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Glossar zur Finanzkrise:Von M wie Märkte bis P wie PIIGS

Märkte. Ursprünglich ein Wort, das positive Gefühle weckte, zum Beispiel in Verbindung mit "Wochen-" oder "Gemüse-". Hat in letzter Zeit an Sympathien eingebüßt, vor allem, wenn ihm ein "Finanz-" vorangestellt ist. Für viele Politiker sind sie das Böse schlechthin. "Die Märkte" sorgen dafür, dass Aktien ins Bodenlose fallen (-> Blutbad) und Zinsen für Anleihen verschuldeter Staaten extrem steigen, woraufhin diese von der Politik gerettet werden müssen.

"Die Märkte treiben die Politik vor sich her", ist ein Satz, der in diesem Zusammenhang oft fällt. Marktgläubige halten dem entgegen, dass die eigentliche Ursache der Krise die hohe Staatsverschuldung sei, für die ja wohl die Politiker verantwortlich seien; "die Märkte" hielten nur den Spiegel vor. Außerdem seien "die Märkte" die Gesamtheit aller Anleger, also auch Lebensversicherte oder Privatanleger. Das Grundproblem ist, dass die Märkte gelegentlich von aggressiven Spekulanten dominiert werden, die ihre eigenen Methoden haben (-> Short selling).

Notenbank. Die Notenbank druckt in der Krise notfalls Banknoten. Auf jeden Fall spielt sie die Feuerwehr. Erst löscht sie mit konventionellen Mitteln, sie senkt Leitzinsen, um Banken, Unternehmen und den Staat zu entlasten. Wenn das nicht reicht, kann sie die Finanzmärkte mit so viel Geld fluten, wie die Banken verlangen. Flüssig muss die Wirtschaft sein, um zu funktionieren. Die Notenbank kann zudem Anleihen vom Markt nehmen, um für Stabilität zu sorgen.

Während die Amerikaner und Briten in großem Umfang diese versteckte Form der Staatsfinanzierung praktizieren, tun sich die Europäer damit schwer. Deutsche Stabilitätspolitiker warnen vor massiver Monetarisierung der Staatsschulden. Die Geldflut wird der Inflation den Weg bereiten, fürchten viele Experten. Schlimmer noch, sie gilt als Auslöser von künftigen Krisen, weil der Überfluss an Kapital stets nach Anlage strebt - und so Vermögen übermäßig verteuert, was zu "Blasen" führt.

Öffentliche Haushalte. Helfen reicht nicht in der Krise. Die Schuldnerländer dürfen nicht nur Geld und Garantien entgegennehmen. Sie müssen auch sparen. Das ist offenbar nicht so einfach. In Griechenland drohen sofort Generalstreiks oder mindestens große Demonstrationen in Athen, wenn es um Kürzungen der Öffentlichen Haushalte und damit an die Versorgung von Staatsbediensteten geht. Der öffentliche Dienst ist stramm organisiert, wehrhaft und zahlreich.

Fast ein Viertel der arbeitenden griechischen Bevölkerung ist beim Staat beschäftigt, es ist ein mehr als doppelt so hoher Anteil wie in Deutschland. Nicht nur in Griechenland engagieren sich die Mitarbeiter des Staates in den politischen Parteien. Auch hierzulande tun sie es: Bei CDU, SPD und FDP sind jeweils um die 20 Prozent der Mitglieder Beamte, bei den Grünen beträgt der Anteil sogar 37 Prozent. Aus den Parteimitgliedern rekrutieren sich die Volksvertreter für die Parlamente. Sparen bei den Staatsdienern ist da politisch gar nicht so einfach.

PIIGS. Wie zerrissen Europa durch die Euro-Krise ist, zeigt sich an der Sprache: Als PIIGS werden seit 2010 die Krisenländer im Euro-Raum bezeichnet: Gemeint sind Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien. Die fünf Staaten finden sich mit ihrem Anfangsbuchstaben in der Abkürzung wieder. Ganz bewusst erinnert PIIGS an den englischen Begriff für Schwein ("Pig") - es schwingt eine Abwertung mit. Nach dem Motto: Hier handelt es sich um Europas "Schweine". Um diejenigen, die ihre Budgets nicht beherrschen. Deren Staatsverschuldung so hoch ist, dass ein Bankrott droht, der allen Staaten in der Währungsunion schadet.

Tatsächlich lasten auf den PIIGS-Staaten wachsende Schulden. In Portugal, Irland und Griechenland kletterten die Zinsen auf Rekordstände, selbst nachdem die EU und der IWF große Rettungspakete beschlossen hatten. Der Ökonom Hans-Werner Sinn ist einer der schärfsten Kritiker, meidet aber das Wort PIIGS und verwendet lieber GIPS, ein anderes Akronym für die gleiche Sache.

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