Dating-App Im Tindergarten

Bin ich schön? Das entscheidet der Nutzer auf der Dating-App Tinder. Wer nicht gefällt, wird einfach weggewischt.

(Foto: Quelle: Tinder)
  • Die Dating-App Tinder macht Partnersuchende weltweit geradezu süchtig. Jetzt kosten zusätzliche Dienste Geld.
  • Die Kosten steigen zudem deutlich, wenn der Nutzer "alt" ist. Je nach Land heißt das: Er oder sie hat den 28. oder 30. Geburtstag hinter sich.
Von Jürgen Schmieder

Niemand auf der Welt braucht Tinder, so wie kein Mensch Facebook braucht oder Instagram oder Twitter. Es geht jedoch im Leben nur ganz selten ums Brauchen, sondern vielmehr ums Habenwollen oder Süchtigsein. Die Dating-App ist so ein Smartphone-Süchtigmacher, weil die Mitglieder unbedingt wissen möchten, ob sich gerade ein attraktives und paarungswilliges Exemplar in der Nähe befindet - und ob einen jemand für attraktiv und paarungsfähig erklärt hat. Die Entwickler haben das Verlockende ihrer Erfindung erkannt. "Es gibt Nutzer, die sind derart aktiv, dass man es fast als süchtig bezeichnen könnte", sagt Gründer Sean Rad. Seit Montag verlangt die Firma für zusätzliche Funktionen eine Gebühr.

Wie einst die Playboy-Leser

Auf die Frage, warum sie sich auf Tinder tummeln, reagieren Nutzer wie pubertierende Teenager oder wie vor 25 Jahren jene Leute, die mit einer Ausgabe des Magazins Playboy erwischt wurden: Geht es um Sex? Quatsch, niemals! Es geht um Restaurant-Tipps, Mitfahrer zum Flughafen, Begleiter fürs Kino - alles so harmlos wie die prächtigen Fotostrecken von Marilyn Monroe, Pamela Anderson oder Naomi Campbell im Heft.

Tinder funktioniert so: Die App checkt, welche Menschen eines bestimmten Geschlechts aus der bevorzugten Altersgruppe sich innerhalb eines definierten Umkreises befinden. Die werden dann mit Fotos und kurzer Beschreibung auf dem Bildschirm angezeigt, der Nutzer kann durch Wischen nach rechts oder links entscheiden: Will ich haben - oder nicht. Wenn zwei Mitglieder Gefallen aneinander finden, können sie sich Nachrichten schicken und ein Treffen in der wirklichen Welt vereinbaren. Weltweit tummeln sich bereits 50 Millionen und in Deutschland immerhin zwei Millionen Menschen im Tindergarten.

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Zusatzdienste kosten Geld

Die zusätzlichen Angebote beinhalten nun zum einen die Rücknahme einer Ablehnung. Wer jemanden für unattraktiv erklärt hat, kann seine Entscheidung später revidieren - so wie der Aufreißer in der Disko, der später am Abend Frauen anspricht, die er zunächst einmal verschmäht hatte, weil sein primäres Objekt der Begierde wider Erwarten kein Interesse zeigte. Und natürlich kann es beim Staccato-Kennenlernen mit 60 Wischern pro Minute schon mal vorkommen, dass jemand unabsichtlich in die Nicht-Habenwollen-Ecke geschoben wird.

Die zweite kostenpflichtige Erweiterung betrifft den Standort. Bislang geht die Suche vom tatsächlichen Standort des Nutzers aus. Daran gab es Kritik. "Die Leute wollen schon vor der Abfahrt zum Zielort mit dem Wischen beginnen", sagt Rad. Wer bezahlt, der kann künftig seinen Standort manuell festlegen. Natürlich nur, um vor der Geschäftsreise einen Hinweis auf ein schnuckliges Hotel zu bekommen - und nicht, um schon vor der Abfahrt frivole Abenteuer zu vereinbaren.

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Vor allem ältere Nutzer zahlen um zu erfahren, wer sie attraktiv findet

Besonders interessant und entlarvend allerdings ist die Struktur der Bezahlung. Wen Tinder für alt erklärt, der muss für die zusätzlichen Angebote und ein Blockieren der Werbung künftig je nach Wohnort das Doppelte oder Vierfache eines jungen Mitglieds bezahlen. In Großbritannien ist die Grenze der 28. Geburtstag. Wer jünger ist, zahlt vier Pfund im Monat, ältere 16 Pfund. In den Vereinigten Staaten gilt das 30. Lebensjahr als Altersschwelle - Jüngere zahlen zehn Dollar, Ältere doppelt so viel im Monat. Für die deutschen Nutzer sind noch keine Preise und Altersgrenzen bekannt, noch befindet sich Tinder laut Rad in der Testphase: "Wir suchen den Punkt, der alle zufrieden stellt." Es geht, und das zeigt die Einführung der zusätzlichen Gebühren, bei dieser Dating-App dann doch viel weniger um ungezwungene Verabredungen und sexuelle Abenteuer als bisher angenommen. Es geht vielen Nutzern eher um die Information, dass es da draußen jemanden gibt, der einen attraktiv findet oder haben will. Und diese Information wird ganz offensichtlich umso wertvoller, je älter man ist.

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