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Dax:30 ist nicht genug

Studie zur Finanzkrise

Christoph Kaserer, 55, stammt aus Meran und studierte Volkswirtschaft in Wien. Seit dem Jahr 2002 lehrt er an der Technischen Universität München und forscht zu Finanzmanagement und Kapitalmärkten.

(Foto: Hannibal Hanschke/DPA)

Bildet der Dax die deutsche Wirtschaft noch angemessen ab? Es gibt diverse Gründe für eine Ausweitung des Index. In anderen Kapitalmärkten umfassen die wichtigsten Indizes nämlich deutlich mehr Firmen.

Wenn der Essener Stahlkonzern Thyssenkrupp an diesem Montag endgültig aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) fliegt und dem Triebwerkhersteller MTU Platz macht, geht eine lange Geschichte zu Ende. Denn das Vorgängerunternehmen Thyssen war schon im Sommer 1988 dabei, als der Dax erstmals notiert wurde, die Traditionsfirma ist seitdem ununterbrochen Dax-Mitglied. "Das ist natürlich nicht schön, aber es führt uns auch die Realität von Thyssenkrupp vor Augen", sagte Konzernchef Guido Kerkhoff zur Degradierung. Zu groß ist die Krise in Essen, zu stark der Absturz der Aktie.

Den Dax, das wichtigste deutsche Aktienbarometer, das die 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland umfasst, gibt es seit 31 Jahren. Seine Größe ist aber auch umstritten. "Die Welt ändert sich, da muss sich auch das Konzept des Dax ändern", sagt Christoph Kaserer, Professor an der TU München, dessen Spezialgebiet die Kapitalmärkte sind. "Ich plädiere für einen deutlich größeren Dax, zum Beispiel mit 50 oder gar mit 100 Werten." In anderen wichtigen Kapitalmärkten, etwa in Frankreich, Großbritannien oder den USA, würden die wichtigsten Indizes mehr als 30 Unternehmen umfassen. Warum nicht in Deutschland, eine der wichtigsten Volkswirtschaften? In den USA gibt es zudem zusätzlich den S&P 500, der alle wichtigen Unternehmen umfasst und weltweit sehr beachtet wird.

Kaserer hält eine Aufstockung auch wegen des rasanten Wachstums von ETF-Fonds für notwendig. Das sind börsengehandelte Investmentfonds, die in aller Regel einen wichtigen Index nachbilden. Dabei wird in Deutschland der Dax bevorzugt, weil hier die Liquidität groß ist. Dadurch werden große Teile des am deutschen Aktienmarkt angelegten Vermögens auf nur 30 Aktien konzentriert. "Ich denke, es ist ziemlich offensichtlich, dass hiermit Allokationsprobleme einhergehen können, die sich in Zukunft noch verschärfen werden", sagt Kapitalmarktexperte Kaserer. Bereits heute machten - gemessen an den Börsenumsätzen - Dax-ETFs etwa 14 Prozent aller ETF-Umsätze aus, wohingegen ETFs auf den Nebenwerteindex M-Dax auf deutlich weniger als ein Prozent kämen. "Gemessen an der wirtschaftlichen Bedeutung der M-Dax-Werte ist dies ein ziemliches Missverhältnis", stellt Kaserer fest.

"Ein beispielsweise 50 Werte umfassender Dax wäre ein repräsentativer Index, der die deutsche Wirtschaft deutlich besser abbilden würde und auch mehr Liquidität zur Verfügung stellen würde", meint der BWL-Professor. Es wären dann wohl auch mehr Branchen im Dax vertreten. Nicht nur Anleger würden von einem größeren Dax profitieren, auch die Unternehmen, die mehr Aufmerksamkeit bekämen, was etwa bei Kapitalmaßnahmen gut ist. Zudem teilen sich immer mehr Konzerne auf, in mehrere börsennotierte Firmen: Siemens, Metro, Eon. Die Zahl der potenten Aktienunternehmen steigt damit.

Es gebe keine konkrete Planung für eine Änderung des Dax-30, sagte ein Sprecher der Deutschen Börse AG (deren Aktie selbst im Dax notiert ist). Man halte aber "die Augen auf", prüfe immer wieder und diskutiere mit Marktteilnehmern. Im Frühjahr 2018 wurde bereits eine breite Befragung durchgeführt; danach wurde der M-Dax für mittelgroße Unternehmen und der S-Dax für kleine Firmen auf 60 bzw. 70 Mitglieder aufgestockt. Der Dax-30 sei "ein etabliertes Produkt", was nicht so schnell geändert werden könne. Kaserer etwa schlägt vor, dass die Zahl der Mitglieder schrittweise angehoben werden könnte, etwa zwei neue Dax-Unternehmen pro Monat. Kandidaten gäbe es: So sind im M-Dax bekannte und große Firmen gelistet, nicht nur Thyssenkrupp und Commerzbank, beides Dax-Absteiger, aber auch internationale und hoch bewertete Konzern wie Airbus, Evonik, Deutsche Wohnen, Knorr-Bremse, Hannover Rück, Puma, Symrise, Uniper oder Zalando. Ein weiterer Effekt: Die Dax-Mitglieder müssten nicht mehr so oft getauscht werden, Anleger und Unternehmen hätten mehr Sicherheit - und Traditionsfirmen wie Thyssenkrupp würde eine Schmach erspart bleiben.

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