmen im Land aufsteigen könnte. Doch Symrise-Chef Heinz-Jürgen Bertram klang wenig euphorisch: "Ich weiß nicht, ob es toll ist, dem Trümmerhaufen Wirecard im Dax nachzufolgen", sagte er auf einer Veranstaltung.

Eigentlich sollte es eine Ehre sein, wenn Unternehmen in den deutschen Leitindex aufsteigen, eine Anerkennung für die Manager, deren Unternehmen fortan im Rampenlicht der ersten Börsenliga stehen. Doch eine Auswertung der Süddeutschen Zeitung zeigt: Der Dax-Aufstieg sorgt bei den meisten Unternehmen nicht für kräftige Börsengewinne, sondern geriet oft zum Kurskiller. Unternehmen, die seit 2010 in den Dax aufgestiegen sind, rutschten im ersten Monat an der Börse im Schnitt um fünf Prozent ab. Ein Jahr später standen die Kurse dieser Titel im Schnitt gar um knapp neun Prozent tiefer. Der Leitindex? Zumindest für die hoffnungsvollen Aufsteiger geriet er zum Leidindex.

Anleger wetten auf die Dax-Neulinge und hoffen auf das große Geld

Selten war diese Erkenntnis wichtiger als heute, seit Wochen plant die Börse im Verborgenen die wohl größte Reform des deutschen Börsenbarometers in seiner mehr als dreißigjährigen Geschichte. Dabei geht es nicht nur um technische Details, sondern auch um gravierende Gesichtsveränderungen: "Es ist kein Geheimnis, dass ich persönlich die Ausweitung des Dax 30 auf einen Dax 40 begrüßen würde", sagte der Chef der Deutschen Börse, Theodor Weimer, vor wenigen Wochen.

Ob der Dax bald Zuwachs bekommt, wird am Dienstagmorgen offiziell, dann veröffentlicht die Börse mögliche Regeländerungen. Doch bereits seit Wochen kursierten Listen mit den möglichen Aufstiegskandidaten, darunter der Online-Modehändler Zalando, die Corona-Tester von Qiagen, Siemens Energy oder der Chemikalienhändler Brenntag. Und immer wieder setzen auch Privatanleger auf die Aktien der Neulinge, wenn sie in den Börsenolymp aufgestiegen sind.

Zalando eröffnet Outlet in Leipzig

Ein Zalando-Geschäft in Leipzig: Der Onlinehändler ist in der Pandemie besonders erfolgreich, er könnte bald zu den größten deutschen Börsenunternehmen gehören.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Die Zahlen der SZ-Auswertung legen nahe, wie problematisch diese Strategie für Privatanleger seit 2010 auf mittlere Sicht gewesen wäre. Im ersten Monat nach der Dax-Aufnahme sackten die Kurse der Dax-Neulinge in acht von zehn Fällen ab. Das Medienunternehmen Pro Sieben Sat 1, der Kunststoffspezialist Covestro und der Triebwerksbauer von MTU hatten dabei noch Glück gehabt, hier standen die Kurse einen Monat nach ihrer Aufnahme in den Leitindex bloß weniger als ein Prozent tiefer. Bei vielen anderen Unternehmen aber waren selbst binnen nur eines Monats bereits deutliche Kursabschläge an der markanten Magnettafel im Börsensaal: Die Aktien der Spezialchemiker von Lanxess rutschten um acht Prozent ab, die des Wohnungskonzerns Vonovia um mehr als zehn Prozent. Bei Heidelbergcement sackte der Kurs gar um 18 Prozent in die Tiefe - binnen nur vier Wochen.

Nordrhein-Westfalen fördert Produktion von Corona-Tests

Mitarbeiter in Schutzanzügen in einem Labor von Qiagen: Das Biotech-Unternehmen ist ebenfalls Anwärter auf den Dax.

(Foto: Fabian Strauch/dpa)

Für die meisten Unternehmen wurde die Lage nach einem Jahr nicht besser, im Gegenteil: Bei vielen zeigt sich nach dieser Frist gar ein Kursdesaster. Die Aktien von Pro Sieben Sat 1 standen mit einem Minus von zwölf Prozent noch verhältnismäßig gut da, während die Kurse von Covestro und MTU ihren Anlegern gar Verluste von mehr als 40 Prozent beschert hatten.

Wie selten nach dem Indexaufstieg auch der Kursaufstieg folgte, zeigen auch Zahlen des Vermögensverwalters HQ Trust, der aus Bad Homburg heraus unter anderem das Milliardenvermögen superreicher Familien verwaltet. In einem Wettrennen ließ HQ-Anlagechef Marcel Müller die Dax-Aufsteiger gegen den Leitindex antreten: Wer hat sich ein Jahr nach der Indexaufnahme besser geschlagen - der Dax oder der Indexneuling? Die Ergebnisse sind blamabel: "Nur in 8 von 25 Fällen konnten die Neulinge im Index im ersten Jahr ein besseres Ergebnis als der Dax erzielen."

Doch woher kommt der wundersame Abstieg vieler Aufsteiger? Eigentlich müssten den neuen Unternehmen im Leitindex doch Milliarden an Anlegergeldern zufließen, weil internationale Fondsmanager Unternehmen viel öfter auf dem Schirm haben, wenn sie auch im Leitindex vertreten sind. Und eigentlich müssten doch auch die milliardenschweren börsengehandelten Indexfolger (ETF) das Kursbarometer nachbilden und massenhaft Aktien der Neulinge brauchen. Vom größeren medialen Interesse an den Kursaufsteigern mal ganz zu schweigen.

Doch Privatanleger unterschätzen die oft verschlungenen Wege der Börsenmechanik: Wenn die Unternehmen den Sprung in die erste Börsenliga schaffen, sind sie zuvor oft schon stark gewachsen, haben oft bereits eine lange Tour durch den S-Dax der kleinen und den M-Dax der mittelgroßen Börsenunternehmen hinter sich. Damit die Titel überhaupt in den Leitindex aufsteigen können, müssen ihre Kurse im Vorfeld zumeist kräftig steigen. "Viele Aufsteiger sind im Vorfeld natürlich schon sehr gut gelaufen", sagt Aktienstratege Michael Bissinger von der genossenschaftlichen DZ-Bank. Heißt umgekehrt: Mit höheren Kursen ist nach dem Dax-Aufstieg auch die Fallhöhe größer, auf ewig lassen sich die großen Kurssprünge nicht immer aufrechterhalten.

Brenntag -  Tanklastwagen

Ein Tanklastwagen mit der Aufschrift Brenntag: Die Firma mit Hauptsitz in Essen ist Weltmarktführer im Chemikalienhandel.

(Foto: Brenntag/picture alliance / dpa)

Das spekulative Kapital ist oft also bereits vor dem Aufstieg längst in den Titel geflossen. Bereits sieben Wochen vor dem nächsten Dax-Rochadetermin beginnen viele Banken mit ihren Vorberechnungen, drei Wochen vorher macht die Börse dann endgültig offiziell, wer in den Leitindex aufsteigen wird - die großen Wetten haben die meisten Profianleger also längst vor der Aufnahme abgeschlossen. Das zeigt sich auch in den Zahlen von Vermögensverwalter Müller: Vier Wochen vor dem Indexaufstieg laufen die späteren Neulinge dem Dax kurstechnisch am stärksten davon. "Offensichtlich ist hier bereits auf einen Wechsel spekuliert worden", sagt Marcel Müller von HQ Trust.

Auch das große Geld der milliardenschweren Dax-Indexfolger (ETF) fließt oft früher, als viele Anleger denken. Solche ETF müssen den Kursverlauf des Dax möglichst eins zu eins nachbilden. Wenn allein in Deutschland rund 14 Milliarden Euro in solchen Dax-Folgern stecken, müsste selbst für kleine Neuaufsteiger ordentlich etwas abfallen. Der Triebwerkehersteller MTU zum Beispiel stand beim Aufstieg für 1,25 Prozent des Dax. Würde die Logik vieler Anleger stimmen, müssten allein deswegen am Tag der Indexaufnahme 170 Millionen Euro in die Titel fließen. "Aber das ist ein Märchen", sagt ETF-Experte Andreas Beck vom Institut für Vermögensaufbau. Denn viele ETF-Manager bereiten sich bereits in den Wochen zuvor intensiv auf den Indexwechsel vor. "Viele haben Partner, die die Aktien schon im Vorfeld kaufen", sagt Beck.

Besonders bezeichnend war der Dax-Aufstieg übrigens auch im Fall des inzwischen insolventen Zahlungsdienstleisters Wirecard. Im Rückblick ist nun klar: Ihr Allzeithoch erreichten die Wirecard-Aktien bei 199 Euro ausgerechnet einen Tag bevor der Dax-Aufstieg offiziell wurde. Der Kurskollaps des Skandalunternehmens hatte dann aber andere Gründe.

© SZ
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