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Leitindex Dax:40 ist das neue 30

Dax im Handelssaal der Deutschen Börse in Frankfurt

Mit zehn weiteren Titeln könnte der Dax etwas breiter werden und neben Börsenbrummern auch mehr mittelgroße Unternehmen enthalten.

(Foto: dpa)

Der Dax bekommt nicht nur mehr Mitglieder. Die Deutsche Börse will nach dem Wirecard-Skandal auch die Kontrollen stärken. Aber war bringen die neuen Regelungen?

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Lange konnte Anlegern kein Sprachbild zu farbig sein: Der deutsche Leitindex Dax galt als elitärer Klub der 30 wichtigsten Börsenunternehmen, als Oberhaus des Finanzplatzes, als Bundesliga der Börse. Doch als sich das Skandalunternehmen Wirecard nach seinem Milliardenskandal noch über Monate im Leitindex halten konnte, da sprachen manche Händler offen von einer Schande.

Nun zieht die Deutsche Börse die Lehren aus dem Bilanzskandal um den insolventen Zahlungsdienstleister und reformiert den Leitindex. Die Quintessenz: Das Barometer der Börse soll solider und ruhiger werden - und größer. Welche Unternehmen dürfen sich Chancen ausrechnen? Und was bringen die Änderungen wirklich? Alle wichtigen Punkte im Check.

Änderung 1: Der Dax soll 40 Mitglieder bekommen

Von A wie Adidas bis V wie Vonovia: Bislang stand das Kürzel Dax für die 30 wichtigsten Börsenunternehmen im Land. Nun soll der Dax wachsen und voraussichtlich von Herbst 2021 an zehn weitere Mitglieder bekommen, also auf 40 Titel anschwellen. Die Börse stellte bereits klar: Auf der bekannten Kurstafel im Börsensaal ist genug Platz für die zehn Neulinge.

Noch ist jedoch nicht klar, wer diese Neulinge sein werden. Das dürfte sich erst kurz vor der Änderung im Herbst 2021 annähernd sicher sagen lassen. Laut Schätzungen der genossenschaftlichen DZ-Bank von Anfang Oktober dürften sich jedoch zum Beispiel die Online-Modehändler von Zalando, die Duftproduzenten von Symrise, die Corona-Tester von Qiagen oder die Chemikalienhändler bei Brenntag gute Chancen ausrechnen.

Mit zehn neuen Titeln könnte der Dax ein besseres Schaufenster der deutschen Wirtschaft sein: Neben Börsenbrummern würden sich dann auch mehr mittelgroße Unternehmen im Leitindex finden. Und die gelten als Rückgrat der deutschen Realwirtschaft. "Einen substanziellen Unterschied werden die zehn zusätzlichen Unternehmen jedoch am Ende kaum machen können", sagt Marc Decker von der Privatbank Merck Finck.

Änderung 2: Dax-Aufsteiger müssen profitabel sein

Künftig verstärkt die Börse nach dem Fall Wirecard die Einlasskontrollen für den Leitindex: Unternehmen, die neu in das Prestigebarometer aufsteigen wollen, müssen dann profitabel sein. In den beiden Jahresabschlüssen vor ihrer Aufnahme müssen sie also Gewinne nachweisen. "Die Absicht dieser Regel ist es, die Wirtschaftlichkeit des Geschäftsmodells vor der Aufnahme in die höchste Index-Etage sicherzustellen", teilte die Deutsche Börse mit.

Ob das Gewinn-Kriterium einen Bilanzskandal wie Wirecard tatsächlich verhindern kann, ist unklar. Auch der umstrittene Zahlungsabwickler hatte in seiner Bilanz Profite ausgewiesen, bevor er 2018 in den Dax aufstieg.

Für Anleger könnte das Gewinn-Kriterium sogar ein Nachteil sein: Viele dynamische Internetunternehmen machen oft horrende Verluste, um stark zu wachsen und um Konkurrenten am Markt wegzubeißen. Der Onlinegigant Amazon zum Beispiel schrieb lange Verluste und ist nun hochprofitabel. "Wenn man die Wirtschaft spiegeln will, dann wäre das Spiegelbild verzerrt, sofern man solche Unternehmen ausklammert", kritisierte der einflussreiche Anlagestratege Jens Ehrhardt von der Fondsgesellschaft DJE kürzlich.

Änderung 3: Mehr Obacht bei den Bilanzen

Künftig kennt die Börse keine Fehler mehr: Wer als Unternehmen seine Quartals- und Jahresberichte zur aktuellen Finanzlage nicht pünktlich abgibt, fliegt in Zukunft hochkant aus dem Leitindex. Liegt der Bericht nicht vor, gibt es zunächst eine öffentliche Vorwarnung der Börse. Bleibt das Unternehmen sein Zahlenwerk auch 30 Tage später noch schuldig, muss es den Leitindex binnen zwei Tagen verlassen. Das Gleiche gilt auch, wenn ein Unternehmen rückwirkend seine Zahlen zurückziehen muss - wie im Falle Wirecards.

Außerdem soll sich in jedem Aufsichtsrat eines Dax-Konzerns künftig ein spezieller Prüfungsausschuss nur mit Zahlen, Finanzen und Bilanzen des Unternehmens beschäftigen. Unternehmen, die bereits Mitglied im Dax sind, haben bis Mitte 2022 Zeit, ein solches Gremium zu schaffen. Das träfe aktuell nur den Pharmakonzern Merck zu, der als einziges Dax-Mitglied noch keinen Prüfungsausschuss vorweisen kann. "Es ist jedoch klar, dass die Qualität der Unternehmensführung nicht allein durch die Indexregeln sichergestellt werden kann", sagt Börsenexperte Marc Decker von Merck Finck. In der Tat: Auch Wirecard hatte einen solchen Prüfungsausschuss.

Änderung 4: Weniger Zockerei im Dax

Künftig könnte der deutsche Leitindex ruhiger werden: Bislang kamen natürlich stets die größten und meist gehandelten Aktien in den Klub der 30. Wenn künftig Indexrochaden anstehen, soll es vor allem nach dem Börsenwert gehen, also der Größe eines Unternehmens. Ob Anleger Aktien eines Unternehmens dauernd hin- und herhandeln oder über Jahre am Stück in ihren Depots schlummern lassen, ist dann nicht mehr entscheidend.

Was nach einem technischen Detail klingt, hat deutliche Auswirkungen: Denn ab und an konnten solidere Firmen nicht in den Dax aufsteigen, weil Anleger ihre Papiere nicht ständig handeln - sondern lieber auf lange Sicht im Depot parken. Zockerpapiere hingegen wechseln oft häufiger den Eigentümer, in manchen Monaten wanderten an der Deutschen Börse bei keiner anderen Aktie so viele Euro über den Tresen wie bei den Titeln von Wirecard.

Kritiker wandten immer wieder ein, dass das Kriterium vor allem der Börse diente: Je öfter ein Papier gehandelt wird, desto besser verdient das Unternehmen. Jetzt scheint der Konzern der Solidität seiner Indizes jedoch den Vorrang zu geben. Dabei orientiert man sich an internationalen Standards: Eine gewisse Mindestliquidität müssen die Dax-Mitglieder auch künftig noch nachweisen, um im Leitindex sein zu dürfen - Anleger müssen sie ja auch tatsächlich gut kaufen und verkaufen können.

Abgelehnter Vorschlag: Der Dax und die Waffen

Biokampfstoffe, Atomwaffen oder weißer Phosphor: Dürfen Unternehmen, die mit umstrittenen Waffen zu tun haben, Teil der Dax-Indizes sein? Diese Frage hat Privatanleger und Investmentprofis seit Wochen umgetrieben. Nun hat die Börse mit ihren neuen Regeln klargestellt, dass auch für umstrittene Waffen in der deutschen Indexfamilie Platz ist. "Die Deutsche Börse ist vor der Rüstungsindustrie eingeknickt", kommentiert die Nichtregierungsorganisation Urgewald.

Andernorts sah man das nicht so. In einer Umfrage unter Anlegern, Finanzgesellschaften und Unternehmen wollten viele Teilnehmer aus umstrittenen Waffen kein Tabu für den Dax machen. Denn welche Waffen sind "umstritten"? Und wie kontrovers ist es, wenn ein Tochterunternehmen des deutsch-französischen Flugzeugbauers Airbus Trägerraketen für die Atomwaffen der französischen Regierung wartet? Auf die Börse wären mutmaßlich viele schwierige Abwägungsfragen zugekommen.

Beim Flugzeugbauer Airbus dürfte man aufgrund der neuen Dax-Regeln nun doppelt jubeln: Weil Geschäfte mit umstrittenen Waffen doch kein Ausschlusskriterium werden, kann man in den Indizes der Dax-Familie bleiben. Weil die Börse den Dax zugleich um zehn Titel erweitert und andere Regeln anpasst, dürfte das binationale Unternehmen wohl aus dem M-Dax der mittelgroßen Werte in den Leitindex Dax aufsteigen. Das wiederum macht Kritiker sprachlos: Bislang nämlich war der Dax frei von umstrittenen Waffen.

© SZ
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