Dax 40:Der neue Dax ist kein großer Wurf

German share price index DAX graph is pictured at the stock exchange in Frankfurt

Künftig zusätzlich auf dem Dax-Kurszettel: Airbus, Brenntag, Hellofresh, Porsche, Puma, Qiagen, Sartorius, Siemens Healthineers, Symrise, Zalando.

(Foto: REUTERS)

Die Deutsche Börse stockt den Dax auf 40 Konzerne auf. Was nach einem wichtigen Schritt klingt, ist jedoch nur ein Reförmchen.

Kommentar von Victor Gojdka

Als der deutsche Leitindex Dax im Jahr 1988 startete, verglichen ihn viele Kommentatoren gerne mit seinem tierischen Pendant. An manchen Tagen hieß es, der Dax habe sich "heute freundlich gezeigt". Wenn es einmal schlechter lief, dann traute sich der Dax eben "nicht aus seinem Bau". Liebevoll wie ein Tier betrachteten viele Anlegerinnen und Beobachter damals jede Regung des Leitindex - doch diese Liebe zum Leitindex scheint zunehmend erkaltet zu sein. Die Performance erwies sich über die vergangenen Jahre als vergleichsweise mager, der Leitindex schien nach der Causa Wirecard obendrein skandaldurchrüttelt.

Wenn die Börse nun die wohl größte Reform seit dem Dax-Start orchestriert, dann ist das durchaus wörtlich zu verstehen: viel Orchesterdonner, wenig Substanz. Dass Unternehmen ihre Geschäfts- und Quartalsberichte seit Kurzem pünktlich vorlegen müssen und sonst nach einer kurzen Karenzzeit hochkant aus dem Index fliegen, mag sich streng anhören. Doch sobald die Unternehmen ihre Zahlen kleinlaut nachgemeldet haben, können sie sich wieder auf die Anwärterliste setzen lassen.

Dass potenzielle Aufstiegskandidaten künftig zwei Jahre vor dem Aufstieg operativ Gewinne geschrieben haben müssen, mag nach mehr Solidität für den Dax klingen. Entscheidend ist dabei jedoch ausgerechnet die Gewinnziffer vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen - die so manches außen vor lässt. Obendrein hat es sich mit der neuen Strenge übrigens erledigt. Denn sobald die Unternehmen es einmal in den Index geschafft haben, können sie wieder ungeniert Verluste schreiben.

Auch für Anlegerinnen und Anleger ist die Reform kein großer Wurf. Breiter, spritziger und dynamischer sollte der Dax damit eigentlich werden, so feierten es auch viele Banker in den vergangenen Tagen. Besser gestreut schien manchen Aktiensparern schon ihr Vermögen, wenn sie mit speziellen Indexfolgern eins zu eins dem Index folgen. Doch wer genau hinschaut, erkennt schnell: Neben ein bisschen oberflächlicher Kosmetik ist von dieser Reform nicht viel zu erwarten.

Klar, mit zehn neuen Titeln kann manches hippe Internetunternehmen seinen Weg in den Prestigeindex finden, auch mancher zukunftsträchtige Medizinkonzern. Doch zusammengenommen dürften die zehn Ankömmlinge im Aktienbarometer bloß für rund 15 Prozent des gesamten Dax stehen. Sie rangieren nur unter "ferner liefen". Vorberechnungen der Börse aus dem Juli zeigen sogar, dass sich das Gewicht der gescholtenen "Old Economy" im Index unter dem Strich fast gar nicht verändern dürfte. Die wirklichen Probleme des Leitindex löst die Reform also nicht.

Die Börse hätte sich das mit argumentativer Stärke eingestehen können: Selbst im rund 16o Titel fassenden Deutschlandindex FTSE Germany stehen die größten 40 Unternehmen für grob 80 Prozent des Index, die kleinsten 118 Titel wiederum bloß für rund 20 Prozent. Selbst wer einen Deutschlandindex also vordergründig richtig groß aufbläst, nimmt am Ende doch bloß Fliegengewichte hinein. Solche Fakten wissentlich zu ignorieren, zeugt am Ende davon, dass es sich bei der Dax-Reform um eine wohlkalkulierte PR-Aktion handelt. 40 Werte statt 30 Titeln, das taugt für eine kecke Schlagzeile - nicht aber für eine solide Investition.

Den größten Etikettenschwindel hat die Börse bei ihrer Indexreform übrigens völlig außen vor gelassen: Während die meisten anderen Leitindizes der Welt in ihren Kurven nur Kursgewinne abbilden, rechnet die Börse in den Dax-Lauf die wieder angelegten Dividenden dazu. Während sich der normale Dividenden-Dax seit der Jahrtausendwende deswegen mehr als verdoppelt hat, legte der umgerechnete Dax ohne Dividenden bloß rund 25 Prozent zu. Es ist eine bittere Wahrheit, die sich auf der Kurstafel im Börsensaal wohl einfach nicht gut machen würde.

© SZ
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