Das Experiment"Ich bin ein Verhüterli"

Lesezeit: 2 Min.

Düsseldorf soll jetzt zur plastikbeutelfreien Stadt werden. Doch der Weg zu nachhaltigen Materialien ist noch weit.

Von Varinia Bernau, Michael Kläsgen, Düsseldorf

Vor zwei Jahren haben sie bei der Hercules Bäckerei die Plastiktüte durch eine Papiertüte ersetzt. "Wir hatten damit auf einen Schlag etwa das Fünffache an Kosten", erinnert sich Grischa Schüring. Deshalb beschlossen sie, die Tüten nur noch gegen eine Gebühr von zehn Cent pro Stück herauszugeben. Seine Kunden, erzählt Schüring, hätten aber nicht nur nach der Tüte verlangt, um die Brötchen darin nach Hause zu tragen, sondern auch, um sie darin aufzubewahren. So eine Tüte hält die Brötchen schließlich frisch.

So haben die Bäcker weiter nachgedacht, wie sie der Umwelt und ihren Kunden helfen können. Herausgekommen ist ein Jutebeutel, um die Brötchen nach Hause zu tragen; ein waschbarer Brotsack aus Leinen, um sie frisch zu halten; und ein Brotkasten aus Keramik, um sie aufzubewahren. Wer sich einmal alle Teile zulegt, muss 50 Euro zahlen. "Es läuft langsam an", sagt Schüring. Es gehe darum, dem Kunden Alternativen aufzuzeigen. "Bei vielen Menschen ist es ein Automatismus, zur Tüte zu greifen."

Gerade Plastiktüten aber sind schlecht für die Umwelt. Bei ihrer Produktion entsteht enorm viel Kohlendioxid; sie haben eine endlos lange Verfallszeit und werden versehentlich von Tieren gefressen. Deswegen sagen ihr immer mehr Menschen den Kampf an: Bürgerinitiativen rufen plastikfreie Zonen in einzelnen Vierteln aus. Familien versuchen, ohne Kunststofftüten auszukommen. Manchmal sind es auch einzelne Geschäfte, die Vorbild sein wollen.

Die Hercules Bäckerei ist einer von mehr als 50 Händlern, die es sich zum Ziel gesetzt haben, Düsseldorf mit seinen 800 000 Einwohnern zur ersten plastiktütenfreien Stadt Deutschlands zu machen. Das Mittel der Initiative ist Humor. An alle Läden, die sich an der Aktion beteiligen, haben sie Schilder geklebt. Darauf steht: "Ich bin ein Verhüterli" - weil sie die Plastiktüten verhüten. "Wir wollen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger kommen. Wir setzen auf den Schmunzeleffekt", sagt Elita Wiegand, eine der Initiatoren.

In Schulen zeigen sie, wie man aus alten Stoffen Taschen herstellen kann. Und online, welche Erfahrungen die Händler machen, die bereits Verhüterli geworden sind. Das soll anderen Mut machen: Eine Kaffee-Rösterin gibt zu bedenken, dass Papiertüten bei Regen durchnässt werden. Ein Büdchen-Besitzer berichtet, dass er die angebotenen Jutebeutel auch nutzt, um etwas den Lokalpatriotismus im Viertel zu stärken. Ein griechischer Lebensmittelhändler erzählt, wie gerne er Fisch isst und dass er keine Plastikteilchen mitessen möchte.

Weitere Händler versuchen sie vom Verzicht auf die Tüten zu überzeugen. Ende April wollen sie einen Sammelpunkt einrichten, an dem Anwohner all die Tüten abgeben können, die noch irgendwo in Schubladen liegen. Und dann könnten sie sogar Unterstützung von der Stadtspitze bekommen: Die SPD-Fraktion feilt derzeit an einem Antrag, den sie bei der nächsten Stadtratsitzung einbringen will. Kommt er durch, könnte die Stadt auch Bußgelder von Händlern fordern, die weiterhin Plastiktüten an ihre Kundschaft verteilen.

© SZ vom 24.03.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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