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Dax-Konzern:Größtmögliche Verwirrung

Wurden Kundenbeziehungen erfunden? Nein, sagt Wirecard. Fragen gibt es doch.

Bevor die Firma mit dem Löwen im Logo einem breiteren Publikum bekannt wurde, hörte sie offiziell auf zu existieren. Banc de Binary, so hieß ein israelischer Online-Anbieter mit Sitz auf Zypern, der seinen Kunden das schnelle Geld in Aussicht stellte. Im Angebot waren sehr spezielle Finanzgeschäfte, sogenannte binäre Optionen: äußerst riskante Wetten auf die Preise von Aktien, Währungen oder Rohstoffen wie Gold. Banc de Binary wollte daraus ein Massengeschäft machen, hatte eine Zulassung der zypriotischen Finanzaufsicht und zwischenzeitlich genügend Geld, um in Großbritannien den Erstligisten Liverpool zu sponsern.

Auf den ersten Blick war das alles legal, bekam aber einen unseriösen Anstrich, als die Börsenaufseher in den USA einschritten. Die New Yorker Behörden verboten der Firma schon 2013, neue US-Kunden anzunehmen. Ein paar Jahre später war dann ganz Schluss. Nachdem mehrere europäische Aufsichtsbehörden die Gefahr für Anleger erkannt hatten und binäre Optionen verboten, gab Banc de Binary im Januar 2017 seine Lizenz zurück und stellte im darauffolgenden März sein Geschäft ein.

In den Büchern von Wirecard existierte Banc de Binary aber offenbar weiter. Aus internen Dokumenten der Finanzbuchhaltung von Wirecard geht hervor, dass der Online-Anbieter im gesamten Jahr 2017 weiter Umsatz erwirtschaftet haben soll, mit Transaktionen im Millionenbereich. Die Dateien gehören zu einer Reihe verdächtiger Excel-Tabellen, die sich Mitarbeiter in der Rechnungslegung von Wirecard im April 2018 per E-Mail zuschickten. Zu einer Zeit also, in der die Wirtschaftsprüfer gerade die Bilanz untersuchten. Die Financial Times (FT) hatte einen Teil dieser Dateien im Oktober ausgewertet.

"Die von der FT veröffentlichten Informationen sind nicht authentisch", erklärt Wirecard auf Anfrage der SZ. Was der Konzern damit offenbar sagen will: Die internen Unterlagen, auf die sich die FT beruft und die auch der SZ vorliegen, sollen zumindest teilweise verändert oder gar manipuliert worden sein. Die Firmen-Unterlagen sind Teil eines Datensatzes aus deren Asien-Zentrale in Singapur. Dort war es bei Wirecard zeitweise drunter und drüber gegangen. Unregelmäßigkeiten, Missstände, Zerwürfnisse. Falls Dateien manipuliert worden wären, dann wahrscheinlich dort. Dann aber hätte Wirecard solche Manipulationen bei den Aufräumarbeiten in Asien möglicherweise längst entdecken können.

Man kann sich Wirecard vorstellen als Zwischenstelle zwischen Käufern und Online-Shops, zwischen Kreditkarteninhabern, Banken und Händlern - oder eben zwischen Anbietern binärer Optionen und ihren Kunden. Wie ein Verteilerkreis. Aber Wirecard tritt nicht immer selbst als Zwischenhändler auf, wenn es um Geldtransfers geht. Der Konzern vertraut nach eigenen Angaben auf mehr als 100 Partnerfirmen, die in seinem Auftrag Zahlungen abwickeln - etwa in Ländern, in denen Wirecard keine eigene Lizenz hat. In den Jahren 2016 und 2017 stammte internen Unterlagen zufolge mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes von Wirecard und fast der gesamte Gewinn aus dem Geschäft mit nur dreien dieser Partner.

Der größte und wichtigste davon: Al Alam Solutions aus Dubai. Den Daten aus Singapur zufolge hat das über Al Alam abgewickelte Geschäft im Jahr 2016 mehr als die Hälfte des Konzerngewinns ausgemacht. "Solche Partnerunternehmen erbringen im Backend eine Connectivity Leistung - der durch einen Partner erzielte Umsatz ist null", erklärt Wirecard dazu. Was damit gemeint sein soll, ist schwer nachvollziehbar. Es entsteht der Eindruck, dass es sich um eine ziemlich undurchschaubare Branche handelt.

Al Alam Solutions, 2011 gegründet, veröffentlicht keinen von Wirtschaftsprüfern testierten Jahresabschluss. Das Karriereportal Linkedin listet nur vier Mitarbeiter auf. Aktuelle Stellenausschreibungen beschränken sich auf Büroassistenzen, Hilfstätigkeiten im IT-Support und auf den Sicherheitsdienst. Auf der Webseite sind keine verantwortlichen Manager benannt. Und die über diese Firma angebundenen Kunden sollen bis vor wenigen Jahren Hunderte Millionen Euro Umsatz zum Geschäft von Wirecard beigesteuert haben?

In den internen Finanztabellen sind 34 Kunden aufgelistet, zu denen die Wirecard-Buchhalter Umsätze über Al Alam verzeichnen. Mal handelt es sich wie im Fall von Etisalat aus Abu Dhabi um eine staatliche Telefongesellschaft, mal mit der Firma Mobilmat um einen früheren Anbieter von Prepaid-Karten aus Italien. Bei den genannten 34 Unternehmen handle es sich um "Bezeichnungen für Kundencluster, die für Reporting- und Abstimmungszwecke erstellt wurden und jeweils Hunderte von echten Einzelhändlern enthalten", hatte der Konzern dazu erklärt. Auf Nachfrage heißt es nun: Die Kernaussage, es seien 34 Händler abgewickelt worden, sei falsch. In Wirklichkeit seien es mehr als 1000 vor allem kleinere Kunden gewesen. Auch sei falsch, dass Umsätze mit Händlern abgewickelt worden seien, die nicht mehr existiert hätten.

Also auch nicht von Banc de Binary. In einer der Dateien ist für diesen Unternehmensnamen allerdings noch im Dezember 2017 ein Transaktionsvolumen von mehr als 3,7 Millionen Euro aufgeführt, und in den Monaten zuvor jeweils in sehr ähnlicher Höhe. Damals hat Banc de Binary offiziell gar kein Geschäft mehr gemacht und soll auch anders als früher nicht mehr Kunde von Wirecard gewesen sein. Aber im Nachhinein sollen Buchhalter von Wirecard den Namen dieses dubiosen Online-Brokers genutzt haben, um eine Gruppe von Hunderten "echten Einzelhändlern" zu bezeichnen, die über den Partner Al Alam angebunden sind? Das ist nur eine von einer Reihe konkreter Fragen, auf die Wirecard nicht so konkret antwortet.